Veranstaltungen: Dokumentation

21.8.2003 | Von:
Professor Dr. Kathryn Morgan

"Genetisierung der Mütter: Kritische Überlegungen einer feministischen Bioethikerin/politischen Ethikerin"

Professor Dr. Kathryn Morgan: "Mein Ansatz zu diesem Thema ist der einer feministischen philosophischen Bioethikerin, die sich den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit sehr verbunden fühlt."

Grundlagen

Der von mir gewählte Titel ist ganz beabsichtigt vieldeutig. Er soll die vielfältigen Positionen unterschiedlicher (fruchtbarer) Frauen in Bezug auf Reproduktions-/Gentechnologien wiederspiegeln. Es gibt fruchtbare Frauen, die sich sich mit genetischem Wissen vertraut machen und dieses Wissen als eine Form des Empowerment der eigenen Person nutzen; es gibt fruchtbare Frauen, welche die vollständige Identifikation mit der zunehmenden Genetisierung quasi aller Dimension der menschlichen Existenz wählen; es gibt Frauen, die aus genetischen Gründen zu chirurgischen Eingriffen gezwungen werden, die ihnen ihre Fruchtbarkeit nehmen; es gibt fruchtbare Frauen, die ihre "genetisch anerkannten" Ova anderen Frauen zur Verfügung stellen, deren genetische Anlagen auf die eine oder andere Art mit einem Makel behaftet sind; es gibt fruchtbare Frauen, die ihre Fähigkeit, eine Schwangerschaft auszutragen anderen, privilegierten Frauen zur Verfügung stellen, deren Unfruchtbarkeit das Ergebnis einer genetischen Erkrankung sein kann; es gibt fruchtbare Frauen, die medizinische Genetikerinnen sind, und die andere Frauen drängen, Foeten aus genetischen Gründen abzutreiben; es gibt Frauen, die genetische Beraterinnen sind, und die ihr Wissen teilen und die Autonomie der fruchtbaren Frauen, die sie beraten, respektieren; andere tun dies nicht. Eine solche Positionsbeschreibung kann endlos fortgeführt werden...

Mein Ansatz zu diesem Thema ist der einer feministischen philosophischen Bioethikerin, die sich den Prinzipien sozialer Gerechtigkeit sehr verbunden fühlt. Wie viele andere feministische Bioethikerinnen auch, nähere ich mich den wichtigen ethischen und politischen Fragen, die sich aus den gegenwärtigen Fortschritten in der Genforschung, der klinischen Praxis und der kulturellen Ideologie ergeben, von einem feministischen bioethischen Bezugsrahmen. Dieser Rahmen umfasst (als Minimum) die folgenden theoretischen und politischen Verpflichtungen:

Eine Genderprivilegierung als die vornehmlich analytische Kategorie der Befragung, Analyse und der Evaluierung, indem die Frage gestellt wird: Was sind die Auswirkungen und Konsequenzen bestimmter Paradigmen, institutioneller Strukturen, sozialer Praktiken und Verknüpfungen persönlicher Beziehungen und der Interaktion von Menschen, die sich aufgrund ihres kontextualisierten Geschlechts (Gender) in unterschiedlichen Situationen befinden?

"Gendered lives" als komplexe Formen des Seins in der Welt mit vielen verschiedenen Facetten zu verstehen, die häufig eingebettet sind in unterdrückende Beziehungen der Privilegierung und Beherrschung, zu denen auch andere unterdrückende Dynamiken gehören, wie zum Beispiel Rassismus, die Unterdrückung aufgrund von Nicht-/Fähigkeit oder der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse, Ethnozentrismus, religiöse Vorurteile, ethnische Voreingenommenheit, die Unterdrückung aufgrund des Alters und Trans-/Homophobie.

Die vom Gender bestimmte menschliche Existenz als notwendig und in ihrer unterschiedlichen Kontextualisierung verstehen, respektieren und ethisch achten, so dass eine rein abstrakte universalistische ethische und politische Subjektivität als sekundär in Bezug auf die relationale Subjektivität angesehen wird (mit den Auswirkungen auf Theorie, Politik und Praxis)

Die Stimmen und das erfahrungsbezogene Wissen von Frauen bevorrechtigen und die ideologischen, kulturellen, materiellen und medizinischen Gefahren Frauen gegenüber kritisieren, das Empowerment der Frauen in Bezug auf die menschliche Fortpflanzung fördern und dabei die wesentlich größere Beteiligung von Frauen und dem Leben der Frauen– angefangen mit der Empfängnis, über Geburt, Stillen und Kindeserziehung – an der kulturell und politisch vermittelten menschlich sozialen Fortpflanzung anerkennen

Für eine Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern in den größeren Zusammenhängen der globalen sozialen Gerechtigkeit einzutreten, so dass Privilegien und Unterdrückung auf Grundlage der Geschlechtszugehörigkeit in allen Bereichen des menschlichen Lebens und der Gemeinschaft, einschließlich der menschlichen Fertilität, abgeschafft werden. In Bezug auf das Konferenzthema, werde ich die folgenden beiden Themen erörtern:

(1) Wie Fortschritte in der Humangenetik die Politik der mütterlichen Subjektivität beeinflussen können. In diesem Zusammenhang werde ich eine feministische Auslegung der suggestiven Typologie Foucaults der verschiedenen Technologien des Selbst vorstellen und versuchen zu zeigen, wie Frauen in unterschiedlichen Situationen paradoxerweise, sowohl eine Zunahme wie auch eine Abnahme ihrer Autonomie in Bezug auf die moderne Genetik erfahren können. Ich werde hier die komplexen politischen Rollen erörtern, die Ideologien genetisierter Subjektivität in Zusammenhang mit Gentechnik und Überwachungsformen spielen können.

(2) Kontextualisierung fruchtbarer Frauen Hier kehre ich den methodischen individualistischen/persönlichen Fokus eines Großteils der modernen im Mainstream vertretenen bioethischen Überlegungen um, indem ich den Schwerpunkt auf die größeren politischen Interessen lege, im Rahmen derer eine bestimmte Genetik-basierten Praxis verfolgt oder die von einer einzelnen Frau beschlossenen genetischen Entscheidung ausgeführt wird.


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