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Veranstaltungen: Dokumentation

22.12.2004 | Von:
Ingrid Kolb

Medienethik

Referat

"Es ist entscheidend, dass Journalisten den Anspruch an sich haben, mit der Suche nach der Wahrheit niemals aufzuhören. Wenn ihnen der Wille dazu eines Tages von den Lesern, Zuhörern und Zuschauern nicht mehr abgenommen wird, dann hat sich dieser Beruf von selbst erledigt."

"Können moralische Werte gelehrt werden?" Ich möchte Ihnen als erste Antwort auf diese Frage ein Zitat vorlesen. Es stammt von einer Absolventin des 18.Lehrgangs der Henri-Nannen-Schule. Geschrieben wurde es für ein Erinnerungsbuch, das der Lehrgang zum Ende der Ausbildung sich selbst schenkte. Darin sind Gedanken, Szenen, Impressionen aus der Schulzeit festgehalten. Das Zitat lautet:

"Wichtig war für mich jener Tag, an dem die Schulleiterin das versuchte zu lehren, was nicht vermittelbar ist und was doch jeder haben sollte, besonders der Journalist – Rückgrat. Es war die halbe Stunde an jenem Morgen, in der sie darüber sprach, was wichtig ist, wenn man, was man so denkt, auch noch veröffentlichen darf: Es ging um Wahrheit und darum, wie eine Meinung im Kopf entsteht. Journalisten reden viel, sagte sie, am liebsten mit anderen Journalisten. Da ist eine Meinung schnell fertig im Kopf, ein Urteil ratzfatz gefällt. Besprechen Sie nicht mit anderen auf dem Flur, was Ihre Meinung ist, sagte sie. Haben Sie eine Meinung!"

Ich hoffe, Sie sehen mir nach, dass ich mir und der Schule mit diesem Zitat kräftig selbst auf die Schulter klopfe. Es fiel mir ein, als ich mir überlegte, wie ich Ihnen erklären soll, dass journalistische Werte durchaus vermittelt werden können, auch wenn "Ethik" nicht als Fach im Stundenplan steht. Es gibt bei uns keine Unterrichtseinheit, in der die publizistischen Grundsätze des Deutschen Presserates – der Pressekodex – heruntergebetet werden wie im Konfirmanden-Unterricht der Katechismus. Vielleicht auch deshalb, weil dieser Kodex, so wichtig er auch ist, in seiner Allgemeingültigkeit niemals alle Gewissenskonflikte abdecken kann, in die Journalisten geraten. Fairness, Anstand, Ehrlichkeit – es gibt Situationen, da muss innerhalb von Sekunden entschieden werden, wo jeder für sich die Grenze zieht. Journalistische Moral erweist sich in der Praxis, nicht in der Theorie.

Aber natürlich gibt es in der Ausbildung mehrere Stunden zum Thema "Presserecht" – das Recht am eigenen Bild, Namensnennungen bei Gerichtsberichten, Pflicht zur Prüfung der Quellen, Informantenschutz, Autorisierung von Interviews – all dies ist Wissen, das den jungen Journalisten vermittelt werden muss, und gelegentlich hat man den Eindruck, dass älteren Kollegen eine kleine Auffrischung dieser Paragraphen und Leitlinien auch nicht schaden würde. Was die Vermittlung der Werte betrifft, um die es hier bei dieser Tagung geht, so setze ich in der Henri-Nannen-Schule auf eher indirekte Methoden. Dazu drei Thesen:

1. Die ständige Diskussion ist effektiver als eine einzelne Unterrichtseinheit Ein Seminartag beginnt in der Regel um neun Uhr. Dann ist eine halbe Stunde Zeit, um die aktuellen Zeitungen zu lesen. Um halb zehn trifft sich der Lehrgang mit der Schulleitung zur so genannten "Konferenz". Wir vergleichen die Schlagzeilen, kommentieren die Kommentare, schauen uns die Auswahl der Fotos an, BILDen uns unsere Meinung von Deutschland größter Boulevardzeitung bis zu FAZ, SZ, Frankfurter Rundschau, Hamburger Abendblatt und taz. Dabei geht es mindestens ebenso oft um journalistisches Handwerk wie um journalistische Ethik. Es geht um Stimmungsmache, um Kampagnenjournalismus, um die Vermischung von Redaktion und Werbung (siehe Tagesspiegel vom 12. November, die AOL-blaue erste Seite der "Welt") sowie um die Frage, ob das Foto von der Enthauptung einer Geisel im Irak gezeigt werden soll oder nicht. Übrigens sind die jungen Leute in Fragen der Vermischung von Anzeigen und redaktionellen Seiten wesentlich strenger als so manchem Chefredakteur lieb sein dürfte.

