Veranstaltungen: Dokumentation

31.10.2002 | Von:
Jürgen Roth

Netzwerke des Terrors

Das Modell für bin Ladens Finanzimperium

Früher finanzierten sich Terrorgruppen durch Diebstähle, Banküberfälle, erpresste Lösegelder und Spenden. Doch diese Geldquellen reichen den heutigen Aktivisten zur Finanzierung ihres Kampfes nicht mehr aus. Der Aufbau und Unterhalt eines globalen Netzwerkes kann dadurch allein nicht mehr gedeckt werden. So betätigen sich moderne Terroristen inzwischen als Unternehmer oder Bankiers.

Das finanzielle Netzwerk Osama bin Ladens hatte die "Bank for Credit and Commerce International" (BCCI) zum Vorgänger, spöttisch auch Bank for Crook and Criminal International (etwa Bank der Betrüger und internationalen Kriminellen) genannt. Sie wurde 1972 gemeinsam von einem pakistanischen Banker und dem Chef des saudi-arabischen Geheimdienstes gegründet und operierte in über 70 Nationen. "An den Aktivitäten der Bank waren Terroristen der Abu-Nidal-Gruppe, die CIA, die Geheimdienste Saudi-Arabiens und Pakistans beteiligt. Die Bank beschäftigte sich im Schwerpunkt mit den Geldtransaktionen von rund 3000 Drogen- und Waffenhändlern, Terroristen und Geldwäschern."[5] Dazu zählten auch der irakische Diktator Saddam Hussein und der panamesische Drogenboss und Regierungschef Noriega. Die BCCI-Bank, mit offiziellem Hauptsitz in Luxemburg, vergab an ihren ausgewählten Kundenkreis großzügig Kredite – einige Teilhaber erhielten Kredite in Höhe von mehreren 100 Millionen DM – ohne die entsprechenden Sicherheiten einzufordern. Platzten die subventionierten Geschäfte, mussten die Finanzlöcher aus eigenen Mitteln gestopft werden. Dies konnte nur erreicht werden, weil die Bank auf stetiges Wachstum angelegt war, so dass permanent Kapital zufloss, ohne dass lästige Nachfragen erhoben worden wären, woher die Gelder stammten. Um dieses Verfahren durchzuhalten, musste die Bank eine "kreative" Buchführung betreiben und ein weltweites Kontakt- und Bestechungsnetz aufbauen. Auf diese Weise entfaltete sich die BCCI immer stärker zu einer Bank, die Dienstleistungen für Schwarzgelder aller Art anbot, die Drogengelder wusch, Fluchtgelder in großer Zahl aufnahm, Waffengeschäfte tätigte, geheime Aktionen durchführte und große Geldmengen hinterzog.

"Die BCCI unterstützt Personen bei der Steuerhinterziehung, dem illegalen Transfer von Geld, Hawala-Transfers (Untergrundbanksystem aus Pakistan, d. Autor), ist ein sicherer Hafen für Gelder aus dem Drogen- und Waffenhandel und eine Bank für die wichtigsten Nachrichtendienste der Welt."[6] In zahlreichen Dokumenten der CIA, die Ende der achtziger Jahre im Verlauf eines Senatsuntersuchungsausschusses freigegeben werden mussten, wurde belegt, dass die BCCI sogar die einflussreiche "First American-Bank" in den USA gekauft hatte. Auch mit der CIA arbeitete sie in punkto finanzieller Unterstützung von Geheimdienstoperationen (Iran-Contra-Affäre, Unterstützung der afghanischen Widerstandskämpfer) eng zusammen. Darüber hinaus war die BCCI an der Beschaffung von Nukleartechnologie für Pakistan, den Irak und Libyen beteiligt, erhöhte durch eine Vielzahl von Transaktionen die Devisenreserven Pakistans um fünfzig Millionen US-Dollar und trug damit entscheidend dazu bei, dass die pakistanische Regierung einen Kredit der Weltbank erhielt.

Das Kartenhaus der BCCI stürzte in sich zusammen, als 1990 die Bank of England den Vorwurf des Betruges gegen sie erhob. Als die BCCI am 5. Juni 1991 geschlossen wurde, hinterließ sie einen Schuldenberg von 10 Milliarden Dollar. Im Abschlussbericht über die BCCI-Affäre kommt der demokratische US-Senator John F. Kerry im April 1989 zu folgendem Ergebnis: "Die CIA wusste von Anfang an, dass die BCCI ein durch und durch korruptes und kriminelles Unternehmen war. Die CIA hat die BCCI deshalb für ihre geheimen Operationen benutzt." Das strategische Ziel der BCCI war für diejenigen, die mit der Bank zusammenarbeiteten, ebenfalls eindeutig. Professor Elmar Altvater umschreibt es in einem internen Report für die "AG Finanzmärkte" der Enquete-Kommission wie folgt: "Die Möglichkeiten der Geldwäsche werden also zur Vertuschung illegaler Geschäfte, zu Zwecken des Betrugs, zur Verdunkelung von politisch anrüchigen Geschäften und zur Realisierung hegemonialer Praktiken genutzt." Hegemoniale Praktiken meint in diesem Zusammenhang nichts anderes als die Durchsetzung geostrategischer Interessen von Staaten mit Hilfe einer Mafiabank. Insofern ist es nicht nur Zynismus, wenn einige europäische Banker sagen: "Wenn die CIA Geld über die BCCI transferiert, nennen die Amerikaner es eine gute Möglichkeit, nationale Interessen durchzusetzen. Wenn die Mafia das gleiche macht, nennen wir es Geldwäsche." Die BCCI gilt heute als Prototyp für das Finanzimperium der al-Qaida.

Fußnoten

5.
Andreas von Bülow, Im Namen des Volkes, München 1998, S. 258
6.
Minutes of Evidence Taken Before House of Commons Treasury and Civil Service Committee, Banking Supervision and BCCI, 5. Februar 1992

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