Veranstaltungen: Dokumentation

15.8.2003 | Von:
Mieth, Prof. Dr. Dietmar

Ein Recht auf Nicht-Leiden?

Die Vorstellung von einem "Recht auf Nicht-Leiden" geht auf eine Erklärung des Europarates (Parlamentarische Versammlung) von 1977 zurück. Nun hat nicht jede solche Erklärung große Wirkung, aber man kann sich fragen, ob sie nicht Ausdruck eines allgemeinen Empfindens ist.

Wenn es ein Leidvermeidungsrecht gäbe und wenn dieses Recht ein Leidverminderungs- bzw. -Verkürzungsrecht zugleich einschlösse und überböte, dann würden diesem Recht bestimmte Pflichten entsprechen müssen: die Vermeidbarkeit bzw. die Minderung des Leides im Maße der Verfügbarkeit der Verhinderungs- oder Minderungs- bzw. Verkürzungsmittel. Deren Verfügbarkeit wäre dann aber auch moralisch geboten.

Betrachtet man die Korrespondenz von Rechten und Pflichten, dann scheint einem eine solche Konstruktion durchaus plausibel, zumal wir Leid mit Recht als ein Übel betrachten, das es zu verhindern oder zu minimieren gilt. Wer würde Leid nicht als ein Übel betrachten? Diese Frage werden wir aufgreifen müssen. Zunächst einmal ist wichtig, die beiden nahen Begriffe Schmerz und Leid so zu unterscheiden, daß der Begriff Leid Schmerzen zwar subsumieren kann, aber in seiner Charakteristik ein anderes und größeres Übelspektrum als den körperlichen Schmerz enthält und dies auch in einem Sinne kontinuierlichen und nicht etwa vorübergehenden oder punktuellen Empfindens.

Man kann versuchen, dies klinisch mit einem Beispiel zu erläutern: ein Patient mit einem unkomplizierten Beckenbruch ist zu längerem Liegen bei konservativer Behandlung verurteilt, wobei keine Schmerzen aus dem Liegen entstehen, dieses aber ein Zustand ist, unter dem man durchaus leiden kann. Die kontinuierliche Unbequemlichkeit fällt hier unter Leid aber nicht unter Schmerz.

Zurück zu den Pflichten: Pflichten, die sich aus Rechten ergeben, betreffen auch den Rechtsträger selbst. Dies würde beim potentiellen Leidträger eine Präventionspflicht und ein Selbstzufügungsverbot einschließen, beim aktuellen Leidträger die Kooperationspflicht mit Leidvermeidungs- und Leidverminderungsstrategien. Der Weg zu einer Patienten/innen-Ethik ist hier eröffnet. Aber die sozialethische Komponente ist auch deutlich und könnte hier ausgeführt werden.

Kehren wir zurück zu der Frage, ob dies auch für Leid gilt, das nicht oder insofern es nicht nur als ein Übel zu betrachten ist. Ich denke, was den Schmerz betrifft, so kann man ihn gewiß nicht verklären oder Unübles in ihm sehen, hier geht es bestenfalls darum, etwas als Übel um eines anderen Gutes willen in Kauf zu nehmen, etwa beim Ertragen ein kleinen Eingriffes oder einer Entnahme. Das ist aber ein berechenbares, vorübergehendes und nützliches Übel. Ein Kranker, der bei konservativer Behandlung "leidet" oder sonst wie aus dem falsch gepolten Leben oder aus dem hektischen Verkehr gezogen wird, wird aber möglicherweise auf den Gedanken kommen, daß dieser Zustand zusätzlich zu seiner Bedrückung auch Chancen enthält, sich selbst in anderen Umständen zu betrachten und neue Möglichkeiten an sich zu entdecken, auch Chancen der Einschränkung, wie sie etwa bei Behinderten thematisiert werden. Ist Leid auch von seinem Einschränkungscharakter her, den es mit dem Schmerz teilt, der aber beim Leid anders charakterisiert sein kann, ein Übel, das man als solches nicht weg- oder schönreden kann, so bleibt doch die in den Jahrtausenden geradezu unsterbliche Frage nach dem erzieherischen, nach dem produktiven, nach dem spirituellen Charakter des Leides, eine Frage, die offensichtlich nicht so leicht mit dem unterstellten "common sense" hinter der Erklärung des Europarates vereinbar ist.

