Veranstaltungen: Dokumentation

17.11.2004 | Von:
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Dschungel-Camp oder Telekolleg?

Ein Gespräch mit "Cover"-Chefredakteur Stephan Alexander Weichert über Qualität, Quote und die Mündigkeit des Zuschauers

Qualität versus Geldbeutel – Quo vadis Niveau? Im Interview mit der bpb spricht sich Stephan Alexander Weichert, "Cover"-Chefredakteur, für einen unabhängigen Medienrat als Wächter über die Qualität in den Medien aus.

Auf den Jugendmedientagen in München diskutierte "Cover"-Chefredakteur Stephan Alexander Weichert mit jungen Journalistinnen und Journalisten über die Frage: Qualität versus Geldbeutel – Quo vadis Niveau? Im Interview mit der bpb spricht er sich für einen unabhängigen Medienrat als Wächter über die Qualität in den Medien aus.

bpb: Wie erkennt man, ob eine Zeitung oder eine Fernsehsendung Qualität hat?

Weichert: Qualität definiert sich über das journalistische Handwerk. Man fragt also, wie sauber recherchiert wurde oder wie fundiert die Informationen sind - ob man sie geprüft und andere Quellen befragt hat. Andererseits definiert sich die Qualität eines Mediums auch über den Publikumsgeschmack – also, was will das Publikum sehen, woran findet es gefallen, woraus bezieht es sein Wissen? Das kann man auch gesamtgesellschaftlich sehen: Was tut dem Publikum eigentlich gut? Wobei dabei immer die Frage ist, wer das eigentlich definiert. Trotzdem kann die Quote nicht das alleinige Qualitätsmerkmal sein.

bpb: Besteht nicht ein gewisses Spannungsverhältnis zwischen Qualität und Quote? Kann der Spagat zwischen beidem gelingen? Häufig ist doch das, was im Hinblick auf die Quote produziert wird, nicht unbedingt Qualität!

Weichert: Aber es muss auch nicht heißen, dass das Telekolleg die beste Sendung für ein breites Publikum ist. Vieles, was wir heute im Fernsehen sehen oder in der Presse lesen, ist ein Teil der Populärkultur und muss nicht per se schlecht sein. Sicher kann man auch dem Dschungel-Camp einiges abgewinnen.

bpb: Wie meinen Sie das?

Weichert: Der Medientheoretiker Norbert Bolz hat zum Beispiel kürzlich im Tagesspiegel geschrieben, dass diese TV-Unterhaltung unsere soziale Intelligenz, unser soziales Gewissen schult. Im Dschungel-Camp sehen wir nämlich mitunter schlechte Vorbilder, die uns vormachen, wie man sich eben nicht verhalten sollte. Auch Schönheits-Operationen im Fernsehen demonstrieren einem Großteil der Jugendlichen, dass solche Operationen nicht so ohne weiteres klappen müssen, zudem sehr schmerzhaft und teuer sein können.

bpb: Nicht immer wird das wirklich so gezeigt. Es gibt auch die Sendungen, in denen junge Frauen sagen: Endlich bin ich ein glücklicher Mensch, weil mein Busen größer ist.

Weichert: Ich habe mir solche Sendungen ein paar Mal angesehen und es waren in der Regel doch ganz traurige Ergebnisse, die dort gezeigt wurden. Aber hier sind wir mitten in der jahrzehntelangen Diskussion darüber, wie mündig das Publikum ist und was man von ihm erwarten darf. Ich finde, dass man mittlerweile sehr viel von den jüngeren Zuschauerinnen und Zuschauer erwarten kann. Gerade meine Generation ist von Kindesbeinen mit dem Fernsehen und später dem Medium Internet aufgewachsen. Zwischen dem, was anspruchsvolle Inhalte sind oder was Trash ist, können viele sehr wohl unterscheiden.

bpb: Auch Jugendliche im Alter von 14 oder 15 Jahren?

