Veranstaltungen: Dokumentation

19.9.2003

Die Rolle von Werten und Religion bei der Formung einer europäischen Identität

Berichterstattung für Panel 3

Europa beginnt nicht in Europa. Zumindest nicht für den Pariser Religionswissenschaftler Rémi Brague. Um die Rolle von Religion und Werten für die Europäer ging es in der Sektion "Die Rolle von Werten und Religion bei der Formung einer europäischen Identität" ("The role of ethics and religion in building of a European identity").

Brague warf das Konzept einer gemeinsamen Identität gleich zu Beginn der Diskussion über den Haufen. Schon die Ausgangsfrage ist seiner Meinung nach falsch gestellt. Europa besitze keine Identität im Sinne eines kulturellen oder religiösen Erbes. Das Besondere der europäischen Identität liege in ihrer kulturellen "Zweitrangigkeit": das Wissen darum, nicht ursprünglich zu sein, sondern vor sich anderes, Früheres zu haben - kulturell die griechische Antike, religiös das Judentum.

Weder Jerusalem noch Athen fühlten sich jedoch Europa zugehörig, gab Brague zu bedenken. Die Wurzeln der Europäer lägen also außerhalb ihres eigenen Raumes. Eine "normale" Kultur könne die Frage nach ihrer Identität beantworten, indem sie sich auf ihre Ursprünge besinne. Nicht so Europa. Es forme seine Konturen weniger durch eigene kulturelle Substanz als vielmehr in der Auseinandersetzung mit dem "anderen", in dem Streben, sich das kulturell, religiös und politisch Frühere anzueignen und fortan zu überliefern. Die europäische Identität sei "exzentrisch", nicht ichbezogen wie bei anderen Kulturen, wie es der Franzose formulierte. "Römisch" nennt Brague diese offene europäische Identität, die Haltung der Aneignung, der Überlieferung und der Weitergabe. Europas exzentrische Identität sei die Quelle aller Renaissancen, deren dieser Kontinent fähig gewesen sei, von der "karolingischen Renaissance" bis zum Hellenismus der deutschen Klassik. Das "Römertum" sei zum Ursprung des europäischen kulturellen Reichtums geworden.

Den Gegensatz von Einbindung und Ausschluss nahm auch der spanische Philosoph Agustin Villarta Pareja als Ausgangspunkt. Exklusion sei der falsche Weg, um zu einer gemeinsamen europäischen Identität zu finden. Ein solcher Abschottungsversuch lasse sich auf zwei Ebenen festmachen: einerseits auf der politischen Ebene durch den Bau einer "europäischen Festung", andererseits auf der kulturellen Ebene durch die Formung einer exklusiven europäischen Identität, die sich auf die gemeinsame Geschichte, auf gemeinsame Traditionen und die christliche Religion stütze.

So versuchten die EU-Mitgliedsländer, sich gegen eine Zuwanderung aus der Dritten Welt zu schützen, kritisierte Villarta Pareja. Doch auch der Versuch, eine exklusive europäische Identität zu zimmern, sei wenig hilfreich. Denn die europäischen Traditionen gründeten nicht nur auf das griechische, römische und barbarische Erbe, sondern auch auf die christliche, jüdische und muslimische Kultur und Religion. Eine gemeinsame europäische Identität könne sich nur dann entwickeln, wenn die Menschen von Madrid bis London und ihre gewählten Repräsentanten sich auf ein Minimum an moralischen Werten verständigten, betonte Villarta Pareja.

Zwar existierten im modernen Europa bereits gemeinsame Werte. Dies zeige etwa die Abschaffung der Todesstrafe oder die Unterstützung für den Internationalen Strafgerichtshof. Auch hielten die Europäer die Würde des Menschen sowie grundlegende politische Rechte und Freiheiten hoch. "Diese moralischen Ansprüche vermitteln ihnen ein Gefühl von Identität." Es könnten aber gar nicht alle Menschen diese Rechte und Freiheiten in Anspruch nehmen. Wenn die als europäisch verstandenen Werte jedoch tatsächlich universale Gültigkeit haben sollen, so Villarta Pareja, dürften die Europäer vor den Problemen der Dritten Welt nicht die Augen verschließen.

Schon in der Vergangenheit hätten die Europäer Grenzen zu ihren Nachbarn aufgebaut, erinnerte der russische Philosophieprofessor Michail Ryklin. Noch im 18. Jahrhundert lebten die Menschen in Europa in einem freien Raum. Doch Mitte des 19. Jahrhunderts sei plötzlich eine Grenze zwischen Europa und Russland entstanden.

Es seien nicht zuletzt Intellektuelle auf beiden Seiten gewesen, die diese Entwicklung befördert hätten. Ryklin verwies auf den französischen Schriftsteller Astolphe de Custine. Dieser habe in seinem Buch "La Russie de 1839" ein Russland gezeichnet, das keinerlei Verbindung zu Europa hat. Nach Custine strebte es jedoch danach, das Ideal – nämlich Europa - zu imitieren, vergeblich. Die einzige Chance für Russland sah der Franzose denn auch darin, dass dieses sich auf seine Wurzel besinne. Custines Werk habe dazu beigetragen, die Grenze zwischen Europa und Russland zu festigen, so Ryklin.

Auch Fjodor M. Dostojewski habe einen Gegensatz zwischen Russland und Europa aufgebaut. Die Europäer und insbesondere die Franzosen hielt der russische Dichter für Individualisten. In Russland dagegen sah er echte Bruderschaft: Die Prügelstrafe habe aus dem russischen Volk einen kollektiven Körper gemacht, so Dostojewskis Überzeugung. Trotz dieser Thesen, so Ryklin, gehöre er bis heute zu den am meist gelesenen Autoren in Europa.

Mit der Oktoberrevolution 1917 hätten sich die Fronten verkehrt. Russland sei nun für viele Intellektuelle das Vorbild geworden, nicht mehr Europa. Ryklin zitierte Walter Benjamin und Ludwig Wittgenstein. Heute hätten offenbar die USA diese Rolle eingenommen.

Diese Beispiele zeigten, dass es eine europäische Identität im eigentlichen Sinne nicht gebe. Was jedoch zu jeder Zeit bestanden habe, das sei der starke Wunsch nach Selbstbestätigung gewesen. Ryklin verwies auf Friedrich Hölderlin und Heinrich Heine in Deutschland. "Die Ergebnisse kennen wir", so Ryklin. Ein Wunsch, der bis heute vorhanden sei. "Es gibt ein großes ideologisches Vakuum." Dies zeige auch der sich weltweit ausbreitende Fundamentalismus.

Der israelische Dramatiker Joshua Sobol erinnerte an die Figur von Satan, dem Wanderer, dem Reisenden. Es sei kein Zufall, dass dieser in der europäischen Literatur in vielen verschiedenen Formen auftauche - etwa als Casanova oder als Don Cichotte. Satan sei eine Figur, die erforsche, was erlaubt sei, wo die Grenzen liegen. Für die Europäer stellte Satan demnach das Prinzip der Erforschung der Welt dar. Die europäische Identitätskrise rühre daher, dass die Europäer sich schuldig fühlten. Schuldig, so lange bis an die Grenzen gegangen zu sein – ohne dabei Schuldgefühle zu verspüren gegenüber anderen Völkern. Nun durchlaufe Europa eine Periode des Exorzismus, glaubt Sobol. Die Europäer wollten sich von Satan befreien.

Der indische Historiker Dilip Simeon griff diesen Gedanken auf. Nicht umsonst werde Satan auch Luzifer genannt, der König der Lügen. Religion habe sich von einem Vehikel moralischer Werte zu einem Vehikel politischer Identität entwickelt. Sie diene heute vielfach dazu, Gewalt zu legitimieren.

Nicole Maschler


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