Veranstaltungen: Dokumentation

4.2.2004

Forum Lokaljournalismus: Suchst du noch oder liest du schon?

Eröffnungsrede von Dr. Bernd Hübinger

Dr. Bernd Hübinger wies in seiner Eröffnungsrede darauf hin, dass Tageszeitungen gerade für Jugendliche wichtig sind. Sie schulen die Lesefähigkeit und lehren den Umgang mit Informationen. Gerade in der Informationsgesellschaft, in der wir leben, ist das eine unerlässliche Fähigkeit.

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Tiefensee,
sehr geehrter Herr Radestock,
sehr geehrter Herr Hochstein,
sehr geehrter Herr Hilder,
meine sehr geehrten Damen und Herren,

zum Forum Lokaljournalismus 2004 heiße ich Sie in Leipzig herzlich willkommen. Es ist mir eine besondere Freude, das 12. Forum Lokaljournalismus in Stellvertretung des Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung hier und heute eröffnen zu können. "Suchst du noch oder liest du schon? Kinder und Jugendliche als Zielgruppe der Tageszeitung", so lautet das Motto der Veranstaltung.

Ihr Beruf, meine Damen und Herren, lässt Ihnen keine andere Wahl: Sie müssen lesen. Doch vielen Menschen geht es anders, besonders Kindern und Jugendlichen. Sie lesen immer weniger, und das bedeutet: auch immer weniger die Tageszeitungen. So schlägt kaum mehr als die Hälfte der heute 12–19-jährigen mehrmals in der Woche die Tageszeitung auf. Und immer weniger junge Menschen wachsen in einem Zuhause auf, in dem das Abo der regionalen Zeitung dazu gehört und es normal ist, dass Mutter oder Vater sich zum Zeitunglesen zurückziehen.

Nun könnte man fragen: Ist das wirklich so schlimm? Schließlich leben wir in einer Gesellschaft, in der wir überall und zu jeder Zeit – beim Einschalten des Radios oder des Fernsehers, im Internet, per SMS und sogar beim Warten auf die U-Bahn – mit Nachrichten versorgt werden. Was sollen da noch die Tageszeitungen?

Die Antwort auf diese provokante Frage ist verblüffend einfach: Weil wir in unserer Informations- und Wissensgesellschaft mehr denn je Medien brauchen, die mehr als die bloße, d.h. singuläre und bezugslose Information vermitteln. Was unsere Gesellschaft braucht, sind Medien, die durch Hintergrundberichte und Analysen dem Leser und der Leserin die Chance geben, Nachrichten im Zusammenhang zu verstehen und damit einordnen zu können. Ohne solche Medien sind wir "overnewsed but underinformed" – von Neuigkeiten überschwemmt und trotzdem nicht schlauer.

Die Tageszeitung kann deshalb gerade für Jugendliche wichtige Funktionen übernehmen. Sie berichtet nicht nur über das Globale, sondern auch über das Regionale und Lokale, sie erklärt und kommentiert und – so banal es klingen mag – sie schult die Lesefähigkeit. Eine Fähigkeit, an der es vielen Kindern und Jugendlichen heute mangelt, so jedenfalls die Ergebnisse der viel zitierten PISA-Studie.

Zeitung leistet aber noch mehr: Wer Zeitung liest, lernt gleichzeitig, Informationen auszuwählen - eine unerläßliche Fähigkeit in der Informationsgesellschaft, in der wir leben. Denn nur der, der relevant von irrelevant unterscheiden kann, kann sich gesellschaftlich einmischen und mitgestalten. Informiert zu sein ist eine demokratische Grundvoraussetzung, ja fast eine Grundpflicht. Diese können Kinder und Jugendliche aber nicht mehr erfüllen, wenn sie darauf verzichten, sich mit der Tageszeitung und der Art, wie sie politische und wirtschaftliche Themen präsentiert, auseinanderzusetzen.

Wie aber können es Zeitungen schaffen, Kinder und Jugendliche zum Lesen zu bringen? Viele Tageszeitungen bemühen sich, mit speziellen Angeboten junge Leserinnen und Leser zu gewinnen. Einige haben gute Erfahrungen gemacht, andere möchten noch etwas verändern. Doch wissen Redakteurinnen und Redakteure eigentlich, was ihre jungen Leserinnen und Leser wollen?

