Veranstaltungen: Dokumentation

22.8.2003 | Von:
Dr. rer. nat. Karsten Henco

Die ökonomische Dynamik wissenschaftlicher Innovation

Thesen zu der ökonomischen Dynamik wissenschaftlicher Innovation stellt Dr. rer. nat. Karsten Henco im Zusammenhang mit dem Kongress "Gute Gene, schlechte Gene" vor.

Die wissenschaftliche Innovation im Bereich der Lebenswissenschaften wurde seit Mitte der 70er Jahre von einer ökonomischen Dynamik begleitet, die in Form einer Rückkopplung die Geschwindigkeit der Innovation spiralig verstärkt hat. In den USA hat es begonnen. Mit einer 10jährigen Zeitverzögerung wurden auch Europa und letztlich Asien erfasst. Die Dynamik der Entwicklung sorgt dafür, dass sich der ökonomische Abstand zu den USA stetig vergrößert, nicht verringert.

Der Bereich der Lebenswissenschaften wurde von der privaten Finanzwelt als auch von Seiten der staatlichen Zuwendungsgeber als maßgeblicher Industriezweig des 21. Jahrhunderts identifiziert. Die Förderung des humanen Genomprojektes durch die US-Regierung und andere staatliche Institutionen, inklusive der EU, markiert einen bemerkenswerten Höhepunkt. Die Mechanismen der New Economy mit ihren Möglichkeiten der Finanzierung zunächst noch unprofitabler Industrien haben die "Life Sciences" in ihrer Entwicklung zusätzlich beschleunigt.

Unsere deutsche traditionelle Pharmaindustrie verantwortet durch das weitgehende Verschlafen der Umschaltung von Chemie- auf Biowissenschaft als treibender Kraft den atemberaubenden Absturz aus ihrer global führenden Marktposition der 70er Jahre ins untere Mittelfeld. Mit dem Luxus politisch gewollter Alleingänge bei Gesetzgebungen rund um das Gentechnik-Gesetz zu Beginn der 90er Jahre haben wir alle wider besseren Wissens an diesem Prozess tapfer mitgewirkt. Ein Wunschdenken von Fehlerfreiheit des Handelns und der Traum vom Nullrisiko haben uns als Gesellschaft geleitet. Heute registrieren wir den dramatischen Verlust von Arbeitsplätzen, einen schier unüberwindbaren Abstand zu den USA, ein persistierendes Unverständnis der Bedeutung von Schutzrechten und Patenten in unserer Wissenschaftswelt, eine europäische Politik-Illusion, manifestiert in der Lissabon-Resolution, konfrontiert mit weiteren Wellen der Innovation wie beispielsweise den Aspekten der Stammzell-Forschung im Gesundheitssektor.

"Volle Deckung" ist die sinnvolle Losung bei einem vorbeiziehenden Gewitter. Hier aber zieht kein Gewitter vorbei. Hier greifen für lange Zeit irreversible Mechanismen, denen wir uns mit unserer noch verbliebenen Stärke verantwortungsvoll stellen müssen, wollen wir die Herausforderung annehmen. Die Herausforderung sehe ich darin, moralisch-ethische Grundsätze ins Gleichgewicht mit den Gesetzen der Wissenschaftsdynamik zu bringen, den Bedingungen eines globalen Arbeitsplatz-, Absatz- und Finanzmarktes, einem bezahlbaren Anspruch auf eine Gesundheitsversorgung und einem für alle Länder verbindlichen, internationalen Patentrecht als Basis wirtschaftlicher Entwicklung.

Wie kann das gehen?

Wir müssen dem Teufelskreis von Technologieerfindung und der gnadenlos bremsenden Reaktion "Technologie-Folgenabschätzung" gefolgt vom Ruf nach Moratorien entkommen. Wir müssen als politische Gesellschaft wieder lernen zu "agieren" statt zu "reagieren".

Meine Grundüberzeugung ist, dass wir wie in jeder Dissenz-Situation in Familie oder Unternehmen auch für unsere Gesellschaft dann am schnellsten einen Weg finden, wenn wir damit beginnen, einen positiv-Konsens über unsere persönlichen und gesellschaftlichen Ziele zu finden. Solange wir das Ziel nicht vor Augen haben, werden wir unsere notwendigen Aktionen auch nicht priorisieren können:
  • Wie stellen wir uns die Randbedingungen für ein lebenswertes Leben vor?

  • Welches Risiko sind wir für unsere Ziele bereit zu tragen, ökologisch, ökonomisch, arbeitsplatzmäßig, moralisch-ethisch, gesundheitlich, finanziell etc.

  • Wo liegt die moralisch-finanzielle Grenze der Verantwortlichkeit der Solidargemeinschaft gegenüber dem Einzelnen?

  • Welche Werkzeuge akzeptieren wir, um Wunschdenken in Machbarkeit zu transformieren?

  • Etc.
Konkrete Beispiele

Wollen wir dem Niereninsuffizienten zu einer neuen Niere verhelfen? Wie alt darf der Patient sein, der diese solidarische Hilfe erfährt? Soll er sie in Indien gegen Lebensmittel kaufen dürfen? Dürfen wir sie alternativ mit seinen Stammzellen zu reparieren versuchen? Wollen wir in der Zukunft diesen Prozess über Transplantationsalternativen dramatisch verbilligen, um für andere Leiden finanzielle Ressourcen freizusetzen?

Akzeptieren wir das Patentrecht als ein gesetzgeberisches Werkzeug, Innovation in Produkte zu übersetzen, den Wettbewerb attraktiv zu machen und geistiges Eigentum zu einem "Produkt" zu machen?

Schaffen wir es, die Welt der Wissenschaft für alle Menschen, insbesondere unsere politischen Entscheidungsträger wieder im wahren Sinne des Wortes "erfaß-bar", "be-greif-bar" zu machen?

Wie ernst meinen wir es mit den Individualrechten in den unterentwickelten Ländern? Wollen wir uns ihrem Kapital "Geist und Arbeitskraft" verschließen und ihnen damit weit mehr Schaden zufügen, als wir es mit einer Importbarriere für ihre Produkte schaffen?

Wenn wir es schaffen, emotionales Wunschdenken durch Akzeptanz von Rationalität zu ersetzen, wenn wir es schaffen, proaktiv Ziele zu definieren, die wir ethisch/moralisch vertreten, wenn wir es schaffen, die Wege zu ihrer Erreichung dialektisch zu erarbeiten, statt uns mit stumpfen Statements zu bombardieren, dann, nur dann, wird uns die reale Welt als Gesellschaft eine Chance geben, die Chance im Sinne unserer Ziele an der Gestaltung unserer gemeinsamen Welt weiter mitzuwirken.

Wir müssen uns bewusst sein, dass wir die Verantwortlichkeit und die Risiken des Handelns dialektisch mit der Verantwortlichkeit und den Risiken des Nicht-Handelns spiegeln müssen.


Event series

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Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Blog zur Fachkonferenz

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Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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