Weichert: Mit 14 Jahren ist man schon sehr weit! Wer aber jünger ist, wird wahrscheinlich noch sehr beeinflussbar sein – hier ist die pädagogische Motivation von Eltern gefragt, indem sie nichts verbieten, sondern die Jugendlichen aufklären und an das Programm heranzuführen. Eine stärkere Kontrolle und Begleitung halte ich in jedem Fall für angebracht.

bpb: Apropos Kontrolle – Sie haben die Idee aufgebracht, einen Medienrat einzurichten, der diese Kontrolle ausüben könnte. Wie stellen Sie sich einen solchen Rat vor?

Weichert: Ein Medienrat, so wie ich ihn mir vorstelle, würde sich paritätisch zusammensetzen aus allen gesellschaftlichen Schichten. In erster Linie hätte er die Funktion, gesellschaftliche Diskussionen anzustoßen und eine Ratgeberstelle einzurichten. Dabei könnte auch die Wissenschaft eine wichtige Rolle spielen. Gerade die Sozialwissenschaften tun eigentlich fast nichts anderes, als sich mit Gesellschaft auseinander zu setzen, aber viele ihrer Ergebnisse bleiben einem Fachpublikum vorbehalten und werden kaum öffentlich wahrgenommen, obwohl sie interessant und wichtig sind. Der Medienrat könnte dafür ein Forum bieten. Darüber hinaus könnten beispielsweise in Zusammenarbeit mit den Landesmedienanstalten, der Kommission für Jugendmedienschutz und Journalistenvereinigungen wie dem Netzwerk Recherche Richtlinien erarbeitet werden, wie denn Qualitätsfernsehen auszusehen hat. Das heißt etwa, sich in Bezug auf die Schönheits-OP-Shows zu fragen: Wo hört der medizinische Sachverstand auf und wo fängt die kommerzielle Ausbeutung durch solche Sendungen an?

bpb: Welchen Charakter hätten die Richtlinien, die der Medienrat erlassen würde? Wären sie rein appellativ, gingen sie auch nicht viel weiter als die Handhabe, die der Presserat jetzt schon hat.

Weichert: Die Instanzen, die es bis jetzt gibt, haben keinen besonders großen Einfluss, zumal sich der Presserat ausschließlich mit gedruckten Medien befasst. Aber auch der Einfluss der Landesmedienanstalten ist eher korrektiv, also im Nachhinein. Wenn es einen Medienrat gäbe – beispielsweise organisiert als gemeinnütziger Verein – dann könnte er eine Zeitschrift mit Programmempfehlungen herausgeben, in der Sendungen unter pädagogischen Gesichtspunkten vorab beurteilt werden. Diese Zeitschrift wäre so eine Art überdimensionaler Beipackzettel mit den Risiken und Nebenwirkungen des Fernsehprogramms. So könnten nicht nur Eltern für ihre Kinder nachschauen, sondern auch sich selbst informieren. Das ganze sollte aber unabhängig sein von Verlagen, die Werbung für bestimmte Sendungen machen oder Beteiligungen an Fernsehunternehmen haben. Ein weiterer Aufgabenbereich wäre, ein nationales Medienarchiv aufzubauen, eine Art Rundfunkbibliothek für Jedermann, in der das gesamte Fernsehprogramm gespeichert wird, damit sich nichts mehr versendet und das Programm immer noch verfügbar bleibt, vor allem auch für Nicht-Medienschaffende.

bpb: Aber der Medienrat als eine Instanz, die vorschreibt, was produziert und gesendet wird, klingt doch einigermaßen problematisch vor dem Hintergrund von Pressefreiheit, Demokratie und dem Verbot von Zensur...

Weichert: Nein, vorschreiben soll der Medienrat nichts. Alles, was sich innerhalb der Grenzen unserer Gesetze abspielt, sollte ja weiter produziert und gesendet werden. Dem Kulturverfall zum Trotz, das wird immer das oberste Gebot der Medienwelt bleiben: Alles, was sich über Werbeplätze und Anzeigen verkaufen lässt, wird auch weiter produziert werden. Aber dass man ein unabhängiges Medium hat, mit dem man vermitteln kann, was pädagogisch wertvoll und was Anspruch hat, fände ich ebenso sinnvoll wie ein nationales Fernseharchiv, auf dessen Materialbasis leichter medienpädagogische Gutachten erstellt werden können.

bpb: Das wäre ein möglicher Nutzen für die Fernsehzuschauerinnen und -zuschauer ...

Weichert: Genau, das wäre ein ganz praktisches und konkretes Beispiel dafür, wie der Medienrat öffentlich wirken könnte. Andere Maßnahmen wären natürlich, härter durchzugreifen bei Rechtsverstößen im Fernsehen oder auch in Zeitungen. Mit einem Medienrat könnte eine unabhängige Instanz geschaffen werden, die zusätzlich zivilrechtliche Klagen anstrengt, wenn Gesetze gebrochen werden - zum Beispiel wenn Judenwitze erzählt werden, wie kürzlich bei Big Brother. Das hat zwar zunächst kaum jemand wahrgenommen, nur wegen der öffentlichen Empörung im Nachhinein, aber dennoch handelte es sich um eine Verletzung unserer Gesetze. Dass das schon zwei Mal passiert ist, zuerst im März und dann Anfang Oktober, ist für mich ein Zeichen, dass es keine rechtzeitige Kontrolle gegeben hat, um das zweite Mal zu unterbinden. Gerade weil es sich bei Big Brother um eine Live-Sendung handelt, müssen die Verantwortlichen schnell reagieren. Das wäre bei einer sexuellen Handlung im Container nicht anders. In diesem Fall haben die Redakteure aber offenbar komplett verschlafen. Und das war verantwortungslos.

bpb: Gut, die Strafen könnten härter sein, aber auch dann wären es Strafen im Nachhinein – wo liegt der Unterschied zum Presserat oder den Landesmedienanstalten jetzt? Sie beklagen doch, dass die Kontrolle zu spät kommt.

Weichert: Es müsste aus meiner Sicht eine stärkere Vorab-Kontrolle geben, und damit meine ich keine Zensur, sondern eine bessere Zusammenarbeit mit den Programmanbietern, die einen solchen Medienrat zum Beispiel vorher in ihre Sendekonzepte – wie beispielsweise das der Dschungel-Show - schauen lassen, um Gesetzesüberschreitungen von vorne herein möglichst zu vermeiden. Hinzu kommt, dass Rechtsverletzungen wie im Fall von Big Brother zurzeit eher minimale Konsequenzen haben: Der Hauptverantwortliche ist hier ganz klar der Geschäftsführer von Premiere, Georg Kofler, der behauptet, er habe von alldem nichts gewusst. Er sagt, er habe davon erst später erfahren. Beim zweiten Mal sogar nur wegen einer Anfrage der Süddeutschen Zeitung– ich frage mich aber: Weiß ein Geschäftsführer nicht, was in seinem eigenen Programm läuft? Letztlich hatte die Geschichte zur Folge, dass jedesmal zwei Redakteure entlassen wurden und der Witze-Erzähler aus dem Container verbannt wurde. Das ist aber meines Erachtens nicht mehr als ein Bauernopfer. Auch in der Chefetage müssten die Verantwortlichen mit empfindlichen Strafen zur Rechenschaft gezogen werden. Und ich meine nicht Bußgelder in Höhe von 5.000 Euro, sondern eher 500.000 bis 1.000.000 Euro – es muss die Verantwortlichen richtig schmerzen. Dann erst werden sie, das ist meine These, von sich aus mehr aufpassen, dass so etwas nicht mehr vorkommt und sich vorher genau überlegen, wen sie da eigentlich in den Container und ins Dschungel-Camp stecken.

Interview: Sandra Schmid


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