Veranstaltungen: Dokumentation

7.4.2005

Projekt P: Forumtheaterprojekt "PartyZipate"

PartyZipate brachte Konflikte auf die Bühne. Alltägliche Konflikte wie Mobbing in der Schule oder sexuelle Belästigung wurden im Forumtheaterprojekt in Weimar von Jugendlichen in Szenen gefasst und anschließend aufgeführt, begleitet von Theaterprofis.

Theaterworkshop mit Till Baumann vom 13. bis 15.12.2004

Vom 13. bis 15. Dezember 2004 führte eine Gruppe von zehn Weimarer Schülerinnen und Schülern sowie Studierenden drei intensive Probentage im Weimarer Jugendzentrum "Mon Ami" durch. Erprobt und geübt wurde hierbei die Methode des "Forumtheaters".

Bei dieser Theaterform werden kurze Szenen entwickelt, bei welchen alltägliche politische Konflikte inhaltlicher Schwerpunkt sind. Basierend auf eigenen Erfahrungen werden Szenen gestaltet, in denen Probleme wie Mobbing in der Schule, Ausgrenzung, Gewalt, sexuelle Belästigung oder Familienkonflikte thematisiert und szenisch dargestellt werden. Jede dieser Szenen hat dabei zunächst einen negativen Ausgang. Geleitet werden diese Szenen durch einen so genannten "Joker", der die Moderation und Interaktion mit dem Publikum übernimmt. Aufgabe dieses "Jokers" ist es, im Gespräch mit dem Publikum die Konflikte der dargestellten Szene zu erarbeiten und schließlich Lösungswege zu finden. Dabei erhält das Publikum die Möglichkeit, selbst auf die Szene einzuwirken, indem es eine Person ersetzt, von der es denkt, dass diese etwas verändern könnte; anschließend wird die Szene erneut gespielt – und untersucht, ob und - wenn ja - welche Wirkung die Intervention des Publikums aufzeigt. Hierdurch kann das Publikum sich interaktiv einmischen und Zivilcourage im geschützten Rahmen "erproben". Diese Theatermethode wurde das erste Mal während einer Aktionswoche gegen Rechtsextremismus im April 2004 in Weimar von den teilnehmenden Jugendlichen praktiziert. Die damalige Aufführung auf dem Goetheplatz war ein großer Erfolg.

Anknüpfend daran entschloss sich die Gruppe, weitere Projekte in Angriff zu nehmen. Aufführungen in verschiedenen Jugendclubs und im "Reithaus" in Weimar folgten.

Nächstes Ziel sollte es nun sein, diese Art von Theater an Schulen auszuprobieren. Gerade bei Jugendlichen, so stellten wir fest, stößt das Forumtheater auf großes Interesse und eignet sich besonders gut als Motor für Zivilcourage und politische Intervention.

Für eben dieses Vorhaben nun entwickelte die Gruppe innerhalb von drei Tagen unter der Leitung von Theaterpädagoge Till Baumann zwei neue Szenen. Neben diversen Improvisationsübungen wurden Diskussionen zur Themenfindung geführt. Im Blickpunkt standen hierbei "Ausgrenzung in der Schule" und "Belästigung in der Öffentlichkeit". In zwei Arbeitsgruppen wurden aus diesen beiden Themenschwerpunkten schließlich zwei spielfähige Szenen zur Aufführung in Weimarer Schulen entwickelt.

In der ersten Szene geht es um eine junge Frau, die im Zug von zwei jungen Männern lautstark belästigt und sexuell bedrängt wird. Sie selbst kann sich kaum wehren, die Männer bedrängen sie immer mehr. Die anderen Fahrgäste werden auf den Vorfall aufmerksam, ignorieren ihn jedoch. Die Schaffnerin kommt und verlangt die Fahrkarten, wird aber von den beiden Männern lautstark vertrieben. In ihrer Not holt sie den Zugchef, welcher dem Problem nur mit wenig Interesse gegenübertritt. Er verlangt die Fahrscheine der beiden Männer, missachtet die schüchtern um Hilfe bittende Frau und verlässt mit der Schaffnerin das Abteil und macht dieser gar noch Vorwürfe wegen Ihrer "unnötigen Problematisierung".

PartyZipatePartyZipate
Als Grundkonflikte dieser Szene waren von uns sowohl sexuelle Belästigung als auch "Wegsehe" der Außenstehenden und männliche Dominanz am Arbeitsplatz angelegt.

Hauptakteure der zweiten Szene sind Schüler, die sich ausgelassen auf dem Schulhof unterhalten und dabei eine weitere Schülerin ausgrenzen. Sie ignorieren sie und machen sich über sie lustig. Dann jedoch fallen ihnen die Hausaufgaben ein, die abzugeben sind und die sie alle nicht erledigt haben. Die zuvor verspottete Schülerin wird überredet, ihnen die Hausaufgaben im Tausch gegen eine Zigarette auszuhändigen. Nachdem alle die Hausaufgaben abgeschrieben haben, kommt die Lehrerin und ertappt ausgerechnet die zuvor Ausgegrenzte beim Rauchen. Später im Klassenzimmer sammelt die Lehrerin die Hausaufgaben ein. Die Schülerin erhält trotz Bitten ihre eigenen von den Mitschülern nicht mehr zurück. Sie versucht, sich vor der Lehrerin zu erklären, diese glaubt ihr jedoch nicht .

