Veranstaltungen: Dokumentation

11.8.2003 | Von:
Dr. phil Silja Samerski

Die Freisetzung genetischer Begrifflichkeiten - Wie Gen-Gläubigkeit zum Selbstmanagement verpflichtet

Die "Entscheidungsfalle" ist zugeschnappt. Selbst, wenn die Frau sich dazu durchringt, keinen Test zu machen: Die Beratung hat ihre "gute Hoffnung" verkehrt in eine "eigenverantwortliche Entscheidung" für das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen.

Eine Antwort auf Frau Prof. Dr. Irmgard Nippert

Wie Frau Nippert feststellt, hat sich die Fruchtwasseruntersuchung von einer Sonderbehandlung für eine begrenzte Gruppe sogenannter "Risikoschwangere" zu einem Routineangebot in der Schwangerenvorsorge gemausert. Immer mehr Frauen sind daher zur der Entscheidung gezwungen, ob sie sich einem solchen Test unterziehen wollen – oder nicht. Tatsache ist auch, daß die Anzahl der Frauen, die den Chromosomensatz ihres Ungeborenen vorgeburtlich überprüfen lassen wollen, jährlich steigt. Was Frau Nippert kritisiert ist, daß ein großer Teil dieser Frauen sich nicht, wie sie sagt, "qualifiziert" für oder gegen die Testangebote entscheiden können, weil sie gar nicht ausführlich informiert und beraten wurden. Um Frauen eine eigene und von den die Technik anbietenden Medizinern unabhängige Entscheidung zu ermöglichen, plädiert Frau Nippert für mehr Aufklärung und Beratung.

Der Mythos der "Information"

Tatsächlich kann eine professionelle Aufklärung in der genetischen Beratung dazu dienen, übersteigerte Ängste vor einem behinderten Kind zu rationalisieren und die Illusion zu zerstören, die Pränataldiagnostik könnte zu einem gesunden Kind führen. Allerdings ist diese Ernüchterung teuer erkauft. Eine solcher Entscheidungs-Unterricht bei einem Genetiker zeitigt Schäden, die schwerwiegender sind als ein blauäugiges "Ja" zu einem vorgeburtlichen Test. Die meiste Zeit verbringt der Berater damit, seiner schwangeren Klientin verschiedene Risiken aufzulisten, die sie zum Teil schon alleine dadurch eingegangen ist, daß sie überhaupt schwanger wurde. Diese Wahrscheinlichkeiten, sei es das sogenannte "Basisrisiko", daß mit dem Kind etwas nicht stimmen könnte, oder ihr altersabhängiges Risiko für ein Kind mit Down-Syndrom, soll die Schwangere dann gegen das Eingriffs-Risiko der Fruchtwasseruntersuchung abwägen. Sich überlegen, was für sie selbst und ihr kommendes Kind wirklich hilfreich und gut wäre, kann die werdende Mutter anhand solcher Chancen-Risiko-Kalkulationen jedoch nicht. Denn: Statistische Wahrscheinlichkeiten können per definitionem nichts über eine konkrete Person aussagen, sondern sie beziffern lediglich Häufigkeiten in statistischen Grundgesamtheiten. Und selbst nach einem Fruchtwassertest weiß die Schwangere nicht, was und vor allem wer sie nach da der Geburt erwartet: Ein sogenannter "unauffälliger Chromosomensatz" heißt nicht, daß das Kind gesund sein wird, sondern nur, daß bestimmte chromosomale Veränderungen ausgeschlossen sind. Stellen die Laborgenetiker dagegen eine Unregelmäßigkeit fest, dann kann ihr der Berater als Prognose lediglich die durchschnittliche Entwicklung derjenigen fötalen Population voraussagen, in die das Ungeborene aufgrund der Normabweichung gesteckt wurde.

Die Entscheidungsfalle

Nach der meist einstündigen Beratungssitzung hat die Schwangere vor allem eines gelernt: An der Entscheidung für oder gegen die Option "Test" führt kein Weg vorbei, und mögliche Konsequenzen, als "Risiken" vorausberechnet, muß sie nachher selbst verantworten. Bevor sie zum Genetiker kam, war sie vielleicht besorgt, aber noch guter Hoffnung auf das Kind, das da kommen soll. Als Beratene ist sie jedoch aufgeklärt: Schwangerschaft ist heute entscheidungsbedürftig. Die Möglichkeit der Fruchtwasseruntersuchung und einer darauffolgenden eventuellen Spätabtreibung stehen in der Beratung gleichrangig neben dem, was bis vor wenigen Jahrzehnten für Schwangere selbstverständlich war: Ihr Kind ohne Wenn und Aber auf die Welt zu bringen. Auf die gleiche Art und Weise, wie er berechnet, welche Risiken ein Test birgt, kalkuliert der Genetiker auch voraus, welche Risiken sie eingeht, wenn sie auf die Fruchtwasseruntersuchung verzichtet. Die "Entscheidungsfalle" ist zugeschnappt. Selbst, wenn die Frau sich dazu durchringt, keinen Test zu machen: Die Beratung hat ihre "gute Hoffnung" verkehrt in eine "eigenverantwortliche Entscheidung" für das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen.


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen