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7.3.2003 | Von:
Hans Küng

Weltpolitik und Weltethos

Zum neuen Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

Mit einer vielbeachteten Rede beim 9. Bundeskongress für Politische Bildung in Braunschweig bezog der Theologe Hans Küng Stellung zum aktuellen weltpolitischen Wandel. Der Präsident der Stiftung Weltethos widmet sich in seinem Vortrag besonders dem Problem der moralischen Rechtfertigung des Krieges gegen den Irak.

I. Der aktuelle weltpolitische Horizont

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Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren, für Ihre Einladung zu diesem Bundeskongress, habe aber in den vergangenen Tagen bei einer dramatisch zugespitzten Weltlage mehr und mehr die Verantwortung gespürt, die mir dieser programmatische Eröffnungsvortrag auferlegt. Wer hätte an der im Westen glorios gefeierten Jahrtausendwende ahnen können, welch hochdramatische Entwicklung unser Globus vor sich haben würde: Am 11. September 2001 der völlig überraschende, menschenverachtende und diffus bedrohliche Terrorangriff – nein, nicht der Islam, sondern mittelalterlich denkender Radikalmuslime – nein, nicht auf das Christentum und auch nicht auf die Freiheitsstatue, sondern auf das militärische und wirtschaftliche Zentrum der USA, die Zwillingstürme besonders, als dem Symbol amerikanischer Größe, Macht und Stärke, des ewigen Fortschritts, ja des angeblich gottlosen Westens.

Ich stand selber knapp zwei Monate nach der Katastrophe in Manhattan vor den Trümmern des noch rauchenden "Ground Zero" und konnte mir durch Verwandte und Bekannte vor Ort vom Grauen und von der Angst der Amerikaner in ihren bisher als so sicher geglaubten Städten eine Vorstellung machen: Auch Gottes auserwähltes Volk und gelobtes Land, "God´s own country" ist verletzbar! Die ganze zivilisierte Welt war angesichts des Todes von fast 3000 Menschen und des unbeschreiblichen Leids zahlloser Mitbetroffener geeint in Trauer und Betroffenheit, verstärkt durch die Wiederholung der Bilder und die unterdessen erstellten Dokumentationsfilme über das erschreckende Geschehen im Inneren der beiden Türme.

Aber das Gedenken der Opfer in echter Solidarität ist das eine, was gefordert ist. Das andere ist das nüchterne Bedenken der Folgen des Terrorangriffs. Und da fällt sofort auf: Erst die Reaktion der verwegen und verblendet herausgeforderten Welt-Supermacht hat dem muslimischen Steinzeit-Propheten Bin Laden einen Erfolg mit wahrhaft globalen Auswirkungen verschafft. Statt einer Reflexion über die wahren Ursachen arabischen Hasses, statt einer angemessenen Reaktion durch eine weltweite und auf Afghanistan konzentrierte Polizei- und Geheimdienstaktion gegen das Terrornetz al-Qaida, seine Ausführer und Drahtzieher, wie sie schließlich doch noch zur Festnahme einiger hochrangiger Mitglieder der al-Qaida führte, leider, leider eine wenig überdachte Überreaktion durch wirtschaftlich verheerende, sich bis heute auswirkende tagelange Schließung aller Flughäfen, Security-Hysterie und Schlachtruf zu einem "Krieg" mit einer riesigen Militärmaschinerie – nicht nur gegen al-Quaida, auch gegen die (früher mit Amerika gegen die Sowjetunion verbündeten) Taliban, mit unübersehbaren Zerstörungen und zivilen Opfern, deren Zahl die der Twin Towers weit überstiegen haben dürfte.

Zwar hat die erfreuliche, historische beispiellose Anti-Terror-Allianz ein Jahr lang gehalten und immerhin zum Ende des menschenverachtend gewordenen Talibanregimes geführt. Doch hat am 11. September 2002 Präsident George W. Bush der Völkergemeinschaft in seiner UN-Rede unmissverständlich klargemacht und sein beispiellos arrogantes Ultimatum an die UNO mehrfach wiederholt, dass ihm an diesem Konsens der Internationalen Gemeinschaft nur insofern liegt, als diese Amerika unterstützt; dass er aber willens ist, auch ohne Unterstützung der UNO zu handeln, wenn seine Uminterpretation des Irakproblems nicht akzeptiert und die Gewaltanwendung nicht bejaht werden sollte: Feind Nr. 1 nicht mehr der noch immer unauffindbare Bin Laden und die al-Qaida, sondern jetzt der früher schon blutbefleckte, mit Giftgas operierende, damals aber als Bundesgenosse gegen den Iran willkommene irakische Diktator Saddam Hussein. Ihm konnte man zwar bisher keine Verbindung mit al-Qaida nachweisen, was aber Meinungsumfragen zufolge die Mehrheit der Amerikaner nicht am Glauben hindert, einige oder alle Selbstmordattentäter des 11. September seien Irakis gewesen. Mit Irak – seit dem Pyrrhus-Sieg im Golfkrieg ein Trauma für Bush senior und junior und ihre ganze texanische Crew – jetzt also erneut ein Angriff auf ein muslimisches Land und zahllose Zivilisten? Auf Menschen, die in ihrer übergroßen Mehrheit ihren erbarmungslosen Diktator nur gerade so mit vielen Leiden ertragen, aber durch fast zwölf Jahre Sanktionen, welche das Volk, die Kinder, nicht die Herrschenden trafen, und ungerechtfertigte Bombardierungen auch nicht gerade zu Freunden der USA, Großbritanniens und des Westens geworden sind?

In Kauf genommen werden bei diesem völlig unkalkulierbaren Kriegsabenteuer: die Destabilisierung der gemäßigten arabischen Regierungen, ein möglicher Flächenbrand im Nahen Osten, eine Explosion des Ölpreises mit verheerenden Konsequenzen vor allem für die Entwicklungsländer, eine Verschuldung der USA wie im Vietnamkrieg und die Zerstörung der Hoffnung auf die überall so sehr ersehnte Erholung der Weltwirtschaft und der dramatisch abgesunkenen Börsenkurse.