2. Vorbilder sind prägender und wirken nachhaltiger als theoretische Unterweisung Es ist meine feste Überzeugung, dass junge Menschen durch die Begegnung mit charismatischen Persönlichkeiten aus der Welt der Medien in ihrer Haltung zum Journalismus mehr geprägt werden als durch theoretische Unterweisung in einem Studienfach Ethik. Es ist daher mein ständiges Bestreben, Referenten an die Schule zu holen, die das ausstrahlen, was für die berufliche und charakterliche Orientierung wichtig ist: Unabhängigkeit, Mut, einen eigenen Kopf und einen hohen Anspruch an sich selbst.

Als im Mai dieses Jahres im Zusammenhang mit Abu Graibh und den Geiselnahmen im Irak die Frage "Welche Bilder darf man zeigen?" zum Thema wurde, war gerade Heribert Prantl von der Süddeutschen Zeitung als Referent für "Kommentar" an der Schule. Er machte das Thema zur Übungsaufgabe und entfachte dadurch eine spannende Diskussion.

Ständiger Referent an der Henri-Nannen-Schule war auch mein leider viel zu früh verstorbener Freund und Kollege Herbert Riehl-Heyse. Er kam immer für einen halben Tag. "Vom Umgang mit den Mächtigen" nannten wir sein Thema im Stundenplan. Er war witzig, anschaulich, konkret, belegte seine Thesen, die man durchaus auch "Moralpredigten" hätte nennen können, mit vielen Beispielen aus der Praxis. Unvergessen ist mir seine Replik auf den Einwand, dass die Leser das doch wollten, diese Details aus dem Privatleben, das Stochern in der Intimsphäre – er sagte: "Na und, die Leute wollen viel, die wollen auch Steuern hinterziehen und mit Minderjährigen ins Bett, das erlauben wir ihnen ja auch nicht." Seine Wirkung auf alle Lehrgänge, die das Glück hatten, ihn zu erleben, kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Eine ähnliche Vaterfigur ist auch Jürgen Leinemann, der gerade kürzlich im Zeitschriftenseminar wieder zu Gast war. Von ihm lernen die Journalistenschülerinnen und –schüler unter anderem, dass man beim Porträtieren einer Person auch sich selber mit porträtiert, und wie wichtig es ist, sich das bewusst zu machen. Er schildert ihnen, wie Politik immer mehr zu Inszenierungenn verkommt, welche Mechanismen wechselseitig zwischen Politik und Medien funktionieren, und wie Macht für alle Beteiligten zur Droge werden kann.

Ich belasse es jetzt mal bei diesen drei Namen. Ich könnte noch mehr aufzählen, denn ein Dozent, der nicht zum Geist der Schule passt, ist bei uns nicht vorgesehen. Und es kommen auch immer wieder neue hinzu.

Zum Punkt "Vorbilder" möchte ich auch noch erwähnen, dass die Schule es den Lehrgängen ermöglicht, interessante Medientagungen und Kongresse zu besuchen. Zum Beispiel alle Veranstaltungen des Hamburger Presseclubs mit interessanten Gästen, aber auch das Jahrestreffen von Netzwerk Recherche, bei dem eine Vielzahl brisanter Themen aus dem Bereich der Medienpolitik und Ethik diskutiert werden, und die Jungjournalisten mit vielen prominenten Kolleginnen und Kollegen ins Gespräch kommen können.

3. Qualitätsjournalismus und ethische Standards bedingen sich gegenseitig Journalistische Moral und guter Journalismus gehen Hand in Hand – zumindest in der Theorie. Doch was die Schule lehrt, ist das eine, was draußen in der Praxis passiert, ist das andere. Wer sich für die Henri-Nannen-Schule qualifiziert, hat in der Regel eine sehr hohe Meinung vom Beruf des Journalisten und hat Ideale. Ich zitiere aus den Statements, mit denen die Teilnehmer des aktuellen Lehrgangs begründeten, warum sie Journalist oder Journalistin werden wollen. "Mit dem Schreiben kann ich etwas bewegen", begründet einer seinen Berufswunsch. "Ungerechtigkeit und Diskriminierung machen mich wütend", schreibt eine junge Frau. "Der Wirklichkeit auf der Spur sein", wollen die jungen Leute, "Missstände aufdecken" und "Anstöße zum Nachdenken geben".

