Veranstaltungen: Dokumentation

4.11.2004

Politische Themen erlebbar machen

Interview mit der Chefredakteurin der Brigitte young miss (ym) über das Frauenbild der ym, über den beruflichen Vorteile von Männern und zielgruppengerechte Politikberichterstattung

Im Interview spricht Kathrin Tsainis, Chefredakteurin bei Brigitte young miss (ym), über das Frauenbild der ym und warum Männer beruflich manchmal besser voran kommen. Darüber hinaus wird die Frage erläutert, wie sich politische Themen zielgruppengerecht aufbereiten lassen.

Bei den Jugendmedientagen wurde viel diskutiert. Eines der Panel befasste sich mit dem Thema "Frauen und Männer im Journalismus". Im Interview spricht Kathrin Tsainis, Chefredakteurin bei Brigitte young miss (ym), über das Frauenbild der ym, warum Männer beruflich manchmal besser voran kommen, und wie sich auch politische Themen zielgruppengerecht aufbereiten lassen.

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Kathrin Tsainis

Kathrin Tsainis wurde 1967 in Nürnberg geboren, studierte Psychologie in Erlangen und besuchte die Hamburger Journalistenschule. Zunächst war sie Redakteurin im Dossier-Ressort bei "Brigitte". Danach arbeitete sie als Reporterin für "Max", bis sie im Januar 2004 die Chefredaktion der "Brigitte young miss" übernahm.
bpb: Frau Tsainis, die ym ist ein Magazin für junge Frauen. An welche Frauen richtet es sich genau?

Tsainis: Wir richten uns an junge Frauen zwischen 17 und 24 Jahren. Natürlich haben wir auch jüngere oder ältere Leserinnen, aber das ist unsere Kernzielgruppe. Das zeigt sich unter anderem an den Protagonistinnen im Heft, die in diesem Alter sind, und in der Umsetzung der Themen: Wir schreiben nicht über den ersten Kuss im Leben, sondern eher über den ersten Kuss mit einem neuen Mann.

bpb: Gibt es auch Männer, die ym lesen?

Tsainis: Ja, einzelne. Aber warum auch nicht? Ein Selbstversuch darüber, wie es ist, eine Woche allein auf einer Berghütte zu wohnen, oder wie man sich fühlt, wenn man als Nicht-Promi auf eine Trend-Party geht, das interessiert doch Männer genauso wie Frauen.

bpb: Arbeiten in Ihrer Redaktion auch Männer?

Tsainis: Natürlich. Unser Textchef, einer der Redakteure, ein Schluss-Redakteur, ein grafischer Schluss-Redakteur und unser neuer Art-Director sind Männer. Hin und wieder haben wir auch männliche Praktikanten.

bpb: Was denken Sie über Männer als Chefredakteure bei Frauenzeitschriften?

Tsainis: Der entscheidende Punkt ist, ob die Person für diesen Job fachlich qualifiziert ist, und Qualifikation ist unabhängig vom Geschlecht. Aber natürlich denke ich auch: Verdammt, da draußen sind viele, viele fabelhafte Frauen unterwegs, und trotzdem gibt es immer noch mehr Chefredakteure als Chefredakteurinnen. Für diese Tatsache gibt es eine ganze Reihe von Gründen. Einer davon ist aus meiner Sicht auch, dass Frauen tendenziell eher zu Selbstzweifeln neigen als Männer und sich weniger anbieten. Ich hab das schon häufiger beobachtet: Männer sagen 'Logisch, das mach ich, her damit, wird schon gut gehen!', Frauen fragen sich 'Kann ich mir das zutrauen? Und was mach ich, wenn ich auf die Nase falle?'.

bpb: Ist es ein Ziel der ym, aus ihren Leserinnen später Brigitte-Leserinnen zu machen? Oder haben Sie mit der Mutter-Marke zu wenig gemeinsam?

Tsainis: Wir haben einiges gemeinsam, z.B. unser Frauenbild. Wir wollen, dass Frauen ihr Selbstbewußtsein entdecken. Wir möchten dabei keine bestimmte Rolle vorgeben. Wenn eine Frau sich wahnsinnig für Klamotten interessiert, dann soll sie das. Wenn eine andere sagt, dass sie Karriere, Kind und Mann haben will, dann unterstützen wir das. Wir wollen Mut machen, den eigenen Weg zu gehen. Das klingt vielleicht langweilig, ist aber so.

bpb: Wie hoch ist in Ihrem Magazin die Gewichtung von Unterhaltung versus Inhalt?

Tsainis: Zu Beginn meiner Zeit als Chefredakteurin habe ich in meiner Redaktion eine kleine Ansprache zu genau diesem Thema gehalten: Was ist eigentlich Unterhaltung? Unterhaltung hat ja diesen Beigeschmack von Bild-Zeitung, Bunte, boulevardesk. Ich halte das für Quatsch. Jeder Bericht muss unterhaltend sein. Ein Bericht über eine junge Frau, die sich in Äthiopien in der Aids-Prävention engagiert und Aufklärung leistet für ihre Altersgenossinen ist immer informativ. Wenn er aber nicht gleichzeitig unterhält, dann liest ihn keiner.

bpb: Guter Journalismus ist also immer Unterhaltung.

Tsainis: Ja. Selbst wenn wir in einem Beitrag darüber informieren, wie man seine Gehaltsabrechnung besser versteht, muss das unterhaltend sein. Wenn ich die Geschichte so dröge aufbereite, dass die Leute nach dem zweiten Satz aussteigen, hätte ich mir die Arbeit nicht machen brauchen. Guter Journalismus muss mich als Leserin dabei halten.

bpb: Wie wichtig sind der ym die typischen Lifestyle-Themen: Modestrecken, Schminktipps, Beautytricks?

Tsainis: Ich halte diesen Bereich für wichtig. Bei uns nimmt das etwa 40 Prozent des Heftes ein. Mode ist etwas Schönes und Spannendes. Jeder will doch gut aussehen, sich gut finden, will wissen, was gerade in ist. Deswegen ist man ja kein schlechterer Mensch. Eine Modestrecke schließt aber die besagte Aids-Geschichte im selben Heft nicht aus.

bpb: Solche Modeseiten gibt es in jeder anderen Frauenzeitschrift auch. Wie kann man sich da von anderen überhaupt noch unterscheiden?

Tsainis: Natürlich grasen wir alle auf der selben Weide: Wir zeigen Mode und wie man sie trägt. Aber jede Frauenzeitschrift macht es ein wenig anders. Diese Unterschiede zeigen sich in der Art der Fotografie, den Kleidungsstücken, dem Styling oder bei den Models, die man wählt. Unsere Models sind immer ein bisschen 'bigger than life' - das heißt, sie haben keine Durchschnittsgesichter, sind aber Frauen, von denen man sagt 'die gefällt mir, so möchte ich gerne sein'.

bpb: Welchen Stellenwert haben politische Inhalte?

Tsainis: Man muss eine Form finden, um Politik interessant zu machen. Ein Beispiel: Wir haben jetzt eine Seite über die Wahl in Amerika und welche Prominente sich für welche Kandidaten engagieren. Das passt, weil nie zuvor Prominente so mobil gemacht haben – für Republikaner wie für Demokraten. Gerade planen wir auch eine Geschichte, die nur im allerweitesten Sinn politisch ist: Wir protokollieren Gespräche zwischen Enkelin und Großmutter. In einem Fall ist Familienministerin Renate Schmidt dabei. Und in der Vergangenheit haben wir immer wieder junge Leute vorgestellt, die sich für politische Themen engagieren – oder auch darüber reden, warum sie damit gar nichts am Hut haben.

bpb: Welche politischen Themen sind Ihrer Ansicht nach für Jugendliche derzeit von besonderem Interesse? Globalisierung? Umwelt? Vielleicht auch Wirtschaft?

Tsainis: Sicher interessieren die genannten Themen viele Jugendliche. Aber Politik ist doch noch viel mehr. Wenn wir der Leserin in unserer Rubrik "schlau machen" erklären, worauf sie beim Gang zur Agentur für Arbeit achten muss, hat das was mit Politik zu tun. Oder wenn wir die Geschichte einer jungen Frau erzählen, die als Illegale in Deutschland lebt und so Einwanderungspolitik am eigenen Leib erfährt. Wenn es um erlebte, erfühlbare Folgen von Politik geht, ist das immer spannend.

bpb: Wie schaffen Sie es, Kontakt zu Ihrer Zielgruppe zu halten?

Tsainis: Wir haben eine unglaublich schreibfreudige Leserschaft und bekommen viel Post. Außerdem haben wir immer junge Praktikantinnen in der Redaktion. Ich werde mit meinen 37 Jahren manchmal gefragt, ob ich mich nicht zu alt für ein Magazin wie ym fühle. Aber ich sage immer: "Das sind doch keine anderen Menschen!" Wir alle wollen jemanden, der uns liebt, wollen mit uns selbst gut klar kommen, einen irgendwie gearteten Erfolg im Leben, wollen gut aussehen, was erleben, Spaß haben – das sind doch die gleichen Wünsche, Träume und Vorstellungen. Der Unterschied ist die größere Erfahrung, die ich in manchen Dingen habe.

bpb: Hören Sie auf das Feedback Ihrer Leserschaft?

Tsainis: Ab und zu machen wir Gruppendiskussionen, zu denen wir Leserinnen einladen. Das nehme ich sehr ernst. Letztendlich muss aber ich gemeinsam mit meinem Team entscheiden, was wir richtig finden und was nicht. Wenn uns zum Beispiel Leserinnen schreiben und sagen, dass wir jetzt wie die Bravo sind, nur weil wir das Thema Sex behandeln, dann verstehe ich das nicht.

bpb: Ist denn das Thema Sex so wichtig?

Tsainis: Absolut. Ich finde es ganz wichtig, in diesem Bereich ein Stück Aufklärung zu betreiben und Hilfestellung zu geben. Schließlich ist nach wie vor kaum ein Thema so tabuisiert, mit Unsicherheiten verbunden und mit so viel falscher Information überladen. Bei ym behandeln wir dieses Thema auf eine gute und überhaupt nicht voyeuristische Art und Weise. Dennoch erstaunt es mich, mit welcher Vehemenz dieses Thema von einzelnen abgelehnt wird.

bpb: Das ist vermutlich eine Reaktion auf die "Überberichterstattung" in den Medien.

Tsainis: Ja, ganz sicher. Alles ist so oversexed, dass manche sagen "Ich will in meiner ym jetzt nicht auch noch was dazu lesen".

bpb: Akzeptieren Sie das?

Tsainis: Natürlich. Auch deshalb überlegen wir uns ganz genau, wie wir Berichte dazu umsetzen. Wir suchen junge Frauen, die als Rolemodel fungieren können, und wir achten darauf, nicht noch mehr Druck aufzubauen. Denn Druck kommt ja von allen Seiten. Überall liest man, was und wie man sein soll. Das will ich nicht verstärken. Wie gesagt: Wir wollen Frauen Mut machen. Das finde ich wichtig.

Interview: Susanne Sitzler


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