Am 20. Oktober 2002 war ich in Washington, um im Hauptquartier des Internationalen Währungsfonds die Ausstellung unserer Stiftung Weltethos "World Religions – Universal Peace – Global Ethic", zusammen mit dem IWF-Generaldirektor Dr. Horst Köhler, feierlich zu eröffnen. Höchst widersprüchliche Gefühle beschlichen mich, als ich da zu Fuß am Weißen Haus vorbeiging, nachdem ich am selben 20. Oktober das von Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice veröffentlichte außenpolitische Strategie-Dokument von Präsident Bush gelesen hatte. Welch ein Kontrast zu unserer Ausstellung: Ersatz der bewährten Eindämmungs- und Abschreckungsstrategie durch eine (völkerrechtswidrige) nationale Erstschlag-Attitüde und durch Präventionskriege sowie das Konzept einer "Neuordnung" des Nahen Ostens (und seiner Ölwirtschaft) nach amerikanischen Vorstellungen mit dem klar affirmierten Ziel einer bleibenden amerikanischen Hegemonie: eine Vormachtstellung, die keine gleich starke Macht dulden würde. Da ist offensichtlich nicht nur China, sondern auch die EU gemeint.

Dieses Dokument eines imperialistischen geopolitischen Gesamtkalküls ist schon 1993 für die Zeit nach dem Kalten Krieg ausgearbeitet (und durch eine Indiskretion der New York Times veröffentlicht) worden: unter dem damaligen Verteidigungsminister Cheney von Scooter Libby und Paul Wolfowitz. Amerika solle bereit sein, auch formelle Alliancen aufzugeben und stattdessen sein militärisches Gewicht einzusetzen, um dem Aufstieg eines "potenziellen künftigen global competitors" zuvorzukommen. Schon längst vor dem 11. September also haben Cheney, Libby und Wolfowitz gemeint, "Saddam Hussein sei die perfekte Laboratoriumsratte, um ihre neue präemptive nationale Sicherheitsstrategie – 'empire strikes first' - zu testen" (Maureen Dowd, NYT 30.1.03). Schon 1996 hat Richard Perle, heute Pentagonberater, in der gleichen Perspektive einen Rapport verfasst, wie Israel seine Probleme mit den Palästinensern überwinden könne: indem es nämlich die "balance of power" im Mittleren Osten verändert und Saddam ersetzt (Israel ignoriert bekanntlich seit Jahrzehnten ungestraft, ja von den USA unterstützt, alle Resolutionen des UN-Sicherheitsrates). Wenn die Ratte dann aus ihrem Laboratorium entfernt sei, könnten Wolfowitz, Perle und andere Freunde Ariel Sharonsden Irak zu einem Laboratorium für Demokratie in der arabischen Welt machen. Mehr Freiheit für die arabischen Völker – solange sie tun, was Amerika will. Und eine Sharon-Lösung für das Palästinenserproblem. Alles im Dienst einer "Pax Americana", um die Unterordnung der Alliierten unter die Supermacht aufrechtzuerhalten. Der 11. September 2001 hat dieser Gruppe eine unerwartete Chance geboten, solche unter Bush senior als allzu grandios eingeschätzten Pläne unter Bush junior in die Praxis umzusetzen, weil die Angst vor dem Terror die globale Akzeptanz des amerikanischen Imperialismus erleichtert.

Solch eine Politik kritisieren nun freilich nach Friedensnobelpreisträger Jimmy Carter auch der frühere Vizepräsident Gore, frühere Sicherheitsberater und Kongressmitglieder, aber auch sehr viele aus dem Volk, wie ich in Washington vor Ort erfuhr. Es gibt ja auch noch ein anderes Amerika als das Bush-Amerika, das demokratische, humanitäre Amerika Lincolns, Kennedys, Martin Luther Kings und der wiedererstarkenden Friedensbewegung. In ernstzunehmenden Blättern liest man immer wieder höchst kritische Beiträge; so steht etwa in einem Leitartikel in der New York Times vom 24.9.2002 über "The Bush doctrine": "An anderen Punkten klingt das Strategiedokument mehr wie eine Verlautbarung, die das Imperium Romanum oder Napoleon erlassen haben könnten ... Bush stellt sich ein einschüchterndes Schwergewicht Amerika vor, an intimidating, heavyweight America." Bewusst ignoriert wird der entscheidende Unterschied zwischen einem völkerrechtskonformen unilateralen Präemptivkrieg und einem völkerrechtswidrigen unilateralen Präventivkrieg.

Und wie soll es jetzt weitergehen? Es gibt zur Stunde keine sicheren Prognosen und keine Patentlösungen. Was ich Ihnen, meine Damen und Herren, aber geben kann, geben möchte (nach einer ersten kritischen Sichtung des aktuellen Welt-Horizonts im ersten Teil), ist eine grundsätzliche Klärung der weltpolitischen Grundalternativen, die angesichts der Entwicklungen in den USA und in Israel aber auch in Rußland und Tschetschenien sowie Nord-Korea umso dringlicher geworden ist. Zu diesem Zweck vier, fünf Reflexionen: über das alte, überholte Paradigma internationaler Beziehungen, über die Beurteilung des drohenden Irak-Krieges und Präsident Bushs religiöse Sendung, schließlich über die elementaren ethischen Grundlagen der Weltpolitik.

II. Das überholte Paradigma internationaler Beziehungen

Prof. Dr. Hans Küng

Der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld hat Frankreich und Deutschland, weil sie sich dem amerikanischen Krieg verweigern, höhnisch das "alte Europa" genannt und diesen das "neue Europa" der Blair, Berlusconi, Aznar, Kwasniewski u.a. entgegengestellt. Ich bin im Gegenteil der Meinung, dass es sich bei der imperialistischen Bush-Politik – entgegen der großen amerikanischen Friedensimpulse – um einen Rückfall in das "alte Paradigma" der verhängnisvollen europäischen Politik der Neuzeit bis zur Mitte des 20. Jh. handelt.

Ich erinnere Sie, meine Damen und Herren, an Ihnen wohlbekannte drei realsymbolische Daten, die das langsame, mühselige Ende des alten Paradigmas und zugleich das sich durchsetzende neue Paradigma internationaler Beziehungen signalisieren: in Ankündigung (1918), Realisierung (1945) und schließlich Durchbruch (1989).

1918: Ende des Ersten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 10 Millionen Toten. Kollaps des Deutschen Kaiserreiches, des Habsburgerreiches, des Zarenreiches, des Osmanischen, zuvor schon des chinesischen Kaiserreiches. Jetzt die amerikanischen Truppen auf europäischem Boden und die Heraufkunft des Sowjetimperiums. Das ist der Anfang vom Ende des eurozentrisch-imperialistischen Paradigmas der Moderne und der Beginn eines noch nicht definierten, aber doch von den Weitsichtigen anvisierten neuen Paradigmas. Es wurde von den USA vorgeschlagen: Mit seinen "14 Punkten" skizzierte Präsident Woodrow Wilson (am 08.01.1918) sein Friedensprogramm: einen "Gerechtigkeitsfrieden" ohne Besiegte und die "Selbstbestimmung der Völker" ohne Annexionen und Reparationsforderungen. Aber: das "Versailles" der Realpolitiker Clémenceau und Lloyd George hat die Realisierung des neuen Paradigmas verhindert: statt Gerechtigkeitsfrieden ein Diktatfrieden ohne die Beteiligung der Besiegten. Die Folgen sind bekannt: Faschismus und Nazismus (sekundiert in Fernost vom japanischen Militarismus) sind die katastrophalen reaktionären Fehlentwicklungen, die zwei Jahrzehnte später zum Zweiten Weltkrieg führen, der schlimmer ist als alles in der Weltgeschichte Dagewesene.

1945: Ende des Zweiten Weltkriegs mit einer Bilanz von gegen 50 Millionen Toten und weiterer Millionen Vertriebener. Nazismus und Faschismus erledigt, der Sowjetkommunismus nach außen stärker denn je, aber innerlich aufgrund der stalinistischen Politik politisch-wirtschaftlich-sozial bereits in der Krise. Wieder geht die Initiative für ein neues Paradigma von den USA aus: 1945 Gründung der Vereinten Nationen in San Francisco und das Bretton Woods Abkommen zur Neuordnung der Weltwirtschaft mit der Gründung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank, dann die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte 1945, weiter die amerikanische Wirtschaftshilfe für den Aufbau Europas und dessen Einbezug in ein Freihandelssystem. Aber: der Stalinismus hat dieses neue Paradigma für seinen Einflussbereich blockiert und zur Teilung der Welt in Ost und West geführt.

1989: Fall der Berliner Mauer – Symbol der Unmenschlichkeit, des Totalitarismus und Staatsterrorismus. Die erfolgreiche friedliche Revolution in Osteuropa und der Kollaps des Sowjetkommunismus. Nach dem Golfkrieg wieder ein amerikanischer Präsident, der ein neues Paradigma, "a New World Order", ankündigt und mit dieser Parole enthusiastisches Echo in der Welt findet. Aber im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wilson hatte Präsident George Bush sen. wenig Ahnung, wie dieses, in Verlegenheit "vision thing" genannte Paradigma aussehen sollte. Und, anders als versprochen, keine Demokratie in Kuwait, keine Förderung der Demokratisierung in Saudi-Arabien und anderen autokratisch regierten Staaten, kein Ende der israelischen Besetzung Palästinas – Nährboden allen arabischen Terrorismus. Und insofern stellt sich nun die Frage: Haben wir im vergangenen Jahrzehnt die Chance eines neuen Paradigmas ein drittes Mal übersehen, ja definitiv verpasst?

Doch gemach. Man darf im 20. Jahrhundert trotz der Kriege, Massaker und Flüchtlingsströme, trotz des Archipel Gulag, des Holocausts und der Atombombe manche Veränderungen zum Besseren nicht übersehen. Über die zahllosen früher unvorstellbaren wissenschaftlich-technologischen Errungenschaften hinaus können sich die schon nach 1918 zu einer neuen nachmodernen Gesamtkonstellation drängenden Bewegungen nach 1945 durchsetzen: Friedensbewegung, Frauenbewegung, Umweltbewegung, Ökumenebewegung: eine neue Einstellung zu Krieg und Abrüstung, zur Partnerschaft von Mann und Frau, zum Verhältnis von Ökonomie und Ökologie, zwischen den christlichen Konfessionen und den Weltreligionen.

In Europa haben die in den letzten hundert Jahren herrschenden politischen Orientierungen des Imperialismus, Rassismus und Nationalismus abgewirtschaftet: Während die afrikanische, asiatische und arabische Welt weiterhin von (aus Europa importierter!) nationaler Machtpolitik bestimmt ist, lässt sich in den westeuropäischen Ursprungsländern von Imperialismus, Nationalismus und Rassismus, welche die Großzahl der Kriege, besonders die beiden Weltkriege, verursacht haben, ein Paradigmenwechsel feststellen: weg von der mit den beiden Weltkriegen klar gescheiterten konfrontativen nationalen Macht- und Prestigepolitik, die unter Umständen mit militärischen Mitteln ausgetragen wird, hin zu einem neuartigen gemeinsamen Politikmodell regionaler Kooperation und Integration, welche jahrhundertelange Gegensätze friedlich zu überwinden vermochte. Auch für die Amerikaner war dies bisher wichtig: Das Resultat nicht nur in der EU, sondern im ganzen Bereich der OECD (Organization for Economic Cooperation and Development, 1948 bzw. 1960 gegründet), also der westlichen Industriestaaten (neben den Europäern vor allem die USA, Kanada, Mexiko, Australien, Neuseeland und Japan), ist ein halbes Jahrhundert des Demokratiefriedens. Wahrhaftig: ein gelungener Paradigmenwechsel!

So lassen Sie mich denn nach dieser notwendig sehr knappen historischen Tour d´horizon in meinem dritten Teil zu einer grundsätzlichen Bestimmung des neuen Paradigmas der internationalen Beziehungen kommen, die ich in Büchern wie "Projekt Weltethos" und "Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft" dargelegt habe. Viele hier vertretene Ideen sind im Jahr 2001 eingegangen in das Manifest für die Vereinten Nationen "Brücken in die Zukunft". Mit Altbundespräsident Richard von Weizsäcker gehörte ich einer zwanzigköpfigen "Group of Eminent Persons" an, von Generalsekretär Kofi Annan berufen, ein Manifest über ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auszuarbeiten. Anlass war das Internationale Jahr des Dialogs der Kulturen, vorgeschlagen im übrigen von einem Muslim, dem reformerischen Staatspräsidenten des Iran, Muhammad Chatami. Unser Manifest haben wir am 9. November 2001 dem Generalsekretär und der UN-Vollversammlung vorgestellt unter dem Titel "Crossing the Divide", deutsch als "Brücken in die Zukunft", im Fischer Verlag 2001 erschienen. Mit diesem persönlichen und sachlichen Hintergrund lassen Sie mich nun, meine Damen und Herren, das neue Paradigma internationaler Beziehungen ganz knapp skizzieren.

III. Das neue Paradigma internationaler Beziehungen und seine ethischen Voraussetzungen

Prof. Dr. Hans Küng

Aufgrund der Erfahungen in EU und OECD lässt sich die neue politische Gesamtkonstellation wie folgt in knappen Zügen darstellen, wobei ethische Kategorien kaum vermeidbar sind. Das neue Paradigma besagt grundsätzlich: statt der neuzeitlichen nationalen Interessen-, Macht- und Prestigepolitik eine Politik regionaler Verständigung, Annäherung und Versöhnung. Von Frankreich und Deutschland ist dies exemplarisch vorgemacht worden; zwischen Deutschland und Polen sowie Deutschland und Tschechien sind Prozesse in Gang gekommen. Dies erfordert im konkreten politischen Handeln – auch in Nahost, Afghanistan, Kaschmir und auf Zypern – statt der früheren Konfrontation, Aggression und Revanche wechselseitige Kooperation, Kompromiss und Integration.

Sie sehen bereits: Diese neue politische Gesamtkonstellation setzt offenkundig eine Mentalitätsveränderung voraus, die weit über die Tagespolitik hinausgeht:
  • Neue Organisationen reichen dafür nicht aus, es braucht eine neue Denkart ("mind-set").

  • Nationale, ethnische, religiöse Verschiedenheit darf nicht mehr grundsätzlich als Bedrohung, sondern muss als zumindest mögliche Bereicherung verstanden werden.

  • Während das Denken im alten Paradigma immer einen Feind, gar Erbfeind voraussetzte, braucht das Denken im neuen Paradigma (wie innerhalb der EU) keinen Feind mehr, wohl aber Partner, Konkurrenten und oft auch Opponenten. Statt militärischer Konfrontation gilt auf allen Ebenen wirtschaftlicher Wettbewerb.

  • Denn es hat sich gezeigt, daß Demokratie und nationale Wohlfahrt auf die Dauer nicht durch Krieg, sondern nur durch Frieden befördert wird, nicht im Gegen- oder Nebeneinander, sondern im Miteinander.

  • Und weil die (nun einmal weiter virulenten!) unterschiedlichen Interessen im Miteinander und in der Interessenverflechtung befriedigt werden, ist eine Politik möglich, die nicht mehr ein Null-Summen-Spiel ist, bei welcher der eine auf Kosten des anderen gewinnt, sondern ein Positiv-Summen-Spiel, bei dem alle profitieren.
Natürlich ist Politik im neuen Paradigma nicht schlechthin leichter geworden, sondern bleibt die – jetzt freilich gewaltfreie – "Kunst des Möglichen". Wenn sie funktionieren soll, kann sie sich nicht gründen auf einen "postmodernistischen" Beliebigkeitspluralismus. Vielmehr setzt sie einen gesellschaftlichen Konsens bezüglich bestimmter Grundwerte, Grundrechte und Grundpflichten voraus. Dieser gesellschaftliche Grundkonsens muss von allen gesellschaftlichen Gruppen mitgetragen werden, von Glaubenden wie Nichtglaubenden, von den Angehörigen der verschiedenen Nationen, Religionen, Philosophien und Weltanschauungen.

Mit anderen Worten: Dieser gesellschaftliche Konsens, den ein demokratisches System nicht erzwingen darf, sondern voraussetzen muß, meint kein gemeinsames ethisches System ("Ethik", "ethics"). Er meint einen gemeinsamen Grundbestand an elementaren Werten und Maßstäben, Rechten und Pflichten, ein gemeinsames Ethos ("ethic"): ein Menschheitsethos also. Ein Weltethos ("global ethic"), das nicht eine neue Ideologie oder "Superstruktur" ist, sondern die schon vorfindlichen gemeinsamen religiös-philosophischen Ressourcen der Menschheit bündelt, sie nicht gesetzlich von außen auferlegt, sondern von innen bewusst macht.

Insofern zielt das Weltethos nicht nur auf eine das Individuum möglicherweise entlastende Kollektiv-Verantwortung (als ob an bestimmten Missständen nur "die Verhältnisse", die "Geschichte", "das System" Schuld seien). Es zielt in besonderer Weise auf die individuelle Verantwortung eines jeden einzelnen an seinem Platz in der Gesellschaft und ganz besonders auf die individuelle Verantwortung der politischen Führer.

Die freie Verpflichtung auf ein gemeinsames Ethos muss selbstredend vom Recht unterstützt werden, das unter Umständen juristisch eingeklagt werden kann: im Fall von Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit, Kriegsverbrechen und völkerrechtswidriger Aggression allerneuestens sogar vor einem Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag, wenn nämlich ein Vertragsstaat unfähig oder nicht Willens ist, die auf seinem Boden oder von seinen Soldaten und Verantwortlichen verübten Verbrechen juristisch zu ahnden.

Aber nun sind es bekanntlich die USA, die den früher auch von ihnen bejahten Internationalen Strafgerichtshof – zusammen mit Israel und China – sabotieren, ebenso andere wichtige internationale Abkommen wie das Klimaschutz-Abkommen von Kyoto, den ABM-Vertrag mit Russland und die Verbesserung der Biowaffenkonvention; dazu kommen der Quasi-Boykott des UN-Gipfels von Johannesburg, die Streichung der Mittel für den Weltbevölkerungsfonds, Strafzölle für Stahlimporte und massive Erhöhung der Agrarsubventionen... Zahllos die Missachtung der Weltgemeinschaft seit dem Antritt von Präsident Bush jun. Sein Amerika braucht im Grunde keine Bündnisse: Nato-Vertrag, UNO-Charta, sogar die Antiterror-Koalition schränken nur ungebührlich Amerikas Handlungsfreiheit ein. Eine "Brachialdiplomatie" (FAZ), die viel zerstört und viele Opfer hinterlässt, oft mehr unter Amerikas Freunden als vermeintlichen Feinden. Der deutsche Bundeskanzler – das sage ich als "Parteiunabhängiger" – mag seine Friedenspolitik aus einem Wahlkalkül heraus konzipiert und manche taktische Fehler gemacht haben. Aber das war doch alles eine sachlich richtige Antwort auf die amerikanische Militärpolitik, die er zuerst im Fall Afghanistans "in uneingeschränkter Solidarität" mitgemacht hatte – meines Erachtens sein einziger Fehler in der Sache!