Wie weit diese Wünsche der Wirklichkeit standhalten, haben wir untersucht. Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums der Schule gaben wir eine Studie in Auftrag, die Absolventen von Journalistenschulen in Hamburg, München und Berlin mit genau dieser Frage konfrontierte, was denn von ihren hehren Zielen im Alltag übrig geblieben sei. Hier nur zwei der Ergebnisse: "Denkanstöße geben" wollten 60 Prozent – 39 Prozent sagen, dass ihnen das im Berufsleben auch gelingt. "Einfluss nehmen auf die Gesellschaft" wollten 43 Prozent – 15 Prozent sagen, das sei ihnen auch möglich.

Ich höre Sie schon alle einwenden: Na und? Das ist doch ganz normal, dass sich hier eine Kluft auftut zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Die Erfahrung, dass im Redaktionsalltag nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen, wird den idealistisch gesonnenen Menschen nicht erspart bleiben, und zwar zu keiner Zeit.

Aber beginnt hier nicht bereits das Dilemma? Beginnt es nicht schon bei Kleinigkeiten - das Dilemma zwischen der reinen Lehre, die zum Beispiel besagt, ein Zitat darf nicht verändert, gar verfälscht oder erfunden werden, und der gängigen Praxis auch bei seriöseren Boulevardzeitungen, die nach dem Motto vorgehen: Das könnte er oder sie doch gesagt haben. Oder das Dilemma zwischen dem Wunsch, ernsthafte Information zu bieten, und dem ungeschriebenen Gesetz bei den meisten Privatradios: Alle Themen müssen irgendwie auf lustig, komisch und unterhaltsam gedreht werden, auch wenn sie´s gar nicht sind. Dazu die Ermahnung: "Wenn Sie Sharon Stone nicht danach fragen, ob sie Unterwäsche trägt, haben Sie Ihren Beruf verfehlt!"

Ich spreche hier von Erfahrungen, die Henri-Nannen-Schüler aus ihren Praktika mitbringen. Zum Beispiel auch das Dilemma zwischen dem Interesse am Fernsehjournalismus und der Realität bei einer TV-Produktionsfirma, die dem Anfänger zwar viel zutraut, ihn viel machen lässt, ihm aber auch abverlangt, sich an folgende Regel zu halten: "Ist ein Thema mal nicht ganz so sexy und crimy, wird eben so lang an der nach oben offenen Sensationsskala geschraubt, bis der Abnehmer, ein großer Privatsender, zufrieden ist. Das hier produzierte Leben ist schwarz-weiß, es gibt Gute und Böse, nichts dazwischen, wenn jemandem die Rolle des Schweins zugedacht ist, hat er keine Chance, das Gegenteil zu beweisen. Ein O-Ton, der die Schwein-These belegt, findet sich immer."

Die ehemalige Henri-Nannen-Schülerin, der ich diesen Einblick in die Arbeit einer freien Produktionsfirma verdanke, berichtete über die Kollegen, die sie während ihres Praktikums dort kennen lernte: "Manche haben auch eine recht kritische Distanz zu ihrem Job, retten sich mit Selbstironie über die vielen Leichen hinweg, mit denen sie ihr Geld verdienen."

Soll man sich also damit abfinden, dass ein Missverhältnis besteht zwischen angestrebter und real existierender Berufsausübung? Handelt es sich um ein Naturgesetz? Fakt ist, dass in den letzten drei Jahren wirtschaftlicher Druck in den Redaktionen die Möglichkeiten zusätzlich reduziert hat, den Journalismus so auszuüben, wie sich das die jungen Kollegen vorgestellt haben und auch heute noch vorstellen.

Ich zitiere aus unserer Studie: "Ausreichend lange Recherchezeiten sind aus finanziellen Gründen kaum mehr möglich. Dadurch leidet die Qualität der Artikel, man wird geradezu zum Schnellschuss angehalten. Will man sorgfältig recherchieren und schreiben, bleibt am Ende vom Honorar wenig übrig, Wer erstklassige Arbeit abliefert, ist Überzeugungstäter und kommt sich manchmal ganz schön blöd vor."

