Veranstaltungen: Dokumentation

7.3.2003 | Von:
Hans Küng

Weltpolitik und Weltethos

Zum neuen Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

VI. Elementare ethische Grundlagen der Weltpolitik

Prof. Dr. Hans Küng

In der gegenwärtigen dramatischen politische Situation erhält in der Tat die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen, die im September 1993 in Chicago verabschiedet worden war, eine neue und außerordentliche Dringlichkeit; ebenso der Vorschlag des InterAction Councils – ein Gremium ehemaliger Staats- und Regierungschefs unter der Führung des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt – für eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten und schließlich der "Aufruf an unsere führenden Institutionen" durch das Parlament der Weltreligionen in Kapstadt 1999 (Die Dokumente sind alle unter Weltethos im Internet zu finden).

Wenn wir täglich die Bilder von bestialischen Grausamkeiten an den Kriegsschauplätzen dieser Welt sehen, dann erhalten die in Chicago vor zehn Jahren formulierten Prinzipien ganz neue Brisanz: Vor allem das Humanitätsprinzip: "Jeder Mensch – ob Mann oder Frau, Israeli oder Palästinenser, Amerikaner oder Afghane, Russe oder Tschetschene, Soldat oder Kriegsgefangener – soll menschlich, das heißt human und nicht unmenschlich, gar bestialisch behandelt werden."

Und angesichts der Spirale von Gewalt und Vergeltung etwa in Israel und Palästina drängt sich die Goldene Regel auf, die man schon bei Konfuzius viele Jahrhunderte vor Christus, aber dann auch bei den Rabbinen und natürlich in der Bergpredigt und in der muslimischen Überlieferung findet: "Was Du nicht willst, das man Dir tut, das tue auch nicht dem anderen." Diese beiden grundlegenden Prinzipien werden in der Chicago-Erklärung in vier zentralen Bereichen menschlichen Zusammenlebens entfaltet und konkretisiert:
  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben: Soll es angesichts der zu erwartenden zigtausend Kriegsopfer im Irak, all des Mordens in Israel und in den von Israel besetzten Gebieten, aber auch angesichts der Morde in amerikanischen und europäischen Schulen (Erfurt!) nicht richtig und wichtig sein, an die in allen großen Traditionen der Menschheit sich findende uralte Weisung zu erinnern: "Nicht morden!" oder positiv: "Hab Ehrfurcht vor dem Leben!"?

  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung: Soll es angesichts des in Wirtschaft und Parteien und gar in Wissenschaft und Medizin sich krebsartig ausweitenden Übels der Korruption und der hemmungslosen "Selbstbedienung" und Insider-Delikte auch auf den Chefetagen nicht dringend sein, die in allen ethischen und religiösen Traditionen sich findende Regel zu urgieren: "Nicht stehlen!" oder heute positiv: "Handle gerecht und fair!"?

  • Eine Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit: Soll es angesichts der Bilanzfälschungen von Managern, all der Lügen von Politikern und publizistischen Manipulationen der Medien, gerade im Kontext des Irak-Kriegs, nicht unumgänglich sein, die uralte Weisung der Religionen und Philosophien ins Gedächtnis zu rufen: "Nicht falsches Zeugnis geben, nicht lügen!" oder heute positiv: "Rede und handle wahrhaftig!"?

  • Eine Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau: Soll es angesichts all des sexuellen Kinder- und Jugendlichenmissbrauchs selbst in Kirchen und all der sexuellen Ausbeutung von Frauen nicht unerlässlich sein, die in allen ethischen und religiösen Traditionen sich findende uralte Weisung in Erinnerung zu rufen: "Sexualitiät nicht missbrauchen!" oder heute positiv: "Achtet und liebet einander!"?
Doch kommen wir nun zum Schluss, meine Damen und Herren. Erfreulicherweise sind diese Prinzipien in dem Jahrzehnt seit Chicago 1993 inzwischen ins Bewusstsein vieler Menschen getreten, angefangen bei der UNO bis hinein in unsere Schulen, Gemeinden und Kirchen. Und so kann ich alles, was ich Ihnen über Ihr großes Kongressthema "Dialog der Kulturen" gesagt habe, noch einmal zusammenfassen in den vier Basissätzen, mit denen ich auch mein Statement, das ich im November 2001 in der UNO-Vollversammlung zum Dialog der Kulturen halten durfte, schloß: Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen/Kulturen. Kein Friede unter den Kulturen ohne Dialog zwischen den Kulturen. Kein Dialog zwischen den Kulturen ohne globale ethische Standards. Kein Überleben unseres Globus in Frieden und Gerechtigkeit ohne ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auf der Grundlage globaler ethischer Standards.


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