Ist es also, meine Damen und Herren, übertrieben zu behaupten, dass die gegenwärtige Administration der einzig verbliebenen Supermacht eine Politik im neuen Paradigma und ein Dialog der Kulturen mehr als andere Großmächte in der asiatischen, arabischen oder afrikanischen Welt zu stören vermag und faktisch stört? Deshalb direkt die Frage zu Beginn von IV.

IV. Ist ein Irak-Krieg gerechtfertigt?

Prof. Dr. Hans Küng

Ich verkenne keineswegs, dass die Vereinigten Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg für Europa als "wohlwollende und liberale Vormacht" ("benevolent and liberal hegemon") gewirkt und besonders dem von Grund auf zerstörten Deutschland unendlich viel Gutes getan, ihm, unbezahlbar, Freiheit, Demokratie, Frieden und Wohlstand beschert haben – wie könnte man das je vergessen? Auch ich persönlich habe während meiner Vortragsreisen und Gastsemester in den USA und bis heute sehr viel Wohlwollen, Freundschaften, wissenschaftliche Erfahrungen und Ehrungen erlebt.

1973 allerdings schien Amerikas Macht zu zerfallen: überspannte Militärausgaben infolge des Vietnam-Kriegs, Energiekrise, Dollarverfall, Aufgeben des Goldstandards und faktisch Ende des Weltwährungssystems von Bretton Woods. Aber in den 1990er Jahren, nach der wirtschaftlich-politischen Implosion des Sowjetsystems, konnten die USA als alleinige Supermacht in einer sich rasch globalisierenden Welt ihre technische, wirtschaftliche und militärische Überlegenheit ständig ausbauen. Doch man übersehe in Europa nicht: Schuld an der zunehmend unipolaren und imperialen amerikanischen Machtfiguration nach dem 11. September 2001 sind auch die EU und Japan, die beide keine ausreichenden Gegengewichte zu bilden vermochten.

Doch bereits seit dem unter dubiosen finanziellen und politischen Umständen erfolgten Amtsantritt von Präsident Bush jun. im Januar 2001 zeigt Amerika – wie der frühere Präsident Jimmy Carter seinen höchst kritischen Artikel in der Washington Post (6.9.02) überschreibt – sein "beunruhigendes neues Gesicht" ("America´s troubling new face"). Natürlich wäre eine Welt ohne Terrorismus und Diktatoren ein erstrebenswertes Ziel, für das sich gerade die Supermacht im Interesse aller und besonders ihrer selbst einsetzen soll. Aber die Frage ist: Mit welcher Legitimität und mit welchen Mitteln?

Es dürfte wenig Sinn haben, im Nachhinein weiter darüber zu philosophieren, ob in Afghanistan, wo es nach wie vor weder Frieden noch Demokratie gibt, nicht auch eine andere Strategie möglich gewesen wäre, wovon ich mit vielen Kennern der Situation überzeugt bin; Jürgen Todenhöfer (früherer CDU-Abgeordneter) hat in seinem beeindruckenden Buch recht: Die Invasion Afghanistans – "der teuerste, blutigste und peinlichste Flop der Terrorbekämpfung"!

Die entscheidende Frage ist: Soll es so weitergehen? Soll es so weitergehen? Wie soll es weitergehen? Und soll in Zukunft jede Weltmacht – Rußland bezüglich Tschetschenien, China bezüglich Tibet oder der Uiguren usw. – ein solches Ultimatum an die Vereinten Nationen richten dürfen: "Wenn ihr nicht mitmacht, so machen wir es allein, und ihr werdet irrelevant!"?

Von mir als Theologen aber darf eine klare Antwort auf die Frage erwartet werden: Kann ein Krieg gegen den Irak moralisch gerechtfertigt werden, wie er vom Bush-Team tagtäglich mit voller Unterstützung der US-Medien propagiert, von der Weltöffentlichkeit aber abgelehnt wird?

Ich war und bin kein Pazifist, der jeden Krieg von vornherein ablehnt. Auch gemäß der UNO-Charta, die als erstes Dokument der Weltgemeinschaft jeden Angriffskrieg absolut verbietet, ist ein Krieg berechtigt:
  1. im Fall der Selbstverteidigung eines Staates gegen einen bewaffneten Angriff (Art. 51), eingeschlossen der Präemptivschlag gegen eine unmittelbar bevorstehende Aggression;

  2. im Fall einer vom UN-Sicherheitsrat genehmigten militärischen Maßnahme gegen eine Friedensbedrohung, einen Friedensbruch oder eine Angriffshandlung (Art. 39 und 42). So ließ sich meines Erachtens nach Saddam Husseins Überfall auf Kuwait der Golfkrieg rechtfertigen, der Krieg gegen Afghanistan aber kaum und der Krieg gegen den Irak überhaupt nicht. Warum nicht?
Wenn die heutigen Ratsmitglieder nach der weit überwiegenden Mehrheitsmeinung ihrer Völker abstimmen würden, käme es im Weltsicherheitsrat zu einer Mehrheit von 14 zu 1, vielleicht sogar von 15 zu 0 gegen den Krieg. Im schlimmsten Fall aber dürfte es eine Mehrheit von 9 zu 6 für den Krieg geben. Versteht es doch die sich hochmoralisch präsentierende Bush-Administration, Länderstimmen zu erwerben, erkaufen, erpressen und zu diesem Zweck sogar die UNO-Büros unsicherer Kandidaten abzuhören. Daraus muss man nun freilich schließen, dass auch Beschlüsse des Weltsicherheitsrates nicht von vornherein moralisch sind. Nein, auch der Sicherheitsrat steht nicht über der Moral. Er hat sich im Gegenteil fragen zu lassen nicht nur nach der Legalität, sondern auch nach der Moralität einer Kriegsgenehmigung.

