Veranstaltungen: Dokumentation

29.7.2003 | Von:
Vogel, Dr. Hans-Jochen

Darf der Mensch Embryonen zu Heilungszwecken und/oder Forschungszwecken nutzen?

Die Thesen zum Thema "Darf der Mensch Embryonen zu Heilungszwecken und/oder Forschungszwecken nutzen?" stellt Dr. Hans-Jochen Vogel zum Kongress "Gute Gene, schlechte Gene" auf.

A.
Die Verwendung von Embryonen zu Forschungs- oder Heilungszwecken ist in der Bundesrepublik Deutschland gemäß § 2 Abs. 1 ESchG bei Strafe verboten. Das Stammzellengesetz hat die Verwendung importierter embryonaler Stammzellen für Forschungszwecke unter bestimmten sachlichen und verfahrensrechtlichen Voraussetzungen erlaubt. Das ist widersprüchlich, weil dadurch die Tötung von Embryonen je nach dem relativiert wird, wo und wann sie stattgefunden hat.

In jüngster Zeit mehren sich die Stimmen, die die Zulassung der Forschung unter Verwendung eigens zu diesem Zweck hergestellter Embryonen und das sogenannte therapeutische oder Forschungsklonen auch in der Bundesrepublik fordern. Es bedarf daher der Prüfung, ob diesen Anforderungen nach dem Grundgesetz entsprochen werden darf.

B.
Diese Prüfung führt zu einem negativen Ergebnis.

1.
Der in den Art. 1. und 2 GG normierte Schutz der Menschenwürde und des Lebens verbietet die Tötung von Embryonen. Beim menschlichen Leben handelt es sich nicht um ein Gut unter anderen Gütern, sondern um ein fundamentales Gut, dem ein Höchstmaß an Schutz gebührt. Das spricht dafür, unter mehreren denkbaren Anknüpfungspunkten für den vollen Würde- und Lebensschutz den frühesten biologisch möglichen Zeitpunkt zu wählen. Das ist der Zeitpunkt der Kernverschmelzung, weil von diesem Zeitpunkt an die Kriterien der Potenzialität, der Identität und der Kontinuität erfüllt und damit alle wesentlichen Voraussetzungen für das Menschsein gegeben sind.

2.
Der Einwand, diese Beurteilung widerspreche der Bewertung vergleichbarer Sachverhalte, ist nicht stichhaltig. Im Falle der Notwehr und der Nothilfe geht die Gefahr von dem Lebewesen aus, dessen Tötung die Gefahr beseitigen soll. Beim Schwangerschaftsabbruch entsteht ein Spannungsverhältnis zwischen zwei geschützten Leben, die in einmaliger Weise körperlich miteinander verbunden sind. Beide Voraussetzungen sind im Falle der Tötung von Embryonen zu Forschungszwecken nicht gegeben.

3.
Die Forschungsfreiheit ist in Art. 5 Abs. 3 Satz 1 GGG grundrechtlich geschützt. Sie stößt aber an Grenzen, wenn sie andere verfassungsrechtlich geschützte Grundrechte tangiert. Das ist bei der verbrauchenden Embryonenforschung der Fall, weil die fragliche Forschung in das Grundrecht auf Leben eingreift. Und dies auch dann, wenn sogenannte hochrangige Forschungsziele verfolgt werden. Denn die staatliche Pflicht zur Gesundheitsvorsorge und das Recht der Nutzung potenzieller Heilungschancen können das Lebensrecht menschlicher Embryonen nicht außer Kraft setzen. Ernsthaft zu erwägen ist in diesem Zusammenhang der Einwand, man könne Kranken seinerzeit Heilungsmöglichkeiten nicht deshalb vorenthalten, weil sie aus hierzulande verbotenen Forschungen und Praktiken hervorgegangen seien. Aber wo soll dann überhaupt eine Grenze gezogen werden? Es findet sich letzten Endes immer ein Land, in dem "liberalere" oder auch gar keine Regelungen existieren.

4.
Die Beurteilung gilt jedenfalls für Embryonen, die zum Zwecke ihres Verbrauchs erzeugt worden sind. Bei den im Zusammenhang mit der assistierten Reproduktion angefallenen sogenannten überzähligen Embryonen, die infolge des Todes, einer Erkrankung oder des Sinneswandels der Frau nicht implantiert werden können, gilt das gleiche jedenfalls so lange, wie die Möglichkeiten zur Vermeidung der Überzähligkeit nicht ausgeschöpft sind (Kryokonservierung unbefruchteter Eizellen, Embryonenadoption).

5.
Die Beurteilung gilt auch für das sogenannte therapeutische oder Forschungsklonen. Auch hier erreichen die Eizellen - wenn auch ohne Befruchtung und Kernverschmelzung - ein Stadium, das dem nach der Befruchtung mit der Folge entspricht, daß sich von da an ein Mensch in einem ununterbrochenen Prozeß entwickelt.

6.
Bedacht werden müssen auch die Folgen, die sich aus der Zulassung des Embryonen-verbrauchs ergeben. Dabei müssen ungünstige Prognosen ernst genommen werden, weil es um zentrale Werte unserer Verfassungsordnung geht und die Verfügungsmacht über menschliches Leben auf bisher nicht Gekanntes ausgedehnt wird. Solche Folgen zeichnen sich schon jetzt für die Zulassung von PID und die damit verbundene Selektion, für das therapeutische und für das reproduktive Klonen ab. Die Grenze zwischen Zeugung und Produktion, zwischen Mensch und Ware, zwischen Person und Sache, droht so immer mehr zu verschwimmen.


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