Drei Tage lang haben Sie, meine Damen und Herren, die Gelegenheit, sich im Kreis der Kolleginnen und Kollegen über Ihre Erfahrungen mit der Zielgruppe Kinder und Jugendliche auszutauschen, eigene Ideen weiterzugeben und hoffentlich auch neue Konzepte und Strategien zu entdecken. Wir haben Expertinnen und Experten eingeladen, die neue Programmformate für Kinder und Jugendliche entwickelt haben und mit beachtlichem Erfolg bei ihren Zielgruppen einsetzen – "logo!" ist hierfür ein ausgezeichnetes Beispiel!

An dieser Stelle möchte ich auf das "Projektteam Lokaljournalisten" hinweisen! Besonders motivierte und durchsetzungswillige Lokaljournalisten und Lokaljournalistinnen stehen dem Lokaljournalistenprogramm der bpb für fünf Jahre als wichtiges Beratergremium zur Seite. Sie liefern Anregungen aus dem Redaktionsalltag, ersinnen Themen für Seminare und Publikationen und sind damit die Vordenker für unsere Veranstaltungen. Das derzeitige Projektteam ist nun seit fünf Jahren im Einsatz. Das 12. Forum Lokaljournalismus ist gleichzeitig ein Höhepunkt und das Finale seiner Tätigkeit. In diesem Jahr wird ein neues Team seine Arbeit aufnehmen. Dem scheidenden Gremium gilt deshalb meine besondere Anerkennung für sein Engagement; aber auch allen anderen, die am Lokaljournalistenprogramm mitarbeiten, möchte ich meinen herzlichen Dank aussprechen.

Ein besonderes Dankeschön gilt auch unseren Partnern bei der Leipziger Volkszeitung, namentlich Herrn Bernd Radestock als Vorsitzendem der Geschäftsführung, Herrn Bernd Hilder, dem Chefredakteur, und vor allem Herrn Hartwig Hochstein, der bis Dezember 2003 der LVZ als Chefredakteur vorstand. Er hat das Programm maßgeblich geprägt, und wir verdanken es ihm, dass wir heute hier in Leipzig zusammenkommen können. Die Zusammenarbeit mit der Leipziger Volkszeitung war für uns sehr wertvoll, weil sie beispielhaft gezeigt hat, wie Tageszeitung spannend und lehrreich zugleich sein kann. Für "Warum?", eine Artikelreihe, in der offenen Fragen und Rätseln in Leipzig auf den Grund gegangen wurde, erhielt die Leipziger Volkszeitung im vergangenen Jahr den deutschen Lokaljournalisten-Preis der Konrad-Adenauer-Stiftung. In Fachkreisen wie auch außerhalb weiß man um diese Qualität: Die Leipziger Volkszeitung gehört zu den meist zitierten Zeitungen Deutschlands und rangiert in einem Ranking von Media Tenor gleich hinter der Frankfurter Rundschau und der Zeit.

Ein herzliches Dankeschön sage ich auch Ihnen, lieber Herr Tiefensee: Ohne das gemeinsame Engagement der Leipziger Volkszeitung und der Stadt Leipzig wäre so mancher kulturelle Programmpunkt, den dieses Programm bietet, nicht zustande gekommen.

Außerdem geht mein Dank an all diejenigen, die an der Konzeption und Organisation des Forums beteiligt waren. Hervorzuheben sind in diesem Zusammenhang die Sponsoren des Forum Lokaljournalismus: die Verbundnetz Gas AG, die Medienstiftung der Sparkasse Leipzig und das Bewerbungskomitee Leipzig 2012. Ihnen allen möchte ich – auch im Namen unseres Präsidenten – herzlich für Ihren Einsatz danken.

