Veranstaltungen: Dokumentation

24.4.2003

Medienpädagogik im Zeitraffer

Ein Gespräch über Medienstrategien, Medieninszenierungen
und Medieneffekte im Irak-Krieg

Die Medienstrategie von US-Regierungen im Krieg hat sich gewandelt: Das "Laisser-Faire" von Vietnam ist längst Geschichte. Doch die Symbole und Botschaften des Krieges lassen sich nicht am Reissbrett planen. Der Politikwissenschaftler Ulrich Sarcinelli analysiert das Geflecht aus medialer Inszenierung, öffentlicher Wahrnehmung und Mythenbildung im Kontext des Irak-Krieges.

bpb: Herr Professor Sarcinelli, im Krieg nehmen Strategien der Kommunikation, der Mediensteuerung und Propaganda eine Schlüsselrolle im Kalkül der kämpfenden Parteien ein. Desinformation und Zensur gehören seit jeher zum kommunikativen Repertoire Krieg führender Regierungen. Ist politische Kommunikation die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln?

Sarcinelli: Die Sicht ist durchaus nicht falsch. Wobei es ja nicht neu ist, dass Kommunikation für Kriegszwecke instrumentalisiert wird. Wenn man so will gab es drei Modelle: Das eine war das Vietnam-Modell, wo im Grunde eine extrem freie Berichterstattung stattfand, das Militär sogar großzügig Infrastruktur zur Verfügung stellte, dann aber doch im Laufe der Jahre merkte, dass mit dieser Art von völlig freier Berichterstattung die Heimatfront bröckelt. Dann gab es das Berichterstattungsmodell Nummer zwei, der erste amerikanisch-irakische Golfkrieg. Da hat man versucht, durch exklusive Briefings der Militärs die Berichterstattung völlig unter Kontrolle zu halten. Das führte natürlich dazu, dass mit der Zeit die Glaubwürdigkeit leidet, weil eben doch auch andere Berichte bekannt werden. Dieses Modell hatte man auch noch im Kosovokrieg zu praktizieren versucht: mit den entsprechenden Briefings und Videoeinspielungen. Vermittelt werden sollte das Bild eines 'klinisch' sauberen Krieges – punktuell, ganz präzise feindliche Stellungen treffend. Wir wissen, dass bei aller neuen Waffentechnologie das so 'sauber' nicht war. Und jetzt hat man in der Tat ein neues Modell, den "eingebetteten Journalismus", bei dem im Grunde Journalisten schon wie Kommunikationskombattanten in die Kriegsmaschinerie ein- und angebunden wurden. Mit der Maßgabe, dass sie direkt live von der Front Bericht erstatten dürfen, aber nur in einem Rahmen, den das Militär vorgibt. Doch man kann Gebiete in der Regel nicht völlig abdichten. Es gibt immer wieder Leute, die sich durchschlagen und mit einem Satellitentelefon in der Lage sind, entsprechende Berichte oder Gegenbilder zu bringen.

bpb: Auch die Schnelligkeit der medialen Übermittlung führte die Steuerungsversuche der USA zum Teil ad absurdum. So haben amerikanische Eltern ihren kriegsgefangenen Sohn im Fernsehen gesehen, bevor sie von der Armee Nachricht erhalten haben.

Sarcinelli: Ein Krieg kann nicht so durchgestylt werden, dass er im Prozessablauf vollkommen kontrollierbar ist. Das gleiche erleben wir in Zeiten der hochmodernen Medientechnologie bezogen auf die Macht der Bilder. Hier muss man schnell reagieren, dass nicht gleichsam die Heimatfront abbröckelt. Also darf es in den US-Öffentlichkeit nicht der Eindruck entstehen, dass die amerikanischen GI‘s sich nicht um gefangene Kameraden und deren Angehörige kümmern. Da war natürlich auch die Befreiung der 19-jährigen Soldatin eine gut inszenierte, filmreife und ohne Zweifel beeindruckend professionelle Aktion. Die Botschaft an die eigene Truppe, aber insbesondere an das eigene Medienpublikum lautete dabei: "Schaut her, wir machen alles, um unsere GI´s wieder raus zu hauen."

bpb: Die Eigendynamik der Medien und die Logik der weltweiten Kommunikation zwingen die kriegsführenden Parteien zu solchen Gegen-Inszenierungen. Interpretieren Sie die neue Informationssituation in diesem Krieg als eine Art "Rückkehr der Wirklichkeit" in die Kriegsberichterstattung, weg von den "virtuellen Kriegen" eines Norman Schwarzkopf im Golfkrieg 1991?