Nun war die Verhinderung "ungerechtfertigter Kriege" schon immer das Ziel der klassischen Lehre vom "gerechten Krieg", wie sie von den großen Theologen Augustin und Thomas von Aquin und von den Begründern des modernen Völkerrechts, Vitoria und Suárez, entwickelt und von modernen Völkerrechtslehrern wie Grotius und Vattel übernommen wurde. Danach ist zu prüfen, ob folgende sechs klassischen Kriterien eines "gerechten Krieges" im Fall des Irak erfüllt sind:
  1. Gerechte Ursache (iusta causa): Ist eine solche im Irak-Krieg gegeben, nämlich Selbstverteidigung? Nein, eine bloß vermutete und im Entstehen begriffene Bedrohung ist kein Kriegsgrund. Ein Präventivkrieg auf Verdacht hin aber ist völkerrechtswidrig und unmoralisch, wie es –in einem großen Konsens von Kirchen- und Religionsvertretern seit Wochen wiederholt wird.

  2. Ehrliche Absicht (recta intentio): Ist sie im Irak-Krieg gegeben? Vernichtung der Massenvernichtungswaffen und Befreiung zur Demokratie, sagt man. Doch schon Kuwait wurde nur von der irakischen Besatzung befreit, nicht aber von der eigenen Oligarchie. Der in diesen Tagen aus Protest gegen einen Irak-Krieg zurückgetretene amerikanische Karrierediplomat John Brady Kiesling steht nicht allein, wenn er an Außenminister Powell schreibt: "Das Modell Afghanistan ist ein kleiner Trost für Alliierte, die sich fragen, auf welcher Basis wir den Mittleren Osten wieder aufzubauen planen und nach welchem Bild und Interessen" (IHT 28.2.03).

  3. Verhältnismäßigkeit (proportionalitas): Ist sie im Irak-Krieg gewahrt? Die Folgen müßten ja voraussichtlich weniger schlimm sein als das Übel, das bekämpft wird. Aber kann wegen der Beseitigung eines menschenverachtenden Diktators eine humanitäre Katastrophe mit tausenden von Toten und hunderttausenden von Flüchtlingen – wie von den internationalen Hilfsorganisationen selbst im günstigsten Fall eines kurzen Krieges erwartet – in Kauf genommen werden? Wie viele Diktatoren gibt es noch auf unserem Globus! Und warum wählt man im Irak nicht wie im Fall des sehr viel gefährlicheren Nordkoreaners Kim Jong-II die bewährte Eindämmungsstrategie in Kooperation mit den Anrainerstaaten?

    Ein Krieg ist kurz- wie langfristig riskanter (auch für die Türkei, den Iran und Saudi-Arabien) und kostenreicher (fünf Milliarden US-Dollar wöchentlich schon jetzt in der Aufbauphase). Doch Wolfowitz, jetzt zum stellvertretenden Verteidigungsminister und Chef-Ideologen der Falken avanciert, verweigerte neulich in einem Kongresshearing jede Auskunft über die Pentagon-Einschätzungen der Kriegskosten (von 60 bis 200 Milliarden US-Dollar?), der Größe der Besatzungsmacht (von 100.000 bis 400.000?) und der Dauer des Truppenverbleibs im Irak (von 2 bis 10 Jahren?). Dafür denkt Wolfowitz schon an europäische Länder wie Frankreich und andere, denen ein Beitrag zum Wiederaufbau abgepresst werden soll. Dabei ist schon jetzt offenkundig: Die Kriegstreiber der USA bedrohen den Zusammenhalt der gesamten westlichen Welt, ihr Verhältnis zur islamischen Welt und den Dialog der Kulturen.

  4. Bevollmächtigte Instanz (auctoritas legitima): Ist sie zum Kriegsentscheid bereit? Das ist, da ja keiner der kriegsbereiten Staaten angegriffen und von der irakischen Aggression unmittelbar bedroht ist, allein der UN-Sicherheitsrat. Antwort auch hier negativ: Denn die UN-Resolution 1441 fordert nur eine Entwaffnung des Irak und keineswegs – wie Washington jetzt – einen Regimewechsel. Auch droht sie keinen Krieg an, sondern nur "serious consequences" – eine Kompromissformel, die eine Kriegsandrohung bewusst vermeidet.

    Wie auch immer: Die US-Regierung besitzt keinerlei Ermächtigung zur gewaltsam-militärischen "Neuordnung" und "Demokratisierung" des Nahen Ostens, und mit Recht wehren sich die 22 Staaten der Arabischen Liga einstimmig gegen die amerikanische Arroganz. William Pfaff, ein bedeutender US-Kolumnist zu "Washington´s Torheit (folly)": In einem Alleingang würde Amerika "den Krieg gewinnen und die Welt verlieren" (IHT 27.2.03). Das Vertrauen der ganzen Welt in die USA ist unter Bush jun. dramatisch gesunken.

  5. Letztes und einziges Mittel (ultima ratio): Ist es dieser Krieg? Nein, die friedlichen Mittel sind keineswegs erschöpft. Die Arbeit der UN-Inspektoren zeitigte viele Erfolge, während die amerikanisch-britischen "Geheimdienstinformationen" sich als veraltet, marginal oder falsch erwiesen (besonders was die Komplizenschaft mit al-Qaida angeht). Selbst wenn Saddam Hussein noch weitere Massenvernichtungswaffen besitzt, ist die einzig überzeugende Alternative die Eindämmung (containment): Weiterarbeit der zahlenmäßig verstärkten UN-Inspektoren vor aufrecht erhaltener Drohkulisse mit genauem Arbeits- und Zeitplan. Zugleich empfiehlt sich internationale Ausgrenzung dieses Diktators als Verbrecher gegen die Menschlichkeit (wie Milosevic). Im übrigen aber hat Saddam Husseins extrem schwacher Staat, von Feinden umgeben, nicht im entferntesten, wie amerikanische Propagandisten aufbauschen, das Bedrohungspotential eines Adolf Hitler und seiner Wehrmacht.

