Veranstaltungen: Dokumentation

7.3.2003 | Von:
Hans Küng

Weltpolitik und Weltethos

Zum neuen Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

II. Das überholte Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat Frankreich und Deutschland, weil sie sich dem amerikanischen Krieg verweigern, höhnisch das "alte Europa" genannt und diesen das "neue Europa" der Blair, Berlusconi, Aznar, Kwasniewski u.a. entgegengestellt. Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass es sich bei der imperialistischen Bush-Politik – entgegen der großen amerikanischen Friedensimpulse – um einen Rückfall in das "alte Paradigma" der verhängnisvollen europäischen Politik der Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jh. handelt.

Ich erinnere Sie, meine Damen und Herren, an Ihnen wohlbekannte drei realsymbolische Daten, die das langsame, mühselige Ende des alten Paradigmas und zugleich das sich durchsetzende neue Paradigma internationaler Beziehungen signalisieren: in Ankündigung (1918), Realisierung (1945) und schließlich Durchbruch (1989).

1918: Ende des Ersten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 10 Millionen Toten. Kollaps des Deutschen Kaiserreiches, des Habsburgerreiches, des Zarenreiches, des Osmanischen, zuvor schon des chinesischen Kaiserreiches. Jetzt die amerikanischen Truppen auf europäischem Boden und die Heraufkunft des Sowjetimperiums. Das ist der Anfang vom Ende des eurozentrisch-imperialistischen Paradigmas der Moderne und der Beginn eines noch nicht definierten, aber doch von den Weitsichtigen anvisierten neuen Paradigmas. Es wurde von den USA vorgeschlagen: Mit seinen "14 Punkten" skizzierte Präsident Woodrow Wilson (am 08.01.1918) sein Friedensprogramm: einen "Gerechtigkeitsfrieden" ohne Besiegte und die "Selbstbestimmung der Völker" ohne Annexionen und Reparationsforderungen. Aber: das "Versailles" der Realpolitiker Clémenceau und Lloyd George hat die Realisierung des neuen Paradigmas verhindert: statt Gerechtigkeitsfrieden ein Diktatfrieden ohne die Beteiligung der Besiegten. Die Folgen sind bekannt: Faschismus und Nazismus (sekundiert in Fernost vom japanischen Militarismus) sind die katastrophalen reaktionären Fehlentwicklungen, die zwei Jahrzehnte später zum Zweiten Weltkrieg führen, der schlimmer ist als alles in der Weltgeschichte Dagewesene.

1945: Ende des Zweiten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 50 Millionen Toten und weiterer Millionen Vertriebener. Nazismus und Faschismus erledigt, der Sowjetkommunismus nach außen stärker denn je, aber innerlich aufgrund der stalinistischen Politik politisch-wirtschaftlich-sozial bereits in der Krise. Wieder geht die Initiative für ein neues Paradigma von den USA aus: 1945 Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco und das Bretton Woods Abkommen zur Neuordnung der Weltwirtschaft mit der Gründung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, dann die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1945, weiter die amerikanische Wirtschaftshilfe für den Aufbau Europas und dessen Einbezug in ein Freihandelssystem. Aber: der Stalinismus hat dieses neue Paradigma für seinen Einflussbereich blockiert und zur Teilung der Welt in Ost und West geführt.

1989: Fall der Berliner Mauer – Symbol der Unmenschlichkeit, des Totalitarismus und Staatsterrorismus. Die erfolgreiche friedliche Revolution in Osteuropa und der Kollaps des Sowjetkommunismus. Nach dem Golfkrieg wieder ein amerikanischer Präsident, der ein neues Paradigma, "a New World Order", ankündigt und mit dieser Parole enthusiastisches Echo in der Welt findet. Aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wilson hatte Präsident George Bush sen. wenig Ahnung, wie dieses, in Verlegenheit "vision thing" genannte Paradigma aussehen sollte. Und, anders als versprochen, keine Demokratie in Kuwait, keine Förderung der Demokratisierung in Saudi-Arabien und anderen autokratisch regierten Staaten, kein Ende der israelischen Besetzung Palästinas – Nährboden allen arabischen Terrorismus. Und insofern stellt sich nun die Frage: Haben wir im vergangenen Jahrzehnt die Chance eines neuen Paradigmas ein drittes Mal übersehen, ja definitiv verpasst?

Doch gemach. Man darf im 20. Jahrhundert trotz der Kriege, Massaker und Flüchtlingsströme, trotz des Archipel Gulag, des Holocausts und der Atombombe manche Veränderungen zum Besseren nicht übersehen. Über die zahllosen früher unvorstellbaren wissenschaftlich-technologischen Errungenschaften hinaus können sich die schon nach 1918 zu einer neuen nachmodernen Gesamtkonstellation drängenden Bewegungen nach 1945 durchsetzen: Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung, Ökumenebewegung: eine neue Einstellung zu Krieg und Abrüstung, zur Partnerschaft von Mann und Frau, zum Verhältnis von Ökonomie und Ökologie, zwischen den christlichen Konfessionen und den Weltreligionen.

In Europa haben die in den letzten hundert Jahren herrschenden politischen Orientierungen des Imperialismus, Rassismus und Nationalismus abgewirtschaftet: Während die afrikanische, asiatische und arabische Welt weiterhin von (aus Europa importierter!) nationaler Machtpolitik bestimmt ist, lässt sich in den westeuropäischen Ursprungsländern von Imperialismus, Nationalismus und Rassismus, welche die Großzahl der Kriege, besonders die beiden Weltkriege, verursacht haben, ein Paradigmenwechsel feststellen: weg von der mit den beiden Weltkriegen klar gescheiterten konfrontativen nationalen Macht- und Prestigepolitik, die unter Umständen mit militärischen Mitteln ausgetragen wird, hin zu einem neuartigen gemeinsamen Politikmodell regionaler Kooperation und Integration, welche jahrhundertelange Gegensätze friedlich zu überwinden vermochte. Auch für die Amerikaner war dies bisher wichtig: Das Resultat nicht nur in der EU, sondern im ganzen Bereich der OECD (Organization for Economic Cooperation and Development, 1948 bzw. 1960 gegründet), also der westlichen Industriestaaten (neben den Europäern vor allem die USA, Kanada, Mexiko, Australien, Neuseeland und Japan), ist ein halbes Jahrhundert des Demokratiefriedens. Wahrhaftig: ein gelungener Paradigmenwechsel!

So lassen Sie mich denn nach dieser notwendig sehr knappen historischen Tour d´horizon in meinem dritten Teil zu einer grundsätzlichen Bestimmung des neuen Paradigmas der internationalen Beziehungen kommen, die ich in Büchern wie "Projekt Weltethos" und "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft" dargelegt habe. Viele hier vertretene Ideen sind im Jahr 2001 eingegangen in das Manifest für die Vereinten Nationen "Brücken in die Zukunft". Mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gehörte ich einer zwanzigköpfigen "Group of Eminent Persons" an, von Generalsekretär Kofi Annan berufen, ein Manifest über ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auszuarbeiten. Anlass war das Internationale Jahr des Dialogs der Kulturen, vorgeschlagen im übrigen von einem Muslim, dem reformerischen Staatspräsidenten des Iran, Muhammad Chatami. Unser Manifest haben wir am 9. November 2001 dem Generalsekretär und der UN-Vollversammlung vorgestellt unter dem Titel "Crossing the Divide", deutsch als "Brücken in die Zukunft", im Fischer Verlag 2001 erschienen. Mit diesem persönlichen und sachlichen Hintergrund lassen Sie mich nun, meine Damen und Herren, das neue Paradigma internationaler Beziehungen ganz knapp skizzieren.


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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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