Sarcinelli: Ja, insbesondere die neuen Technologien machen es möglich, dass die Kontrolle und das Abgleichen des wirklichen Geschehens mit der dargestellten Wirklichkeit früher geschieht. Der echte Krieg mit den schmutzigen Bildern, die nicht für die jeweilige Seite angenehm sind, wird transportiert. Notfalls ist es das Internet, was die entsprechenden Informationen liefert. Was ich aber bezogen auf die Berichterstattung in der deutschen Szene beobachte: Bei uns ist dieser Krieg so etwas wie ein medienpädagogisches Erfahrungsfeld für die Öffentlichkeit geworden. Noch nie ist hier so kritisch und so distanziert von der Kriegsberichterstattung gesprochen worden. Noch nie ist die Öffentlichkeit so stark sensibilisiert worden für die Regeln, die zu einem funktionierenden politischen Journalismus gehören.

bpb: Sie sprechen von einer Medien-Lehrstunde im Zeitraffer ...

Sarcinelli: ... ja, das mag zynisch klingen, weil Krieg nicht gleichsam medienpädagogisch legitimiert werden kann. Aber eine Medien-Lehrstunde war es.

bpb: Letztlich mit einer aufklärerischen Wirkung?

Sarcinelli: Man wagt natürlich nicht, so große Worte in den Mund zu nehmen. Aufklärung durch Kriegskommunikation, das ist ja eigentlich ein Widerspruch in sich selbst. Aber die Berichterstattung ist durchweg distanziert und wir haben in Deutschland sowieso keinen Hurrapatriotismus. In den USA ist allerdings die Bereitschaft der Öffentlichkeit, Informationsverweigerung und einseitige Information hinzunehmen, noch relativ groß. Nicht überall, New York Times, Washington Post und einige wenige Intelligenzblätter haben da durchaus auch kritisch distanziert berichtet. Spannend wird nun die Frage, ob und wie sich nach einem schnellen Kriegsverlauf in Deutschland die öffentliche Einschätzung des Kriegsgeschehens ändern wird.

bpb: Nicht nur der Krieg will kommuniziert werden – von den Kriegsparteien jeweils im Sinne ihrer Interessen – sondern auch die Nachkriegszeit. Wie könnten etwa die Amerikaner die Botschaft vermitteln, dass sie als Befreier des irakischen Volkes einmarschiert sind? Wie würden sie die Nachkriegsphase unter dem Aspekt der politischen Kommunikation beurteilen, wie verhalten sich die politischen Akteure?

Sarcinelli: Die Nachkriegskommunikation bei den Alliierten wird natürlich bei allen Bemühungen, die aufgerissenen Gräben zwischen den Verbündeten etwas zu schließen, anders aussehen als hier in Deutschland. Natürlich wird die US-Administration versuchen die so genannten Kollateralschäden klein zu reden. Gleichzeitig wird sie die Verminderung des Drohpotentials durch die Kriegsskepsis einiger Staaten hoch reden. Die spannende Frage wird sein: Findet man Massenvernichtungswaffen? Kann man möglichst schnell die grausame Innenseite des gestürzten Saddam-Regimes zeigen. Für die Glaubwürdigkeit wird das von nicht geringer Bedeutung sein. Wenn man keine Massenvernichtungswaffen findet, hat man ein Argumentationsproblem. Kein Machtproblem aber ein Argumentationsproblem.

bpb: Dabei geht es um die nachträgliche Legitimation des militärischen Eingreifens. Welche Rolle spielt da die Frage, ob Saddam Hussein gefunden wird oder nicht? Auch unter dem Stichwort der Mythenbildung und der Verhinderung von Mythenbildung?