  6. Das Internationale Völkerrecht (ius in bello): Wird es im Krieg eingehalten werden? Im Afghanistan-Krieg wurden die humanitären Regeln auch von den Amerikanern schmählich missachtet: menschenunwürdige Behandlung von angeketteten Kriegsgefangenen in Käfigen auf Guantanamo; leichte oder schwere Folter; amerikanische Soldaten und CIA-Agenten anwesend beim Massenmord an über 3.000 Kriegsgefangenen durch afghanische Truppen unter dem Kommando des heutigen stellvertretenden afghanischen Verteidigungsministers (Pentagon verweigert Untersuchung); die Zahl der zivilen Opfer wird nicht ermittelt bzw. geheimgehalten.
In Summa: Da alle sechs Kriterien kumulativ erfüllt sein müssten, um einen Krieg beim gegenwärtigen Bedrohungsstand zu rechtfertigen, faktisch aber keine einziges Kriterium erfüllt ist, so ist dieser Krieg unmoralisch, selbst wenn er vom Sicherheitsrat erlaubt würde: "Auch ein vom UN-Sicherheitsrat autorisierter Präventivkrieg wäre unter den gegenwärtigen Umständen selbst bei gerechtem Kriegsgrund und ehrlicher Absicht unverhältnismässig und nicht das letzte Mittel ... Die Alternative zum Präventivkrieg heißt Eindämmung. Containment ist nicht Appeasement." (A. Riklin) Es soll ja keine Annexion wie in München 1938 geduldet, sondern ein Tyrann ohne Krieg aktiv entwaffnet werden. Der drohenden Verletzung der Genfer Konventionen von 1945 durch die Bush-Administration, ihrer Ausweitung des Präemptionskrieges zum Präventivkrieg und ihrer Missachtung des Gewaltmonopols der UNO muss jeder mögliche Widerstand – in der offiziellen Politik wie in der Zivilgesellschaft – entgegengebracht werden. Und der angeblichen religiösen Sendung dieses sich betont christlich gebenden Präsidenten muß ebenfalls entschieden widersprochen werden.

V. Präsident Bush – von Gott legitimiert?

Prof. Dr. Hans Küng

George W. Bush, der mit 39 Jahren als Alkoholiker durch ein religiöses Erweckungserlebnis als "wiedergeborener Christ" den "Weg zu Gott" gefunden hat, beruft sich subjektiv überzeugt auf seine göttliche Legitimation. Seine Politik ist zweifellos nicht gewöhnliche Machtpolitik, sondern ist getragen – ganz auf der Linie der calvinistisch-puritanischen Tradition seit den Pilgrim Fathers – von einem religiös motivierten politischen Auserwählungsglauben: Amerika soll als neues "auserwähltes Volk" der Welt das Heil – Freiheit, Demokratie, Frieden – bringen.

Das heilspolitische Sendungs- und Missionsbewusstsein Amerikas hat in der Geschichte zweifellos viel Positives bewirkt: so nach dem Zweiten Weltkrieg statt des Morgenthaus-Plans den Marshall-Plan ... Aber es wird gefährlich in dem Moment, wo es zur missionarischen Begründung eines nationalistischen Hegemoniestrebens wird, das die Sicherung der amerikanischen Ölinteressen im Irak als Kampf für die Demokratie ausgibt. Wo aus dem Sendungsbewusstsein gar ein weltpolitisches Sektierertum wird, das die Welt in Gute und Böse einteilt und gebieterisch von allen Nationen Unterwerfung unter den Willen der Supermacht in einer "Koalition der Willigen" fordert ("Wer nicht für uns ist, ist gegen uns", d.h. ist für die Terroristen), bewirkt es statt der beanspruchten neuen Weltordnung eine neue Weltunordnung: Erschütterung der transatlantischen Solidarität, Krise der NATO, Spaltung der EU, Lähmung des UN-Sicherheitsrates, Verunsicherung der Börse und der Weltwirtschaft ...

Also jetzt Krieg, gar im Namen Gottes? Nach der Bibel ist Gott der Gott aller Menschen, der nie auf der Seite einer einzigen Nation steht – weder der deutschen im Ersten Weltkrieg (auf den Koppelschlössern: "Gott mit uns!") noch jetzt auf der amerikanischen Seite ("Gottes eigenes Land"). Die Welt in Gute und Böse einzuteilen, ist gnostisch-manichäisch, nicht christlich. Jedenfalls hat dieser Präsident nirgendwo ein göttliches Mandat erhalten zu bestimmen, wer die Guten und wer die Bösen sind, um dann überall in der Welt "das Böse" auszurotten, was nach dem Neuen Testament ohnehin unmöglich ist. Dort warnt Jesus religiöse Eiferer mit dem Wort "Wer nicht gegen uns ist, ist für uns". Nein, keine Nation und keine Religion ist absolut im Recht, keine hat die ganze Wahrheit gepachtet. Die Grenze zwischen Gut und Böse geht mitten durch Amerika und Europa, mitten durch das Weiße Haus und den Vatikan, ja, mitten durch das Herz jedes einzelnen Menschen. Doch gerade Neubekehrte sind in Gefahr, selbstgerecht das Böse nur noch bei den anderen zu sehen, statt es in sich selber aufzuarbeiten.

Gewiss, jeder Gläubige, auch George W. Bush, hat das Recht, sich von Gott zu einer Aufgabe berufen zu fühlen und sein Leben danach zu gestalten. Verhängnisvoll aber wird solcher Erwählungsglaube, wenn ein mächtiger Staatsmann mit Weltherrschaftsphantasien seine programmatisch imperialistische Machtpolitik als göttliche Sendung ausgibt. Das ist massiver Missbrauch der Religion zu politischen Zwecken. Gott läßt sich selbst von einer Supermacht nicht einspannen. Und auch der Großmacht-Hochmut kommt vor dem Fall. Nein der amerikanische Präsident ist kein Erwählter Gottes, sondern ein Gewählter des Volkes. Demokratie, nach der klassischen Definition Präsident Lincolns, ist kein Gottesgnadentum, sondern "Regierung des Volkes durch das Volk für das Volk".

Der fromme Kriegstreiber Bush scheint mit seiner Falken-Moral von Jesu Verheißung "Selig die Friedensstifter" und von der Bergpredigt mit ihren Appellen zur Gewaltlosigkeit, Versöhnung, Vergebung nie etwas gehört zu haben. Ja, nicht einmal von jenen elementaren ethischen Imperativen der Menschlichkeit, die sich in allen großen religiösen und philosophischen Traditionen der Menschheit finden, von einem gemeinsamen Menschheitsethos. Womit wir am Ende wieder beim Weltethos angelangt sind, das grundlegend ist, wie ich meine, auch für die heutige politische Bildung, wovon im sechsten, letzten Abschnitt kurz die Rede sein soll.

