30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Veranstaltungen: Dokumentation

31.10.2002 | Von:
Andreas Müller-Cyran

Erfahrungen mit dem Thema "Psychosoziale Nachsorge"

Lehrerinnen und Lehrer sehen es oft mit Skepsis, wenn bei Schulveranstaltungen zum Thema Terrorismus neben dem Komplex "Entstehung, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten von Terrorismus" auch die Beschäftigung mit den psychischen Auswirkungen eines solchen Katastrophenfalles fester Bestandteil der Diskussion ist. Während das Thema Terrorismus im engeren Sinne relativ problemlos in Unterrichtsfächer wie beispielsweise Geschichte oder Politik zu integrieren ist und von Seiten der Lehrkräfte vorbereitet werden kann, ist Psychologie als Schulfach bislang nur äußerst selten etabliert und auch nur schwer in andere Fächer einzubinden. Aus diesem Grund verfügen die Schüler und Schülerinnen in diesem Fachbereich häufig noch nicht einmal über Grundkenntnisse. Sie betreten im Rahmen der Veranstaltung absolutes Neuland. Bei einer solchen ersten Kontaktaufnahme liegt die Befürchtung nahe, dass in der gebotenen Kürze der Zeit kein Zugang zum Thema gefunden und die Aufmerksamkeit und das Interesse der Jugendlichen nicht erregt werden kann. Doch die Erfahrungen, die bislang bei den Schulveranstaltungen gewonnen werden konnten, haben deutlich gezeigt, dass solche Zweifel als unberechtigt gelten können.

Voraussetzungen

Das besondere Interesse der Schüler wird erfahrungsgemäß vor allem durch die Tatsache erweckt, dass eine authentische Verbindung zwischen dem Thema, dem Referenten und dessen Biografie besteht. Schilderungen aus der beruflichen Praxis – wie z.B. von Erfahrungen in der Betreuung von Hinterbliebenen der Opfer der Terroranschläge von New York am 11. September 2001 – werden von den Jugendlichen mit einem ganz anderen Interesse und einem sehr viel höheren Grad an Aufmerksamkeit honoriert, als bei der Vermittlung von bloß angeeigneten und abstrakten (...) Inhalten, die in keinem Lebenszusammenhang mit dem (..) Referenten stehen.

Von zentralem Stellenwert ist darüber hinaus das Aufzeigen der beinahe alltäglichen Relevanz psychotraumatologischer Erfahrungen in unserer Gesellschaft. Solche Erfahrungen und der mit ihnen verbundene psychische Schock sind nämlich keineswegs allein an das Erlebnis – möglicherweise als fern wahrgenommener – terroristischer Gewaltanschläge gebunden. Vielmehr können sie durch eine Vielzahl anderer, zwar sehr viel weniger spektakulärer, aber ungleich lebensnäherer Ereignisse in unserer Gesellschaft ausgelöst werden – wie Verkehrsunfälle, Selbsttötungen, Gewalterfahrungen, Amokläufe u.ä.

Das Aufzeigen der alltäglichen Relevanz des Themas birgt die Gefahr, Zuhörer, die bereits eine traumatische Erfahrung machen mussten und diese noch nicht integriert haben, mit den damit verbundenen, unbewältigten Ängsten zu konfrontieren. Aus diesem Grunde sollte mit den Ansprechpartnern in der Schule in einem Vorgespräch unbedingt geklärt werden, ob es in den letzten Monaten und Jahren zu entsprechenden Ereignissen an der Schule (Tod durch Verkehrsunfall oder Suizid, Gewalt) gekommen ist, um gegebenenfalls darauf reagieren zu können. Je nachdem, wie sich die Situation gestaltet, sollte gemeinsam mit den Lehrkräften entschieden werden, ob der Bezug zu einem solchen Ereignis im Laufe des Vortrags hergestellt oder vermieden und den Zuhörern bewusst die Möglichkeit zur Abstraktion und Distanzierung geboten werden sollte. Weil der Fall niemals gänzlich ausgeschlossen werden kann, dass sich Personen unter den Teilnehmenden befinden, die ohne Wissen der Lehrkräfte bereits traumatisierende Erfahrungen machen mussten, ist es absolut notwendig, dass das Thema ausschließlich von Referenten vorgestellt wird, die über einschlägige Berufserfahrungen verfügen und den Betroffenen jederzeit psychische Hilfestellung und Beratung leisten können.

