30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Veranstaltungen: Dokumentation

29.9.2003

Artists in a dialogue about the future of Europe

Berichterstattung für Panel 1

Wo fängt Europa an, wo endet es? Eine Frage, mit der sich selbst die EU-Mitgliedstaaten schwer tun. Das zeigt nicht zuletzt die Debatte um einen Beitritt der Türkei. Noch heikler wird das Thema, wenn man einen Ukrainer, einen Inder oder einen Libanesen fragt. Um die kulturelle Identität der Europäer, um das Europa der Kulturen ging es in der Sektion "Europa denken. Künstler im Dialog über die Zukunft Europas" ("Thinking Europe: artists in a dialogue about the future of Europe").

Die europäische Kultur müsse auch Länder einschließen, die nicht zur Europäischen Union gehören, forderte der ukrainische Schriftsteller Andrei Kurkov. Die neuen Grenzen der Gemeinschaft dürften nicht als "Filter" wirken. Schon heute werde die osteuropäische Kultur zwischen Berlin und Madrid nur verzerrt wahrgenommen, bedauerte Kurkov. Das Bild sei geprägt von Klischees. So würde etwa der Balkan stets nur als Region voller Irrer dargestellt, als zerstörtes Gebiet. Ähnlich negativ sei die Vorstellung der Westeuropäer von seiner Heimat, der Ukraine; diese tauche in Diskussionen lediglich als zerfallender Staat auf.

Die Grenze zwischen Europa und den nicht-europäischen Ländern verlaufe zwischen Polen und der Ukraine. Das Prinzip der EU-Erweiterung sei ein einfaches: Nachbarn, welche die gleichen Werte teilten, seien Freunde und Partner. Diejenigen aber, deren Verhalten unvorhersehbar sei und daher Angst erzeuge, würden von den Europäern als Bedrohung empfunden.

Die EU-Erweiterung bedeute auch mehr Einfluss für die europäische Kultur, so Kurkov. Zwar sei das zusammenwachsende Europa auf politischer Ebene ein kompliziertes Monster. So gebe die Union sogar den Durchmesser von Leitungsrohren, Bananen und Tomaten vor. Aber die Kultur spiele bisher kaum eine Rolle. Das sei umso verwunderlicher, als sich die Europäer doch durch die US-Kultur bedroht fühlten. Kurkov warnte die Europäer vor einem kulturellen Protektionismus. Dieser schade vor allem den unterentwickelten Ländern wie der Ukraine.

Am Ende führe das Streben nach einem Schutz des europäischen Marktes noch zu einer EU-weite Kulturgesetzgebung. Dabei gehöre die europäische Kultur nicht den Europäern allein, betonte der Ukrainer. Europa sollte die Kultur vielmehr als Visitenkarte benutzen, so Kurkov. Schließlich hätten die Europäer auch einen Nutzen davon, wenn ihre Kultur jenseits der eigenen Grenzen Verbreitung fände – dies gelte insbesondere für den amerikanischen Markt und die arabische Welt. Die Europäer müssten lernen, stolz auf die Kultur der Nachbarn zu sein. Nur dann lasse sich ein vereinter Kulturraum verwirklichen.

Vor allem kleinere Länder hätten Furcht, von Europa erdrückt zu werden, bestätigte Christoph Stölz von der "Konrad-Adenauer-Stiftung". Deshalb stelle sich die Frage, wie sich ein freier Markt schaffen lasse, "ohne dass Talente auf der Strecke bleiben". Die Schlussfolgerung könne jedenfalls nicht sein, den Wettbewerb grundsätzlich zu verhindern. Denn: "Ein offener Markt ermöglicht erst freien Wettbewerb." Europa dürfe kein "geschlossener Shop" sein, forderte auch Kathinka Dittrich van Weringh, Geschäftsführerin der European Cultural Foundation in Amsterdam. Die Ängste der Europäer seien unbegründet. "Vielfalt meint auch Reichtum." Die Unesco habe im Jahr 2000 Vielfalt als Wert explizit festgeschrieben, erinnerte Nikolaus van der Pas, Generaldirektor für Bildung und Kultur bei der Europäischen Kommission. Und Vielfalt sei auch das europäische Modell. "Ich will nicht überall in Europa das gleiche Essen auf dem Teller haben."