"Suchst du noch, oder liest du schon?" – der Titel unserer Veranstaltung soll uns ermuntern, gemeinsam zu überlegen, was wir besser machen können. Nicht nur Sie als Zeitungsredakteurinnen und -redakteure, sondern auch wir in der politischen Bildung. Schließlich ziehen wir am gleichen Strang: Guter Journalismus ist politische Bildung in Reinkultur! Deshalb möchte ich Sie alle ermuntern, Neues zu versuchen. Haben Sie den Mut, etwas auszuprobieren und eingefahrene Pfade zu verlassen. Die richtigen Fragen können dabei helfen: Ist eine einmal pro Woche erscheinende Jugendseite ausreichend? Muss sie immer auf Seite XY platziert sein? Warum nicht einmal mit einem Jugendthema aufmachen? Sind auch die anderen Texte im Lokalen, im Politik- oder Wirtschaftsteil so geschrieben, dass sie ein Jugendlicher verstehen kann? Wie frech ist Ihre Zeitung? Ist genügend an die Optik, an das Layout gedacht worden? Warum nicht den Bericht über die diesjährigen Haushaltsverhandlun-gen im Stadtrat mit einem Comic beginnen? Dabei steht für mich fest: Jugendliche werden die Unterschiede nicht nur schnell, sondern auch mit Dankbarkeit registrieren.

Ich möchte noch ein wenig konkreter werden: Kann es ernstlich sein, dass Praktikantenplätze gestrichen werden und die Jugendseite von Über-fünfzig-Jährigen gemacht wird, denen in der Regel der Kontakt zu Jugendlichen und ihrer Lebenswelt fehlt? Ist es vermessen, über spezielle Jugendabos nachzudenken, mit denen Schülerinnen und Schüler günstiger in den Genuss ihrer Tageszeitung kämen?

Ich bin mir sicher, dass Kinder und Jugendliche erreicht werden können, wenn das Format stimmt. Aber nicht nur das: Vernetzen Sie sich mit anderen Medien! Warum nicht in der Zeitung auf Online-Foren hinweisen und umgekehrt? Warum nicht eine Veranstaltungsreihe zusammen mit dem örtlichen Radiosender organisieren? Die neuen Chancen, die eine crossmediale Aufbereitung von Themen heute bietet, sollten wir beherzt nutzen.

In der Bundeszentrale für politische Bildung machen wir damit gute Erfahrungen: Seit einigen Jahren setzen wir verstärkt darauf, Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene zu erreichen. Wir sind überzeugt davon, dass es notwendig ist, gerade sie zu unterstützen. Dabei kommen wir ihnen auf halbem Weg entgegen: mit dem Magazin fluter, mit dem Timer, einem Schülerkalender, aber auch mit neuen Medien, so mit fluter.de, einem Online-Auftritt zum fluter Heft. Wir nutzen diese crossmedialen Möglichkeiten, weil auch Jugendliche und junge Erwachsene unterschiedliche Medien nutzen. Sie stellen sich ihren eigenen Medien-Mix zusammen aus der Zeitung, dem Internet und natürlich aus Radio und Fernsehen. Darauf müssen wir reagieren, und das am besten gemeinsam! Denn ohne den partnerschaftlichen Dialog zwischen politischer Bildung und zukunftsorientiertem Journalismus – und hierzu zählt auch die arbeitsteilige Umsetzung vernetzter Projekte – werden beide Seiten nur verlieren: Für beide besteht nämlich die sehr konkrete Gefahr, dass ihnen langfristig, vielleicht sogar schon mittelfristig die Adressaten ihrer Arbeit abhanden kommen.

In diesem Zusammenhang motiviert vielleicht ein kurzer Rückblick: Als 1979 eine Umfrage deutschen Schülern schon einmal mangelnde Lesekompetenz konstatierte, reagierte der Bund deutscher Zeitungsverleger schnell und initiierte zusammen mit der Stiftung Lesen die heute so zahlreich vorhandenen und erfolgreich arbeitenden Projekte "Zeitung in der Schule".

Aus der Krise hat sich damals etwas sehr Sinnvolles entwickelt – lassen Sie uns den Faden aufgreifen, neue Ideen entwickeln und sie erfolgreich umsetzen. Wenn das gelingt, leisten Sie nicht nur einen Beitrag zur Zukunft Ihrer Zeitung, sondern auch zur Zukunft unserer Demokratie.

Ich wünsche dem 12. Forum Lokaljournalismus einen guten und vor allem spannenden Verlauf!

Herzlichen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!


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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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