Veranstaltungen: Dokumentation

12.5.2004

Ordnungspolitik und Kultur-Guerilla

Rainer Traube, Kulturchef DW-TV

Eine andere Variante von Zivilgesellschaft war auf der Berliner Konferenz zu erkennen, so Tagungsbeobachter Rainer Traube, Kulturchef von DW-TV. Eigenverantwortlich, spontan, netzwerkorientiert, transnational und alles andere als unpolitisch.

Eigentlich ist er nur kurzfristig für einen anderen Referenten eingesprungen, aber dann erweist sich Michal Hvorecký als heimlicher Star der Konferenz. Über die finanzielle Not der jungen Kunstszene in seinem Land berichtet der junge Schriftsteller aus der Slowakei, über den alltäglichen Kampf mit indifferenten Politikern und übermächtigen Medienkonzernen. "Du darfst nichts vom Staat erwarten, musst die Bedingungen selbst verbessern". Es sind die elektronischen Medien – Internet, e-Mail, SMS - die es dem 28jährigen und seinen Freunden erlaubt haben, eine Gegenöffentlichkeit zu schaffen: ein Netzwerk, das die nationalen Grenzen der Slowakei längst überschritten hat. Inzwischen ist Hvorecký so etwas wie die Stimme der modernen, jungen Slowakei. Er hat seinen eigenen kleinen Verlag gegründet und kann endlich vom Schreiben leben. Und auf der Party am Abend des ersten Konferenztags klopft ihm sogar der Mitarbeiter der slowakischen Botschaft stolz auf die Schultern.

Der Fall Hvorecký zeigt: Kulturelle Akteure sind Vorreiter beim Zusammenwachsen Europas. Dieses Europa entsteht "unten" in der Zivilgesellschaft und es organisiert sich in Netzwerken. "Warum bringen wir also nicht Künstler, Intellektuelle und Kulturpolitiker aus ganz Europa zusammen und reden darüber, wie es nach der EU-Erweiterung weitergeht?", sagten sich das Goethe-Institut, die Bundeszentrale für politische Bildung und die Robert-Bosch-Stiftung. Heraus kam !Eurovisionen!, eine zweitägige Konferenz mit über 500 Teilnehmern aus 25 Ländern. Ein Ort zum Netzwerken, zum Diskutieren und zum Feiern.

Einig war man sich im Berliner Kronprinzenpalais beim Grundsätzlichen: Als Goethe-Präsidentin Jutta Limbach gleich zu Beginn "Europas kulturelle Wurzeln im Konzept demokratischer Staatlichkeit" verortete, erntete sie ebenso wenig Widerspruch wie Thomas Krüger, Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, der die Zivilgesellschaft griffig als "das was die Menschen tatsächlich erleben, und das was wir den Menschen als Erfahrung ermöglichen müssen" definierte.

K(r)ämpfe in Brüssel

Schärfer wurde der Ton immer dann, wenn Brüssel ins Spiel kam. So diagnostiziert Polens einflussreicher Publizist Adam Krzeminski in Europa "alles andere als kulturelle Hochstimmung". Der magere ein-Prozent-Etat der EU für Kultur, der weitgehende Verzicht der Gemeinschaft, Europa nicht nur als ökonomisches sondern auch als kulturelles Projekt zu sehen, all das dämpft nicht nur Krzeminskis Stimmung. Gottfried Langenstein, als Chef von 3sat fundierter Kenner der europäischen Medienszene, ging noch weiter: "In Brüssel tobt ein Kampf" warnte er. Europas Kultur sei in zu viele kleine Märkte zersplittert, um im globalen Wettbewerb bestehen zu können. Drastisches Beispiel: Die Übernahmeschlachten im längst von weltweit agierenden Konzernen geprägten Medienmarkt. Nur eine gemeinsame EU-Politik wird Europa helfen, seine vielfältigen Kulturlandschaften zu erhalten, zu schützen und zu fördern. Eine Notwendigkeit, die kein Diskutant auf der Berliner Konferenz ernsthaft bestritt.

Eins wurde klar bei "Eurovisionen": Europas Kulturmacher haben Verbündete. Natürlich längst nicht genug und viel zu wenige in der Politik - aber vielleicht doch mehr als geglaubt. Und die "outeten" sich in Berlin. Fürsprecher und Lobbyisten wie Mary Ann DeVlieg, Simon Mundy und Dragan Klaic vom European Forum for the Arts and Heritage, das – selbst ein Netzwerk - den Graswurzelprojekten in Brüssel eine Stimme gibt. Nicht um den schnellen Weg zu Fördertöpfen geht es ihnen, sondern um "nachhaltige Unterstützung" europaweiter Netzwerke.

Allianzen für Kultur

Europas Kulturmacher finden aber auch finanzielle und strategische Partner. Immer häufiger schmieden Stiftungen großer Unternehmen europäische Allianzen mit Netzwerken, so wie die Robert Bosch Stiftung mit dem MitOst-Verein und seinen breit gefächerten Kulturprojekten in Osteuropa. Oder es finden sich Förderkreise passionierter privater Geldgeber. So auch im Fall der young.euro.classic in Berlin, einem Sommerfestival für europäische Jugendorchester. Von "public-private-partnership" jedenfalls erwarten sich die Netzwerker in der Zukunft eine ganz Menge.

Den Generalsekretär der Europäischen Kulturstiftung, Gottfried Wagner, stimmt das alles durchaus optimistisch. Und doch hofft er vor allem darauf, dass Europa "bald einen EU-Kulturkommissar mit Leadership-Qualitäten, Charisma und Ideen" bekommt. Und nahm damit auch schon die vielleicht wichtigste Erkenntnis von "Eurovisionen" vorweg: dass sich in den Netzwerken Erstaunliches tut, während das Vakuum in der Politik sich einfach nicht füllen will. Aus vielen Gründen. Da nutzt Brüssels Bürokratie den Widerstand nationaler Regierungen nur zu gern als bequemen Vorwand für Passivität. Da verteidigen EU-Länder ihre überkommenen Traditionen und Strukturen als ordnungspolitisches Nonplusultra. Da instrumentalisieren Regierungen Kulturpolitik zur Durchsetzung nationaler Interessen.

Von der Politik zum Netzwerk

Kein Wunder also, wenn Künstler sich von der Politik wieder abwenden. Gerade in Mittel- und Osteuropa. Schließlich haben sie dort jahrzehntelange schmerzhafte Erfahrung im Lebenkönnen ohne den Staat gesammelt, im Durchwursteln durchs Chaos. Michal Hvorecký zeigte auf der Berliner Konferenz die Richtung an – frei nach Umberto Ecos "Partisanen-Semiologie": die Kultur soll sich ihre eigenen Grundlagen schaffen, um die herrschende Ordnung durcheinander zu bringen: "Kultur-Guerilla".

Es ist eine andere Variante von Zivilgesellschaft, die da aufscheint. Nicht nur eine osteuropäisch geprägte. Auch die einer neuen Künstler-Generation, die im Internet kommuniziert und sich per SMS organisiert. Eigenverantwortlich, spontan, netzwerkorientiert, transnational und alles andere als unpolitisch. Die Eurovision einer "Generation Europa"? Stoff genug für die nächste Konferenz.


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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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