Es ist schockierend, was die jungen Journalisten aus ihren Redaktionen berichten: Immer weniger Kollegen müssen immer mehr Arbeit erledigen. Spezialisten fehlen, weil sie entlassen wurden. Freie werden gar nicht mehr eingesetzt oder schlechter als früher bezahlt. Lobbyisten treten forscher, unverhohlener mit Forderungen auf. Massive Gängelung, wenn es um Anzeigenkunden geht. Keine Zeit mehr, um über Themen nachzudenken. Sinkende Motivation. Auch wenn man nicht zur Dramatik neigt, lassen sich die Folgen der Sparpolitik auf die Qualität und auf ethische Grundsätze nicht kleinreden. Sie behindern den Journalismus bei der Erfüllung seiner originären Aufgabe: frei und umfassend zu berichten, so wie es im Grundgesetz festgeschrieben und unter Schutz gestellt ist, um dem Souverän, dem Volk, Mitsprache bei politischen Entscheidungen zu ermöglichen – mit anderen Worten: um Demokratie zu sichern.

"Der Trend geht dahin, alles so schnell und preiswert wie möglich zu produzieren", sagt einer, der es wissen muss, Uwe-Karsten Heye, der ehemalige Pressesprecher des Bundeskanzlers Schröder, "darunter leiden Gründlichkeit und Intellektualität. Oft wird das Gegebene unreflektiert übernommen und nur vordergründig berichtet, statt sorgfältig die Hintergründe zu analysieren. Der Online-Journalismus hat diesen Trend verstärkt. Die Verleger glauben offenbar, den fahrlässig herbei geführten Qualitätsverlust leicht wieder aufholen zu können, indem später wieder mehr Journalisten eingestellt werden. Aber diese Denkweise ist verheerend."

Was also kann eine Schule jungen Journalisten mitgeben auf den Weg in diesen Beruf, der immer noch ein Traumberuf ist und es doch auch bleiben soll? Ich denke: Gelehrt werden müssen die alten journalistischen Tugenden und die unverzichtbaren ethischen Werte – unbedingter Wille zur Wahrheit; Sorgfalt und Hartnäckigkeit bei der Recherche; Mut, Widerstand zu leisten gegen eine immer rasendere Geschwindigkeit bei der Weitergabe von Informationen; auch und gerade junge Journalisten müssen sich wehren gegen den Verlust von Bedeutung, Inhalt, Substanz – zum Teil auch gegen die hochgereizten Erwartungen eines Publikums, das bereit ist, alles in sich hinein zu schlingen, um dann zu kotzen und die Medien dafür zu verachten.

Beim Auswahlverfahren für die Henri-Nannen-Schule werden persönlicher Mut, Risikobereitschaft, Zivilcourage nicht getestet. Wie sollte das gehen? Vom Charakter eines Bewerbers kann man nur beim Gespräch mit der Prüfungs-Kommission einen ganz kleinen Eindruck gewinnen. Schleimer, Allzudevote und Überängstliche bekommen schlechte Wertungen. Originalität, Schlagfertigkeit, aber auch Ernsthaftigkeit, Urteilsvermögen, Engagement und ein angemessenes Selbstbewusstsein werden belohnt.

Was wir prüfen können, ist das Talent zum Schreiben. Journalistenausbildung darf sich aber nicht nur darum kümmern, wie erzählt werden soll. Sie muss auch die Frage stellen, was erzählt werden soll, welche Informationen die Menschen wirklich brauchen, welche Themen existenziell wichtig sind. Kalifornische Wissenschaftler haben im Jahr 2000 gemessen, wie viele Texte und Bilder jeden Tag produziert, vervielfältigt und vertrieben werden, wie viele Nachrichten um den Globus gehen, was der Mensch alles erfahren oder sogar wissen könnte, wenn er alle Informationen aufnehmen und speichern würde. Das Ergebnis lautet: Die jährlich produzierten Informationen entsprechen 250 Büchern pro Mensch. Wir brauchen also Kundschafter, die stellvertretend für uns die Nachrichten sortieren und gewichten. Journalisten, denen wir auf Grund ihrer Ausbildung und ihrer Moral trauen können.

Die seriöse, verantwortungsvolle Ausübung dieses Berufs ist schwerer geworden. Man kann die Gefahren nicht bannen, man kann sie nur benennen. Zeitdruck, Kostendruck und Konkurrenzdruck, dazu die zwanghafte Boulevardisierung der Themen. Da ist bei politischen Auseinandersetzungen fast nur noch von Siegen und Niederlagen, von Schlappen und Triumphen die Rede – Merkel contra Stoiber, Ströbele contra Fischer, Clement contra Trittin – der High-Noon-Effekt ist wichtiger als die Sache, um die es geht

"Journalistische Qualität muss sich gegen die Zwänge kommerzieller Logik und gegen das Diktat der Unterhaltung durchsetzen können", sagte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse beim Mainzer Mediendisput im November 2003. Das sei nicht nur eine Frage journalistischer, sondern auch verlegerischer Verantwortung. Dem Leser nach dem Munde zu schreiben, ihn zu unterfordern, sei wie eine Kapitulation. Thierse: "Es ist die scheinheilige Verlagerung von Verantwortung an das Publikum."