Nun kann man an dieser Stelle leicht in eine Falle geraten, die ich, sofern ich mich als Ideologiekritiker religiöser (christlicher) Spiritualität verstehe, gern vermeiden würde: in die Leidverklärungsfalle. Die Erfahrung des Leides und jener Umgang mit dem Leid, der dieses als produktive Lebensform zu begreifen versucht – ich benutze hier den Ausdruck "produktiv" im Sinne von Erich Fromm – könnte leicht im Sinne historischer Fehlformen der Leidensspiritualität mißverstanden werden, die Leid nicht nur zu bestehen trachteten, sondern es geradezu als Heilsweg erflehten. Dafür gibt es genügend Beispiele. Das Beispiel der spätmittelalterlichen Nonne Elsbeth van Oye mag genügen, die sich Schmerzen zufügte, um sich gleichsam mit dem Messer zu öffnen, nachdem ja sexuelle Verschlossenheit geboten war, was wiederum in die Selbsterfahrung einer damaligen Frauenkonstitution nicht passen konnte. Hier liegt alles verquer.

"Das schnellste Tier, das uns zu Gott trägt, ist das Leiden." – dieses Wort Meister Eckharts, der Menschen an der Selbstzufügung von Schmerzen gehindert hat, muß anders verstanden werden. Nicht als Selbstopfer vor Gott, nicht als Aufopferung für andere unter Mißachtung der Selbstliebe, sondern als Aufhebung von Erleben in Erfahrung und von Erfahrung in Selbstfindung. Oder wie Eckhart sagen würde: das Erlebnis kann nicht aufgehoben, aber hinaufgehoben werden. Hebe dein Kreuz auf, heißt nicht, lade es auf deine Schultern, sondern: verwandle es.

Erfahrung ist ganzmenschliche – und damit auch gedankliche - Verarbeitung von Wahrnehmungen, Erlebnisses und Begegnungen. Negative Erlebnisse können in diesem Sinne, ohne für sich ihre Negativität zu verlieren, für mich produktive Erfahrungen werden. Diese Produktivität wäre freilich ideologisch, wenn sie in den Raum der eingeübten Selbstverklärung als Leidende(r) eintreten würde. Man kennt die Figuren, über deren Leiden sich das ständige Lächeln erhebt. Obwohl oft im klinischen Alltag, gleichen sie eher den Artisten unter der Zirkuskuppel.

Also läßt sich über diese Produktivität zunächst leichter sagen, was sie nicht ist, als was sie ist. Aber es gibt ein Kriterium: kann aus der Einschränkung Befreiung geboren werden? Dies wird vielleicht dort der Fall sein, wo eine neue Konzentration (Besinnung auf die Mitte) möglich wird.

Das kann man aber nicht zusagen oder vorschlagen, dabei kann man nur helfen. Die Helfer, die Helferinnen: sie haben eine subsidiäre und auch in diesem Sinn nicht-direktive Aufgabe. Wechselt man also die Perspektive von der Unproduktivität des Leidens zu einer möglichen, wenn auch eingeschränkten und in dem Sinne "realistischer" Produktivität, dann sehen die Pflichten, die hier dem Recht entsprechen, etwas anders aus. Der Helfende und Beratende verläßt gleichsam die Außenperspektive – "es gibt kein fremdes Leid" , sagte die jüngst verstorbene Theologin Dorothee Sölle – und begreift sich im Mitsein mit dem Anderen, dessen Nicht-Fremdheit dadurch erreicht wird, daß er als der Andere, ohne den ich nicht bin und der mich betrifft, zum unabweisbaren Gefühl in mir wird, dem ich moralisch nicht ausweichen kann. Geht dies zu nahe, besteht die Gefahr des Verlustes an professioneller Distanz, die doch um der Pflichten, die aus Nichtleidensrechten hervorgehen, wie wir anfangs gesehen haben, unabdingbar ist. Also gilt es, um wiederum mit Erich Fromm zu argumentieren, die Mitte zwischen Wegwendung und Distanzverlust zu finden, um produktiv "dabei" zu sein. Das wäre dann der allgemeine Weg zu dem, was spezifisch christlich "compassion" heißt, eine Mitleidenschaft, welche die Professionalität des Rechtsabgleiches durch Pflichterfüllung überschreitet, aber gerade darin auch eine Erfüllung findet, welche "Beruf" zur "Berufung" macht.


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