Veranstaltungen: Dokumentation

15.8.2003 | Von:
Döring, Dr. Ole

Yousheng, Eugenik in China – wo ist das ethische Problem?

Seit den Plänen für ein landesweites "Eugenikgesetz" (1993) werden chinesische Politiker, Ärzte und Wissenschaftler verdächtigt, sie arbeiteten an der "Optimierung" des Menschen. Meldungen über Experimente an Mensch- Tier- Hybriden und erfolgreiches Klonieren von Menschen haben diesen Verdacht verstärkt.

  • Seit den Plänen für ein landesweites "Eugenikgesetz" (1993) werden chinesische Politiker, Ärzte und Wissenschaftler verdächtigt, sie arbeiteten an der "Optimierung" des Menschen unter Anwendung der Biomedizin. Meldungen über Experimente an Mensch- Tier- Hybriden und erfolgreiches Klonieren von Menschen haben diesen Verdacht verstärkt.

  • Das doppelte Ziel der chinesischen Politik der Geburtenplanung besteht darin, die Anzahl der Geburten zu verringern und gleichzeitig die "Qualität" der chinesischen Bevölkerung zu verbessern. Das leitende Interesse von Yousheng liegt in der "Verbesserung der Gesundheit". Auch das erste Familienplanungsgesetz der VR China (2002) enthält eine Pflicht zur Geburtenplanung. Die "qualitative" Bevölkerungspolitik bleibt bestehen. Sie setzt vor allem auf die Eigenverantwortung der Paare.

  • Die internationalen und chinesischen Debatten über das "Eugenikgesetz" im Rahmen des 18. Weltkongresses der International Genetics Federation (1998) in Beijing haben das Problembewußtsein über Eugenik/ "Yousheng" nicht erkennbar vergrößert. Es gab keine entsprechend intensiven Anstrengungen zur allgemeinen Aufklärung und Regulierung der Forschung und medizinischen Praxis, um den wachsenden Bedarf zu decken.

  • In China vollzieht sich im letzten Jahrzehnt ein Übergang von der konventionellen zur "liberalen" Eugenik. Die Kombination aus "Ein- Kind- Politik", vermehrtem Zugang zu biomedizinischen Dienstleistungen und wachsendem Wohlstand begünstigt diesen Trend.

  • In China wird die Abtreibung weithin als ein Mittel zur Familienplanung praktiziert. Sie gilt als nicht wünschenswert, aber im Sinne der akzeptierten Ziele der Geburtenkontrolle oft als unvermeidlich. Die soziale Akzeptanz der Abtreibung im heutigen China geht auf einen historischen Bruch nach der Mao-Zeit zurück. Gesetzlich war Abtreibung in China zwischen 1910 und den frühen 1960ern verboten. Durch Abtreibung erhöht sich die Menge "biologischen Materials" für die Forschung. Auch ohne eugenische Absichten ergeben sich so vermehrt Gelegenheiten für eugenische Aktivitäten.

  • In aktuellen Entwürfen für die Gesetzgebung zur Forschung mit embryonalem Material steht das Interesse und der Schutz der Frauen im Mittelpunkt, gefolgt von wissenschaftlichen und volkswirtschaftlichen Interessen. Eugenische Bedenken werden nicht ausdrücklich genannt.

  • Aus der chinesischen Kultur kann keine besondere Offenheit für positive Eugenik begründet werden. Der Einfluss der staatlichen eugenischen Ideologie geht zurück. Dagegen nimmt das Interesse und die Kapazität der Forschung, manipulierend in die menschliche Biologie einzugreifen, zu. Historische, sozialkritische und ethische Bildung wird unzureichend vermittelt. Aktuelle Anlässe, wie die Erinnerung einzelner Ethiker an die "medizinischen" Experimente der japanischen Besatzer, werden von Entscheidungsträgern oder Medien nicht aufgegriffen.

  • Die Haltung der größeren moralischen Traditionen Chinas zur Eugenik ist nicht abschließend geklärt. Konfuzianische, daoistische und buddhistische Argumente lassen sich leichter im Sinne des Lebensschutzes als zur Unterstützung aktiver Manipulation oder Zerstörung menschlichen Lebens heranziehen. Gleichwohl vertreten manche konfuzianischen Bioethiker auch liberale oder permissive Meinungen. Ihr Einfluß ist gering.

  • Chinesische Bioethiker mahnen zur Besonnenheit und warnen vor übertriebenen Hoffnungen und Ängsten gegenüber der Biomedizin. Sie verlangen eine stärkere Konzentration auf allgemeine Gesundheitsfragen (Zugang, Strukturen, Standards, Gerechtigkeit) und interessieren sich weniger für die "Aufwertung" jenseits der Stärkung der Volksgesundheit. Die Konjunktur eugenischer Konzepte in der "modernen" Bevölkerung wird möglicherweise unterschätzt.

  • Problematisch ist angesichts des Aufklärungsbedarfs ein Ungleichgewicht biopolitischer Prioritäten. Erhebliche Anstrengungen gelten der Verbesserung technischer und medizinischer Standards im Sinne von Qualitätskontrolle und Risikovermeidung. Deren Durchsetzbarkeit ist nicht ohne verbesserte medizinische Allgemeinbildung und Aufklärung zu gewährleisten. Ein neuer technischer Imperativ scheint biologischen Reduktionismus zu begünstigen. Ebenso fördert ein entfesselter Wettbewerb sozialdarwinistische Ansichten in der Gesellschaft.

  • Die Politik hat sich in den Feldern wissenschaftlichen Fortschritts aus der Rolle ideologischer Bevormundung zurückgezogen. Die Motive und die Dauer dieser Zurückhaltung sind unkalkulierbar. Chinas politischer Trend ist pragmatisch, technokratisch und utilitaristisch ausgerichtet. Die Stärkung bürgerlicher Rechte weist in Kombination mit einem kaum regulierten Markt in Richtung der "liberalen Eugenik". Es finden sich keine konkreten Anzeichen für eine Rückkehr zur politischen Eugenik. Das kontroverse Gesundheitsgesetz von 1995 ist bis heute nicht implementiert worden. Gleichwohl hat eugenisches Denken auf allgemein weltanschaulicher Ebene erheblichen Einfluß.

  • Aus ethischer Sicht ist Eugenik in China heute hauptsächlich ein Problem des Selbst- Verstehens und der Verständigung. Traditionelle bzw. soziale und politische Weltbilder sind zerrüttet. Der schwindelerregenden Wandel zur Moderne macht es in China schwer zu verstehen, was der Mensch ist, wie weit er biologisch erklärt und verändert werden kann, darf oder soll. Damit ist eine allgemeine pragmatische Verkürzung moralischer Konzepte bei der Verständigung über Werte und die gute Praxis verbunden.

  • Außerdem ist sie als "liberale" Eugenik zunehmend ein Problem der Entwicklung wirtschaftlicher Macht der Märkte und Interessen.

  • Der wissenschaftliche Fortschritt in China orientiert sich großenteils an "westlichen" Vorbildern, insbesondere an der Forschungskultur in den USA. Die Perspektiven für Eugenik in China können nicht verstanden werden, ohne dass eine internationale Debatte um das Selbstverständnis der Lebenswissenschaften und der Bioethik zur Eugenik geführt wird.


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