Veranstaltungen: Dokumentation

7.3.2003 | Von:
Hans Küng

Weltpolitik und Weltethos

Zum neuen Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

V. Präsident Bush – von Gott legitimiert?

Prof. Dr. Hans Küng

George W. Bush, der mit 39 Jahren als Alkoholiker durch ein religiöses Erweckungserlebnis als "wiedergeborener Christ" den "Weg zu Gott" gefunden hat, beruft sich subjektiv überzeugt auf seine göttliche Legitimation. Seine Politik ist zweifellos nicht gewöhnliche Machtpolitik, sondern ist getragen – ganz auf der Linie der calvinistisch-puritanischen Tradition seit den Pilgrim Fathers – von einem religiös motivierten politischen Auserwählungsglauben: Amerika soll als neues "auserwähltes Volk" der Welt das Heil – Freiheit, Demokratie, Frieden – bringen.

Das heilspolitische Sendungs- und Missionsbewusstsein Amerikas hat in der Geschichte zweifellos viel Positives bewirkt: so nach dem Zweiten Weltkrieg statt des Morgenthaus-Plans den Marshall-Plan ... Aber es wird gefährlich in dem Moment, wo es zur missionarischen Begründung eines nationalistischen Hegemoniestrebens wird, das die Sicherung der amerikanischen Ölinteressen im Irak als Kampf für die Demokratie ausgibt. Wo aus dem Sendungsbewusstsein gar ein weltpolitisches Sektierertum wird, das die Welt in Gute und Böse einteilt und gebieterisch von allen Nationen Unterwerfung unter den Willen der Supermacht in einer "Koalition der Willigen" fordert ("Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", d.h. ist für die Terroristen), bewirkt es statt der beanspruchten neuen Weltordnung eine neue Weltunordnung: Erschütterung der transatlantischen Solidarität, Krise der NATO, Spaltung der EU, Lähmung des UN-Sicherheitsrates, Verunsicherung der Börse und der Weltwirtschaft ...

Also jetzt Krieg, gar im Namen Gottes? Nach der Bibel ist Gott der Gott aller Menschen, der nie auf der Seite einer einzigen Nation steht – weder der deutschen im Ersten Weltkrieg (auf den Koppelschlössern: "Gott mit uns!") noch jetzt auf der amerikanischen Seite ("Gottes eigenes Land"). Die Welt in Gute und Böse einzuteilen, ist gnostisch-manichäisch, nicht christlich. Jedenfalls hat dieser Präsident nirgendwo ein göttliches Mandat erhalten zu bestimmen, wer die Guten und wer die Bösen sind, um dann überall in der Welt "das Böse" auszurotten, was nach dem Neuen Testament ohnehin unmöglich ist. Dort warnt Jesus religiöse Eiferer mit dem Wort "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns". Nein, keine Nation und keine Religion ist absolut im Recht, keine hat die ganze Wahrheit gepachtet. Die Grenze zwischen Gut und Böse geht mitten durch Amerika und Europa, mitten durch das Weiße Haus und den Vatikan, ja, mitten durch das Herz jedes einzelnen Menschen. Doch gerade Neubekehrte sind in Gefahr, selbstgerecht das Böse nur noch bei den anderen zu sehen, statt es in sich selber aufzuarbeiten.

Gewiss, jeder Gläubige, auch George W. Bush, hat das Recht, sich von Gott zu einer Aufgabe berufen zu fühlen und sein Leben danach zu gestalten. Verhängnisvoll aber wird solcher Erwählungsglaube, wenn ein mächtiger Staatsmann mit Weltherrschaftsphantasien seine programmatisch imperialistische Machtpolitik als göttliche Sendung ausgibt. Das ist massiver Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Gott läßt sich selbst von einer Supermacht nicht einspannen. Und auch der Großmacht-Hochmut kommt vor dem Fall. Nein der amerikanische Präsident ist kein Erwählter Gottes, sondern ein Gewählter des Volkes. Demokratie, nach der klassischen Definition Präsident Lincolns, ist kein Gottesgnadentum, sondern "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk".

Der fromme Kriegstreiber Bush scheint mit seiner Falken-Moral von Jesu Verheißung "Selig die Friedensstifter" und von der Bergpredigt mit ihren Appellen zur Gewaltlosigkeit, Versöhnung, Vergebung nie etwas gehört zu haben. Ja, nicht einmal von jenen elementaren ethischen Imperativen der Menschlichkeit, die sich in allen großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit finden, von einem gemeinsamen Menschheitsethos. Womit wir am Ende wieder beim Weltethos angelangt sind, das grundlegend ist, wie ich meine, auch für die heutige politische Bildung, wovon im sechsten, letzten Abschnitt kurz die Rede sein soll.


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