Man kann es sich einfach machen und sagen: Das muss jeder Journalist für sich selbst entscheiden. Er soll sich halt überlegen, zu welchem Blatt er geht. Wenn ihm Unzumutbares abverlangt wird, muss er sich wehren oder kündigen. Nun ja, das sagt sich besonders leicht aus gesicherter Position heraus, wenn die eigenen Verstöße gegen die guten Presse-Sitten als gängige Fouls durchgehen, die kein Schiedsrichter mehr pfeift.

Als Teilnehmende des 22. Lehrgangs während ihres Praktikums in der Redaktionskonferenz des "Stern" monierten, dass sich das Magazin ein Foto ihrer Mitschülerin Nicola Leske, der späteren und inzwischen wieder geschiedenen Ehefrau von Joschka Fischer widerrechtlich beschafft und ohne Genehmigung abgedruckt hatte, bekamen sie von den erfahreneren Kollegen zu hören, sie seien "unprofessionell".

Wenn Medien allgemein ihre Standards senken und bestimmte Prinzipien aufgeben, ist der einzelne Journalist mit seinem Ethos schnell am Ende und – noch viel gefährlicher – nachfolgende Generationen kennen es dann gar nicht mehr anders. Volker Herres, der Chefredakteur Fernsehen beim NDR, hat das einmal gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: "Medienethik ist mehr als eine Frage der individuellen Moral. Sie ist vor allem eine Frage des Qualität des Mediensystems. Denn der Handlungsspielraum des einzelnen Journalisten ist durchaus begrenzt. Die Macher sind sozial eingebunden, der Rationalität und Zielsetzung ihres Medienbetriebs unterworfen."

Geschafft, könnte man sagen: Jetzt haben wir den einzelnen Schreiberling herausgeholt aus dem Schlamassel und das System an den Pranger gestellt. Das System, über das Ryszard Kapuscinski, der große alte Mann des europäischen Journalismus, sagte: "Seit man entdeckt hat, dass Information eine Ware ist, mit der sich Geld machen lässt, sind die traditionellen Kriterien – wahr oder verlogen – nicht mehr wichtig. Die Information ist nun völlig abhängig von anderen Regeln: denen des Marktes, des maximalen Profits und des Monopols." Eine Information werde danach bewertet, wie "attraktiv" sie sei, ob sie sich "verkaufen" lasse, nicht nach ihrem Wahrheitsgehalt.

Aber das System, das sind Zeitungen, Zeitschriften, Radiosendungen und Fernsehberichte. Sie werden von Einzelnen gemacht, geschrieben, getextet, gestaltet. Im Irak, in Afghanistan, in Bürgerkriegen setzen Einzelne ihr Leben ein, um so wahrhaftig wie möglich zu berichten. Journalist zu sein, heißt, persönlichen Einsatz zu bringen. Jeder Journalist, wo auch immer, sollte die Verantwortung für das, was er tut, nicht einfach an das System abgeben. Manchmal begegnet man Kollegen, die das alles übertrieben finden, diese Suche nach der Wahrheit. Die zucken mit den Schultern, wenn sie von gefälschten Interviews hören und sagen: "Na und, glaubst du denn, dass Interviews nicht immer inszeniert sind und von Presseagenten zurechtgefeilt werden?"

Was soll man dazu sagen? Wenn wir anfangen, wichtige Wahrheiten von unwichtigen zu unterscheiden, spielen wir den Volksverdummern in die Hände, denen an aufgeklärten, mündigen Bürgern nicht das Geringste liegt. Es hat mich beeindruckt, dass die großen amerikanischen Zeitungen sich bei ihren Lesern dafür entschuldigt haben, dass sie zu schnell der Propaganda von den Massenvernichtungswaffen im Irak aufgesessen sind. Sie haben es zu diesem Zeitpunkt vermutlich nicht besser wissen können. Es ist aber nicht entscheidend, dass Journalisten immer selber die Wahrheit herausfinden. Entscheidend ist, dass sie an sich den Anspruch haben, mit der Suche nach ihr niemals aufzuhören. Wenn den Journalisten der Wille dazu eines Tages von den Lesern, Zuhörern und Zuschauern nicht mehr abgenommen wird, dann hat sich dieser Beruf von selbst erledigt. Das muss gelehrt werden, und das muss gelebt werden.

Die Autorin ist Leiterin der Henri-Nannen-Schule.


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