Sarcinelli: Möglicherweise wird man, weil er zu Staub geworden ist, überhaupt nichts mehr unmittelbar nachweisen können – was natürlich ein wunderbarer Stoff wäre: Wie er sich sozusagen aufgelöst hat und zum Mythos, zum arabischen Mythos wird. Er ist einfach weg, existiert nicht mehr, als Folge eines sehr massiven Bombenangriffs etwa. Man kann nichts mehr nachweisen. Das wäre der beste Humus für Mythenbildung vor allem dann, wenn für die arabische Welt kein Ausweg aus der Hoffnungslosigkeit gewiesen wird: der verschwundene Saddam, unbesiegter Hoffnungsträger der arabischen Massen.

bpb: Ist das ein Kommunikationsproblem für die USA?

Sarcinelli: Die USA haben ja viele Fronten der Kommunikation, die sie zu bedienen haben. Sie haben die Heimatfront und die Willigen, sie haben die kritischen Verbündeten und sie haben natürlich den arabischen Raum, insbesondere den Irak. Eine kluge Nachkriegskommunikation wird versuchen das Gefühl zu vermitteln, dass man nicht als Besatzer kommt, sondern als Übergangsmacht, um letztlich die Politik wieder in die Hände der Iraker zu legen. Und außerdem als Ordnungsmacht – eine Art freundlicher Hegemon – im Nahen Osten: Wenn die Amerikaner zum Palästinakonflikt keine erfolgreiche Strategie auf die Bühne bringen können, dann haben sie ein Problem. An der Heimatfront wird nach und nach die Realität dieses Krieges bekannt werden, auch was uns bisher verschwiegen wurde. Amerika ist ja ein zu offenes Land, das durchaus zu Selbstkritik und Revision in der Lage ist.

bpb: Welche symbolische Politik seitens der USA wäre klug, um diesen Übergangs- und Ordnungsstatus zu kommunizieren?

Sarcinelli: Es ist leichter zu sagen, welche Symbole kontraproduktiv wären. Amerikanische Soldaten, die in Saddamschen Palästen mit auftrumpfender Miene und Geste sitzen: das sind natürlich genau die Symbole, die einem stolzen arabischen Volk – auch wenn es die Besatzer begrüßt hat – demütigend erscheinen müssen. Solche Triumphgesten sollte man tunlichst vermeiden.

bpb: Diese Bildersprache des Sieges: Ist sie eigentlich politisch gewollt, gesteuert, gar gezielt produziert – oder entstehen diese Bilder eher zufällig, sind sie ungeplante Nebenprodukte? Wie sind etwa die Bilder aus Saddams Palästen zu bewerten?

Sarcinelli: Gerade das Vorführen von Prunkräumen, von goldenen Wasserhähnen und dergleichen, dass ist natürlich nicht zufällig, und die Journalisten hechten ja nun in der Tat den Militärs hinterher, begierig nach solchen symbolträchtigen Insignien, die deutlich machen: Hier war jemand, der das Volk geknechtet hat, es hat ausbluten lassen und in Prunk gelebt hat. Also das ist kein Zufall.

bpb: Saddam Husseins Regime wurde vorgeworfen, dass gefangene US-Soldaten im Fernsehen vorgeführt wurden, andererseits gab es auch die demütigenden Gesten nach dem Einmarsch der US-Truppen.

Sarcinelli: Die Genfer Konvention soll einen Mindestschutz für Kriegsgefangene bieten. Gut, es gab auch das Vorführen irakischer Gefangener, zwar nicht so demonstrativ, aber so, dass sie durchaus erkennbar wurden. Aber eine bewusste amerikanische Bildstrategie, die gab es sicherlich in Bezug auf die Denkmalstürzerei von Saddam. Aber man wird, glaube ich, sensibel sein müssen. Diese Art von Bilderstürmerei, das ist in dieser Umbruchsphase durchaus etwas, das akzeptiert wird. Darüber hinaus wird man sehr schnell wichtige Führer des Iraks zusammenbringen müssen.

bpb: Die Kommunikation mit dem irakischen Volk wird also über die traditionellen Eliten und Stammesführer laufen?

Sarcinelli: Das irakische Volk wird natürlich auch durch die Massenmedien direkt angesprochen, aber es ist ein Volk, das aus Volksgruppen besteht und in hohem Maße auch vom Wohl und Wehe der Clan-Führer abhängt. Die Clan-Führer haben eine ganz starke Multiplikatorenfunktion. Die Autorität und Zustimmung von Clan-Führern zu gewinnen, das wird das wichtigste kommunikative Scharnier sein.

Das Interview führte Klemens Vogel


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