Mehr noch: Jeder Europäer habe das Recht, in seiner eigenen Sprache zu lesen und zu hören, betonte der Pariser Wirtschaftswissenschaftler Yann Moulier-Boutang. Natürlich bedeute dies einen enormen Aufwand – etwa bei Übersetzungen. Und möglicherweise seien auch neue Technologien notwendig. Um eine gemeinsame Währung zu schaffen, musste eine europäische Zentralbank her, erinnerte der Ökonom. "Lasst uns eine europäische Zentralbank der Sprachen schaffen." Es sei ein Fehler, immer nur mit den zu hohen Kosten zu argumentieren. "Wir müssen in die Kultur, in das Wissen investieren." Andernfalls, warnte Moulier-Boutang, würden viele Menschen in Europa den Anschluss verlieren.

Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, kennt der libanesische Dichter und Journalist Abbas Beydoun nur zu gut. Die Globalisierung bedeute nicht nur den Fortschritts des Westens, sondern sei zugleich Ausdruck eines Scheiterns des Orients, betonte der Feuilletonchef der libanesischen Zeitung "Assafir". Einige Völker befänden sich politisch wie wirtschaftlich vollkommen im Abseits. Diese Länder würden als Quelle des Bösen betrachtet, die es zu bekämpfen gelte, sagte Baydoun und verwies auf den Militäreinsatz der USA in Afghanistan und im Irak.

Die amerikanische Überlegenheit habe im Orient eine Identitätskrise provoziert und ein Gefühl der Unruhe erzeugt. Anders als die USA hätten die Europäer verstanden, dass es sich bei den Arabern um Völker mit eigener Geschichte und einer alten Kultur handele. Das amerikanische Projekt kenne dagegen nur die militärische Intervention. Die Integration des Islam stelle für Europa eine der größten Herausforderungen der Zukunft dar. Doch wenn die Europäer als moralische Kraft in der Weltpolitik auftreten und für Toleranz, Frieden, die Anerkennung des anderen sowie den Schutz von Minderheiten einstehen wollten, müssten sie auch handeln. Durch ihre Passivität im Irakkrieg hätten sie einen großen Teil ihrer moralischen Autorität verloren.

Das Problem der Europäer sei, dass ihnen ein gemeinsames Programm fehle, glaubt die polnische Filmemacherin Agnieszka Holland. Zwar verfügten sie über eine gemeinsame Währung, aber eine kulturelle Identität besäßen Deutsche, Italiener oder Briten nicht. Am Ende zähle für sie nur, wie sie ihr reiches, sicheres Europa verteidigen könnten. Das führe in einen Teufelskreis: So nähmen die Beitrittsländer die EU denn auch nur als ökonomische Einheit wahr, so Holland. Die Europäer sollten etwas schaffen, was sie in der Welt verkaufen können, so Holland. Die europäische Kultur müsse wettbewerbsfähiger werden. Und das funktioniere nun einmal nicht ohne Geld. "Mozart bekam Geld von der katholischen Kirche. Wenn wir eine starke Kultur wollen, müssen wir dafür bezahlen."

"Ich komme aus einem Land, in dem es 400 oder 500 verschiedene Sprachen gibt - und trotzdem eine Einheit", betonte der indische Historiker Dilip Simeon. Er äußerte Unverständnis über den Streit um eine europäische Identität zwischen Nationalstaat und Gemeinschaft. "Ich will nicht für mein Land sprechen, ich bin ein Intellektueller, der seine Ideen vertritt." Und genau das erwarte er auch von den Europäern: "Was hat es eigentlich mit diesem Stolz auf eure Kultur auf sich? Das ist unsere globale Kultur."


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen