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Veranstaltungen: Dokumentation

31.10.2002 | Von:
Dr. Lorenz Böllinger

Terroristisches Handeln als psychosozialer Prozess

Untersuchungen haben ergeben, dass es keine schlüssigen Theorien über Bedingungen, Faktoren oder Kausalzusammenhänge gibt für die Entstehung von Terrorismus oder das individuelle Verhalten der an terroristischen Aktionen Beteiligten.

Die biographischen Untersuchungen im Rahmen des Projektes "Analysen zum Terrorismus" 1978-1981 im Auftrag des Bundesministers des Inneren haben ergeben, dass es keine schlüssigen Theorien über Bedingungen, Faktoren oder Kausalzusammenhänge gibt für die Entstehung von Terrorismus oder das individuelle Verhalten der an terroristischen Aktionen Beteiligten. Unter Rückgriff auf Datenerhebungen, Einzelbefunde und biographische Interviews ist jedoch ein Karrieremodell rekonstruierbar, das die Verstrickung einzelner Personen in kollektives Handeln stufenweise erfasst und deutet. Ein solches Verlaufsmodell setzt Einzelfaktoren nicht mit einem erklärungsbedürftigen Ereignis in Beziehung, sondern interessiert sich vielmehr für die auf jeder Entwicklungsstufe neuen Bedingungen, Einflüsse und Zwänge und versucht, biographische Übergänge durch wechselnde Hypothesen zu erklären.

Entwicklungsstufen der terroristischen Karriere

Folgende sieben Entwicklungsstufen der terroristischen Karriere, des Interaktionsprozesses zwischen individuellem Verhalten, Gruppenprozessen sowie gesellschaftlicher Struktur und staatlicher Reaktion lassen sich idealtypisch voneinander abheben:

1. Frühphase: Sozialisation in der Familie

Psychosoziale Belastungen und Konflikte in der Kindheit und Jugend können zwar nicht als für das spätere Schicksal entscheidende Ursachen, wohl aber als Ausgangsbedingungen betrachtet werden. Sie beeinflussen die individuelle Entwicklung in einem ersten, nicht unwesentlichen Stadium. Deshalb müssen sie zur Erklärung auch kollektiver Verbrechen mit herangezogen werden. Auch in Gruppensituationen schlagen frühe Prägungen auf das Individualverhalten durch. Je defizitärer soziale Beziehungen in dieser frühen Entwicklungsphase erlebt werden (massive Zuwendungsausfälle, mangelnde Geborgenheit etc.), desto stärker zeigt sich eine Tendenz zur psychischen Stabilisierung durch Abwehr von Ohnmacht- und Angstaffekten. Eine Möglichkeit dazu bietet die Integration in kollektive Zusammenhänge, z.B. durch die Identifikation mit denen, die ebenfalls als ohnmächtige Opfer wahrgenommen werden.

Defizitäre Kindheitserfahrungen können auch bei den heute agierenden Terroristen angenommen werden. Viele von ihnen, insbesondere palästinensische Selbstmord-Attentäter, wurden unter extrem defizitären Umweltbedingungen sozialisiert, z.B. in Lagern, als Waise etc. Ähnliches gilt für die Taliban, welche offenbar ohne Eltern und Frauen unter den Bedingungen einer fanatisch-religiöser Gruppenmoral aufwuchsen.

2. Integration in Gegenkulturen

Die defizitär empfundene Situation fördert die Bereitschaft, die bisherige, als konflikthaft erlebte Umwelt zu verlassen und sich Gruppierungen mit kontrastierender Denk- und Lebensweise anzuschließen, in der die erlittenen Defizite aufgehoben scheinen. Die Gruppe wirkt als eine Art Ersatzfamilie: Sie vermittelt Geborgenheitsgefühle und Lebensorientierung und bewirkt auf diese Weise eine folgenreiche Nachsozialisation. Die Politisierung ist häufig erst eine Folgeerscheinung des Eintritts in die neue Gruppierung. Die allmähliche Integration in eine Gegenkultur (soziale Bewegung) führt zur Begegnung und Identifikation mit neuen politischen und kulturellen Zielen – insbesondere dem Ziel und Anspruch aktiv kritischer Beteiligung am politischen Geschehen. Doch häufig kommt es schon bald zu Frustrationen: Die abweichenden, oft radikalen Denkformen und Lebensstile der Bewegung stoßen in der kritisierten Gesellschaft auf Ablehnung und Gegenwehr. Repressive Reaktionen sowohl durch die Mehrheit der Bevölkerung als auch durch staatliche Institutionen sind die Folge. Diese gesellschaftlichen Sanktionen wiederum werden nicht realistisch und rational verarbeitet, sondern bestätigen vielmehr die Ohnmachtphantasie, steigern die Identifikation mit der Bewegung und fördern die Widerstandskraft außerhalb demokratischer Regeln.

Auch für diese Entwicklung findet man im aktuellen Terrorismus Parallelen. Insbesondere im Nahost-Bereich gibt es unzählige Anknüpfungspunkte wie soziale und ethnische Spannungen, Unterdrückung und Diskriminierung. Diejenigen, die sich aufgrund ihrer psychischen Beschaffenheit mit den Opfern identifizieren, setzen sich gegen die von ihnen kritisierten Missstände zur Wehr. Dies äußert sich zunächst in möglicherweise helfenden, dann aber zunehmend freiheits-kämpferischen und politischen Aktivitäten und Systemanklagen. Dem entsprechen auf Seite der Herrschenden die teils hilflose, teils zynische Ignorierung der Probleme, die Untätigkeit von tatsächlich oder mutmaßlich Verantwortlichen, aber auch widersprüchliche Interessenpolitik. All dies verstärkt wiederum den Identifizierungs- und Polarisierungskreislauf. Aus Enttäuschung, Unverständnis, Ohnmacht- und Zurückgewiesenheitsgefühlen resultieren Wut, Rachephantasien, Handlungsbereitschaften und letztlich Taten. Die Ohnmacht wird im Sinne des "David-erschlägt-Goliath"-Mythos in der Phantasie zu Allmacht umgekehrt.


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