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Veranstaltungen: Dokumentation

19.9.2003

Die Rolle der Medien für eine europäische Identität und Öffentlichkeit

Berichterstattung für Panel 6

Auslandskorrespondent in Washington, London oder Paris – ein Traumjob? Keineswegs, findet Pascale Hugues. "Die Arbeit ist ermüdend", sagt die Berliner Bürochefin des Pariser Nachrichtenmagazins "Le Point". Um Klischees, Möglichkeiten und Grenzen des Journalismus in Europa ging es in der Sektion "Die Rolle der Medien für eine europäische Identität und Öffentlichkeit" ("The role of the media in building a European identity and public debate").

Groß ist der Frust unter den Kollegen, weiß Hugues. Deutschland gelte vielen als langweilige, gesättigte Nation. Ein kleines Kunststück sei es da, der Heimatredaktion Themen aus Berlin zu verkaufen, berichtet die Journalistin. Denn mit dem viel gerühmten Tandem, der "besonderen Beziehung" zwischen Deutschen und Franzosen, sei es nicht so weit her. "Die Deutschen verehren die Franzosen, die Franzosen interessieren sich dagegen überhaupt nicht für die Deutschen."

Keine leichte Aufgabe also für einen Journalisten, die Leute neugierig zu machen auf das Nachbarland. Der französische Fernsehsender TF 1 habe gar im Jahr 2000 sein Berliner Büro geschlossen. Eine Fehlentscheidung, findet Hugues. Schließlich sei Deutschland derzeit eines der wichtigsten Länder überhaupt. "Wie können sie Büros in Schweden und Italien halten, aber Berlin schließen?"

Doch eine Trendwende zeichne sich ab: Auch Themen aus Deutschland "ziehen" mittlerweile, so Hugues. Der Grund: Eine neue Generation in den Redaktionen - und der Mauerfall. "Das war das erste Mal, das etwas Großes, Aufregendes in Deutschland passierte", sagt die Korrespondentin. Das "neue Deutschland", "la nouvelle Allemagne", war plötzlich einen Bericht wert.

Viele Leute zuckten beim Thema Europa die Achseln, hat auch Kathinka Dittrich van Weringh festgestellt. Die europäische Verfassung, Referenden oder gar ökonomische Probleme lockten keinen Leser oder Zuschauer hinterm Ofen hervor. Die Berichterstattung sei "wenig sexy". Warum, so Dittrich van Weringh, fänden soziale und kulturelle Themen mit europäischem Bezug in den Zeitungen, Radio- und TV-Sendungen so gut wie nicht statt. Schließlich legten die Europäer doch auch sonst so viel Wert auf ihre Kultur.

Und noch einen weißen Fleck macht Dittrich van Weringh in der Berichterstattung aus: den Osten Europas. Die Neugier der Osteuropäer sei viel größer als die der Wiener oder Pariser. Doch die Vorstandsvorsitzende der "European Cultural Foundation" in Amsterdam kennt auch positive Beispiele: So veröffentliche das Internet-Magazin "Transitions online" mit Redaktionszentrale in Prag Zeitungs- und Zeitschriftenartikel aus den einstigen Sowjetrepubliken. Das Themenspektrum reicht von Sozialem über Politik bis hin zu Kultur. Auch das Online-Magazin "eurozine" setze auf den europäischen Dialog: Es stellt Beiträge aus über 100 Kulturzeitschriften in ganz Europa ins Netz.

Ein unbekanntes Territorium stelle auch der deutsche Osten für die meisten Nachbarn dar, bestätigt Klaus Keil vom "Filmboard. Filmförderung in Berlin-Brandenburg" (FFB). Dies erkläre den Erfolg der Ost-Komödie "Good bye, Lenin" von Wolfgang Becker in Europa. Denn der Film zeige "ein authentisches Stück Deutschland", ein Deutschland, wie es die Nachbarn bisher nicht kannten. Und genau darin liege die Chance für den Film, ist Keil überzeugt. Eine gemeinsame europäische Identität bedeute auch, dem Nachbarn von sich zu erzählen. "Wie sollen wir miteinander diskutieren, wenn wir den anderen nicht kennen?"

Weniger optimistisch gab sich Pierre-Henri Deleau, zuletzt Leiter des Europäischen Filmforums in Straßburg. In den Kinosälen von Madrid bis Stockholm liefen lediglich amerikanische oder einheimische Filme. Immer seltener flimmerten dagegen Streifen aus dem europäischen Ausland über die Leinwand. So seien im vergangenen Jahr gerade einmal sechs italienische Filme in Frankreich zu sehen gewesen. Gegenüber der US-Konkurrenz gerate der europäische Film ins Hintertreffen, glaubt Deleau. "Die Amerikaner sind einfach die besseren Verkäufer."

Die europäischen Filmemacher müssten ihr Publikum zurückerobern, forderte der Franzose. Mit massiven Werbekampagnen im Fernsehen und einem europäischen Verband. "Was wir brauchen, ist eine aggressive Politik." Bisher sei davon in London, Brüssel oder Berlin aber wenig zu spüren, bedauert Deleau. Kino sei kein Thema für Europas Politiker. Dabei sei der Film ein Produkt wie andere auch. "Brigitte Bardot hat mit ihren Filmen mehr Geld nach Frankreich gebracht als der Autokonzern Renault." Europa brauche einen Minister für Kino, ist Deleaus überzeugt.

Zumindest in der Runde fand Deleau mit seiner Forderung Gehör. Man werde sich zu einer Initiative zusammenschließen, um bei den Kulturministern künftig stärker für den europäischen Film zu werben, betonte Marion Döring, Geschäftsführerin der Europäischen Filmakadamie in Berlin. "Im nächsten Jahr müssen die Themen Film und Medien auf der Agenda der Minister stehen." Unterstützung habe auch Nikolaus van der Pas, Generaldirektor Bildung und Kultur bei der Europäischen Kommission, zugesagt. "Eine solche Initiative", so Döring, "ist eine Investition in die Zukunft".

Nicole Maschler


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