PartyZipatePartyZipate
Bei dieser Szene geht es um Mobbing und psychischen Druck, den die Schüler und Lehrkörper aufeinander ausüben. Ein Problem, das, wie die Gruppe bei den Schulaufführungen schließlich erfuhr, tatsächlich häufiger vorkommt.

Aufführung im Goethegymnasium am 15.12.2004

Die erste Aufführung fand im Weimarer Goethegymnasium vor allen zehnten Klassen im Rahmen des Sozialkundeunterrichts statt.

Die Szenen stießen auf überraschend großes Interesse. Die Schülerinnen und Schüler ließen sich nicht lange bitten, gemeinsam mit dem "Joker" die gesehenen Probleme zu reflektieren und Lösungsansätze zu finden. Sie scheuten sich auch nicht, diese dann interaktiv in der Szene auszuprobieren.

Bei der ersten Szene waren es vor allem die anderen Mitfahrenden, die ersetzt wurden. Manche Schüler berichteten von eigenen Erfahrungen dieser Art und, dass es auch ihnen schwer fallen würde, in solch einer Situation angemessen zu handeln. Am Ende waren sich aber alle einig, dass "Wegsehen" die schlechteste aller möglichen Verhaltensweisen ist.

Auch die bedrängte Frau selbst wurde in einem der Interventionsversuche von einer Schülerin ersetzt und erhielt ein selbstsicheres und bestimmteres Auftreten, was Ihre Situation deutlich verbesserte.

Mit der zweiten Szene erhielt die Gruppe von der Klassenlehrerin ein positives Feedback. Sie berichtete, dass genau dieses Problem in der Klasse vorhanden sei und empfand unsere Aufführung als die richtige Methode, die Schüler einmal mit ihrem eigenen Verhalten zu konfrontieren.

Die Schüler selbst entdeckten auch hier viele Möglichkeiten, den Konflikt zu entschärfen. Zum einen gelang dies durch aktives Eingreifen der Mitreisenden, zum anderen durch Gegenwehr des Opfers selbst. Die Aufführung war ein großer Erfolg. Die Schülerinnen und Schüler waren über 90 Minuten hinaus durchgehend aufmerksam und diskussionsbereit. Inzwischen ist sogar eine der Zuschauerinnen dieser Aufführung neues Mitglied in unserer Theatergruppe geworden.

Aufführung im Sophiengymnasium am 16.12.2004

Im Sophiengymnasium verlief die Aufführung ähnlich. Hier spielte die Gruppe vor den elften Klassen im Rahmen des Ethikunterrichtes. Die Schüler waren auch hier sehr diskussionsfreudig und hatten kaum Probleme, diese für sie völlig neue und unerwartete Theaterform anzunehmen.

Wie im Goethegymnasium waren den Schülerinnen und Schülern die Situationen nicht unbekannt und sie waren durchweg positiv überrascht, mit welchen verhältnismäßig kleinen Reaktionen Einfluss auf das Geschehen genommen werden konnte. Weitere Schulaufführungen sind bereits für die Zukunft geplant.

Theaterworkshop in Hütten vom 6. bis 9.1.2005

Nachdem bei der Zukunftsplanung im Dezember beschlossen wurde, dass die Gruppe weitere Projekte in Angriff nehmen möchte, hielt man es für sinnvoll, ein Workshop-Wochenende in der Jugend-Bildungsstätte in Hütten zu organisieren.

Ziele sollte sein, einzelnen Gruppenmitgliedern das Know-How zu vermitteln, um künftig das Projekt auch ohne professionelle Hilfe weiterführen zu können. Zum anderen sollte eine weitere neue Szene entwickelt werden. Zu diesem Zweck lud die Gruppe erneut den Theaterpädagogen Till Baumann ein.

Am ersten Tag führte Till Baumann drei Gruppenmitglieder in die Grundlagen der Gruppenanleitung und Spielleitung ein. Nach diesem theoretischen Teil konnten die zwei Studenten und eine Schülerin dann das erste Mal selbst anleitend tätig werden und entwickelten eigenständig ein Workshop-Programm für den Rest des Wochenendes. Von nun an fungierte Till Baumann auch als Teilnehmer und gab abschließend ein Feedback ab.

Begleitet von vielen Übungen und themenfindenden Diskussionen wurde eine neue, dritte Szene entwickelt, die sich mit dem Thema "Konflikte in der Familie" auseinandersetzt. Die Protagonistin ist hier ein junges Mädchen, das sich zwischen ihren geschiedenen Eltern und ihren Freunden hin- und hergerissen sieht. Durch den von jeder Seite massiv ausgeübten Druck ist es am Ende völlig verzweifelt und sieht sich außer Stande, Ihre eigene Position zu finden.

Als Abschluss des Workshops gewährte Till Baumann der Gruppe noch einen kurzen Einblick in weitere Formen des "Theaters der Unterdrückten". Durch dieses intensive Wochenende fühlt sich die Gruppe nun in der Lage, selbstständig regelmäßige Proben durchzuführen. Außerdem sind diverse Auftritte und ein Erfahrungsaustausch mit einer anderen Forumtheatergruppe aus Halle geplant. Inzwischen trifft sich die Gruppe 14-tägig und ist bereits um einige neue Mitglieder, allesamt ehemalige Zuschauer aus den Schulaufführungen, angewachsen.

Das Projekt fand statt im Rahmen von "Projekt P - misch dich ein". Weitere Informationen finden Sie unter projekt-p.de.


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TiT-Veranstaltungsreihe

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Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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