VI. Elementare ethische Grundlagen der Weltpolitik

Prof. Dr. Hans Küng

In der gegenwärtigen dramatischen politische Situation erhält in der Tat die Weltethos-Erklärung des Parlaments der Weltreligionen, die im September 1993 in Chicago verabschiedet worden war, eine neue und außerordentliche Dringlichkeit; ebenso der Vorschlag des InterAction Councils – ein Gremium ehemaliger Staats- und Regierungschefs unter der Führung des Altbundeskanzlers Helmut Schmidt – für eine Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten und schließlich der "Aufruf an unsere führenden Institutionen" durch das Parlament der Weltreligionen in Kapstadt 1999 (Die Dokumente sind alle unter Weltethos im Internet zu finden).

Wenn wir täglich die Bilder von bestialischen Grausamkeiten an den Kriegsschauplätzen dieser Welt sehen, dann erhalten die in Chicago vor zehn Jahren formulierten Prinzipien ganz neue Brisanz: Vor allem das Humanitätsprinzip: "Jeder Mensch – ob Mann oder Frau, Israeli oder Palästinenser, Amerikaner oder Afghane, Russe oder Tschetschene, Soldat oder Kriegsgefangener – soll menschlich, das heißt human und nicht unmenschlich, gar bestialisch behandelt werden."

Und angesichts der Spirale von Gewalt und Vergeltung etwa in Israel und Palästina drängt sich die Goldene Regel auf, die man schon bei Konfuzius viele Jahrhunderte vor Christus, aber dann auch bei den Rabbinen und natürlich in der Bergpredigt und in der muslimischen Überlieferung findet: "Was Du nicht willst, das man Dir tut, das tue auch nicht dem anderen." Diese beiden grundlegenden Prinzipien werden in der Chicago-Erklärung in vier zentralen Bereichen menschlichen Zusammenlebens entfaltet und konkretisiert:
  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben: Soll es angesichts der zu erwartenden zigtausend Kriegsopfer im Irak, all des Mordens in Israel und in den von Israel besetzten Gebieten, aber auch angesichts der Morde in amerikanischen und europäischen Schulen (Erfurt!) nicht richtig und wichtig sein, an die in allen großen Traditionen der Menschheit sich findende uralte Weisung zu erinnern: "Nicht morden!" oder positiv: "Hab Ehrfurcht vor dem Leben!"?

  • Die Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung: Soll es angesichts des in Wirtschaft und Parteien und gar in Wissenschaft und Medizin sich krebsartig ausweitenden Übels der Korruption und der hemmungslosen "Selbstbedienung" und Insider-Delikte auch auf den Chefetagen nicht dringend sein, die in allen ethischen und religiösen Traditionen sich findende Regel zu urgieren: "Nicht stehlen!" oder heute positiv: "Handle gerecht und fair!"?

  • Eine Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit: Soll es angesichts der Bilanzfälschungen von Managern, all der Lügen von Politikern und publizistischen Manipulationen der Medien, gerade im Kontext des Irak-Kriegs, nicht unumgänglich sein, die uralte Weisung der Religionen und Philosophien ins Gedächtnis zu rufen: "Nicht falsches Zeugnis geben, nicht lügen!" oder heute positiv: "Rede und handle wahrhaftig!"?

  • Eine Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau: Soll es angesichts all des sexuellen Kinder- und Jugendlichenmissbrauchs selbst in Kirchen und all der sexuellen Ausbeutung von Frauen nicht unerlässlich sein, die in allen ethischen und religiösen Traditionen sich findende uralte Weisung in Erinnerung zu rufen: "Sexualitiät nicht missbrauchen!" oder heute positiv: "Achtet und liebet einander!"?
Doch kommen wir nun zum Schluss, meine Damen und Herren. Erfreulicherweise sind diese Prinzipien in dem Jahrzehnt seit Chicago 1993 inzwischen ins Bewusstsein vieler Menschen getreten, angefangen bei der UNO bis hinein in unsere Schulen, Gemeinden und Kirchen. Und so kann ich alles, was ich Ihnen über Ihr großes Kongressthema "Dialog der Kulturen" gesagt habe, noch einmal zusammenfassen in den vier Basissätzen, mit denen ich auch mein Statement, das ich im November 2001 in der UNO-Vollversammlung zum Dialog der Kulturen halten durfte, schloß: Kein Friede unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen/Kulturen. Kein Friede unter den Kulturen ohne Dialog zwischen den Kulturen. Kein Dialog zwischen den Kulturen ohne globale ethische Standards. Kein Überleben unseres Globus in Frieden und Gerechtigkeit ohne ein neues Paradigma internationaler Beziehungen auf der Grundlage globaler ethischer Standards.

VII. Literatur zur Vertiefung

Hans Küng, Projekt Weltethos, Piper, München 1990.

Hans Küng, Weltethos für Weltpolitik und Weltwirtschaft, Piper München 1997; Lizenzausgabe: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1997; Taschenbuchausgabe: Serie Piper 3080, München 2000.

Hans Küng – Karl-Josef Kuschel (Hg.), Wissenschaft und Weltethos, Piper, München 1998; Taschenbuchausgabe: Serie Piper 3247; München 2001.

G. Picco, R. v. Weizsäcker, H. Küng, (u.a.), Crossing the Divide. Dialogue among Civilizations, Seton Hall University, South Orange/NJ 2001.

Deutsche Ausgabe: Brücken in die Zukunft. Ein Manifest für den Dialog der Kulturen. Eine Initiative von Kofi Annan, S. Fischer, Frankfurt 2001.

Hans Küng (Hrsg.), Dokumentation zum Weltethos, Piper, München 2002.

Hans Küng, Wozu Weltethos? Religion und Ethik in Zeiten der Globalisierung (im Gespräch mit Jürgen Hoeren), Herder, Freiburg 2002.

Hans Küng, Erkämpfte Freiheit. Erinnerungen, Piper, München 2002.
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Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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