Veranstaltungen: Dokumentation

22.1.2003

Die Bedeutung der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte für die Praxis politischer Bildung an öffentlichen Schulen

10 Thesen

Dr. Armin Scherb über die Bedeutung der Liberalismus-Kommunitarismus-Debatte für die Praxis politischer Bildung an öffentlichen Schulen. 10 Thesen.

Dr. Armin Scherb

These 1:
Sowohl die liberalen als auch die kommunitären Positionen gehen davon aus, dass das dauerhafte Überleben pluralistischer Gesellschaften ohne ein Mindestmaß an Grundüberzeugung der Gesellschaftsmitglieder nicht möglich ist. Diese Grundüberzeugungen bilden ein inneres moralisches Band der Integration, das ein Auseinanderfallen der Gesellschaft verhindert.

These 2:
Dieses innere Band ist nur über eine übergreifende Sinnvermittlung herstellbar. Das notwendige Orientierungswissen liegt im Rückbezug auf die gelebte Biographie und deren (positive) Beziehung zu ihren sozialen Kontexten.

These 3:
Hier gewinnen soziologische Inhalte in der politischen Bildung eine herausragende Bedeutung. Mindestens als Ergänzung zu der starken inhaltliche Orientierung der Lehrpläne am Staatlich-Institutionellen wäre deshalb für den Unterricht eine "Eröffnung der soziologischen Perspektive der sozialen Probleme" zu fordern, damit der Brückenschlag zur Lebenswelt der Lernenden und deren Sinnhorizonten gelingt.

These 4:
Der Kommunitarismus erhebt die Forderung, die Rahmenbedingungen für eine Kultur des "Mitmachens" zu schaffen. Dies ist zugleich eine Aufforderung zu einer schulischen Partizipationskultur, die in die Überlegung mündet, wo und wie Schülerinnnen und Schüler entsprechend ihrer Entwicklung in authentische Entscheidungsprozesse und Gestaltungsaufgaben eingebunden werden können.

These 5:
Die strukturelle Genese der Gemeinschaftsbildung vollzieht sich subsidiär und kommunikativ. Sie nimmt ihren Ausgangspunkt in kleinen Gemeinschaften (Familie, Freundeskreis, Schulklasse etc.) und schreitet fort auf immer weitere politische Ebenen (Gemeinde, Staat, internationale Ebene). Die intellektuelle Rekonstruktion der positiven Praxis in kleinen "wards" soll auch zu einem Zuspruch für die übergeordnete Gemeinschaft, letztlich den demokratischen Verfassungsstaat als den Garanten dieser positiven Praxis führen. (Etzioni)

These 6:
Aus der subsidiären Gemeinschaftsbildung ließe sich für die politische Bildung als Lebensprinzip der Schule die Forderung begründen, ein vielfältiges Netz von Neigungsgruppen und Arbeitskreisen zu pflegen und deren Arbeit in einem Forum der schulischen Öffentlichkeit zu präsentieren. Öffentlichkeit herstellen bedeutet dabei zugleich, die Bedingung für die Möglichkeit zu schaffen, dass die Gemeinschaftsbildung von der Kleingruppe in das nächstgrößere soziale Umfeld der gesamten Schulgemeinde übergreifen kann.

These 7:
Offensichtlich ist bei der Annahme eines kohäsiven inneren Bandes weniger von einer durchgehenden, für alle Gesellschaftsmitglieder substantiell gleichen moralischen Grundlage auszugehen, als von der Annahme eines "patch-works" auf begrenzte soziale Kontexte bezogener Partialkonsense, die aber eine diese Kontexte übergreifende umfassende Wirkung erzielen können, wenn sie Gegenstand öffentlicher Diskussion werden.

These 8:
Selbst das Durchleben von Konflikten kann den Teilnehmern ein Erfolgserlebnis vermitteln, wenn diese ihre Position nicht vollends durchsetzen können und stattdessen Abstriche von ihrer Position durch das positive Erleben der sozialen Erträge von Konflikten (Vereinbarungen, Kompromisse, Konsens, Frieden, Freundschaft) (über-)kompensieren können. Hieraus folgt für die pädagogische Praxis, dass eine Streitkultur zu ermöglichen und zu fördern ist. Kernelemente dieser Streitkultur Praxis wären die Norm des rationalen Dialogs und des gegenseitigen Respekts (Larmore) und die Anerkennung von Regeln der Fairness (Rawls).

These 9:
Zu warnen ist vor einer unverträglichen Intensität des Gemeinsinns. Die durch Gemeinsinn hergestellte Einheit immer zugleich auch Differenz. In dem Maße wie Einheit hergestellt wird, entsteht deshalb andererseits auch Abgrenzung. Die Radikalisierung des kommunitären Gedankens in einem denkbaren System sich bekriegender Kleingruppen kann daher das eigentliche Anliegen des Kommunitarismus gefährden.

These 10:
Die zu ermöglichende positive Praxis als Grundlage der Werte-Bildung stellt eine Aufgabe dar, der sich politische Bildung in ihrer Dimension als fächerübergreifendes Prinzip der Sozialerziehung und als Lebensprinzip der Schule stellen muss. Die kognitive Rekonstruktion dieser Praxis erfordert jedoch den Experten für politische Bildung. Unverzichtbar ist daher der Fachunterricht, der das kategoriale Instrumentarium bereitstellen muss, mit dem der Schritt von der Sozialerziehung zur politischen vollzogen werden kann.

Partizipationsmöglichkeiten in der demokratischen Schulgemeinde

Art. 21,1 Ba-WüVerf.: "Die Jugend ist in den Schulen zu freien und verantwortungsfreudigen Bürgern zu erziehen und an der Gestaltung des Schullebens zu beteiligen."

Jedes der 20 Felder ist als Diskussionsfeld über Möglichkeiten der Partizipation zu verstehen. Dieses Raster ist grob. Vor allem die Bereiche der Partizipation müssen differenziert werden. Beispiel: Unter Bereich 1 fallen Personalangelegenheiten von Schülern und Lehrern. Bei den Disziplinarangelegenheiten, die Schüler betreffen, reichen die Maßnahmen bis zum Verweisen von der Schule.

Form 4:

(Mit)- Ent-schei-dung

4

8

12

16

20

Form 3:

(Mit)-Beratung

3

7

11

15

19

Form 2:

Vor-schlags-recht

2

6

10

14

18

Form 1:

Anhörung

1

5

9

13

17

Umfang Parti-zipation Bereiche

Bereich 1:
Personal- und Dis-ziplinar-sachen

Bereich 2: Evalua-tion der Lehr- und Lern
ergeb-nisse

Bereich 3: Lehr-pläne (Ziele, Inhalte, Me-thoden)

Bereich 4: Schul-haus (Ge-bäude), Sach-mittel

Bereich 5: Ini-tiativen, schulische Ver-
anstal-tungen



Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

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Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

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TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

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Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

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Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

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