Aufnahme des Themas durch die Schüler

In der psychotraumatologischen Reflexion stehen die Betroffenen und ihr häufig privatisiertes Leid im Mittelpunkt und nicht – wie im Themenkomplex "Entstehung, Ursachen und Bekämpfungsmöglichkeiten von Terrorismus" – die Struktur terroristischer Netzwerke und deren Täter. Diesen Übergang vom Terrorismus zur eher individuell betreffenden Psychotraumatologie können die Schüler in der Regel durchaus nachvollziehen. Über den Referenten und sein berufliches Tätigkeitsfeld, in Katastrophenfällen psychische Hilfe für Opfer, Angehörige und Einsatzkräfte aus Rettungsdienst, Feuerwehr und Polizei zu leisten, kommt es zu einer Berührung und Annäherung mit einem weithin tabuisierten Aspekt gesellschaftlicher Realität. Konkrete Beispiele und Kasuistiken aus der beruflichen Praxis erleichtern den Schülern den Zugang zu diesem Thema, machen es anschaulich und lassen es weniger abstrakt erscheinen.

Mögliche Auslöser psychischer Traumatisierungen werden vorgestellt und deren Auswirkungen auf die Betroffenen aufgezeigt. Es wird herausgestellt, dass beispielsweise eine akute Belastungsreaktion in Folge eines traumatisierenden Ereignisses als normale Reaktion eines normalen und gesunden Menschen auf ein nicht normales Ereignis verstanden werden muss und kein Grund zur Beunruhigung birgt. Auch das Gefühl der Trauer wird in seiner Bedeutung analysiert und in seinen vielfältigen Erscheinungsformen und unterschiedlichen Verlaufsmöglichkeiten skizziert. Hier gilt ähnliches wie für Belastungsstörungen: Trauer muss als normale Reaktion auf ein Verlustereignis definiert und akzeptiert werden. Schließlich werden hilfreiche Konzepte für den Umgang mit Menschen, die unter den Auswirkungen einer akuten psychischen Traumatisierung leiden, präsentiert. Durch diese vielfältigen Annäherungen nehmen die Jugendlichen wahr, dass man sich kollektiv weitgehend verdrängten Themen wie Tod, Trauer, Trauma und ihren jeweiligen Auswirkungen auf den Einzelnen stellen, die Folgen annehmen und überwinden kann.

Das Bedürfnis nach Rückfragen an den Referenten, in denen häufig auf unbestimmte Weise eigene Vorerfahrungen aufgenommen zu werden scheinen, ist in der Regel ausgeprägt. Das kann wohl als Ausdruck des Interesses der Zuhörer gewertet werden. Besonders erwähnenswert scheint, dass die hohe Aufmerksamkeit der Jugendlichen vor allem die Lehrkräfte massiv überrascht. Während sie häufig vor der mangelnden Aufmerksamkeit der Schüler warnen, können bei diesen Veranstaltungen aus zeitlichen Gründen regelmäßig nicht alle Wortmeldungen berücksichtigt werden.

Ziel der Veranstaltung

Ziel des Vortrags ist, anhand konkreter Beispiele den Schülerinnen und Schülern deutlich zu machen, dass man sich auch im Angesicht von Terror und Schrecken verhalten kann. Die Jugendlichen sollen lernen, dass traumatische Vorerfahrungen oder traumatische Erfahrungen in der Zukunft eingeordnet und vor allem benennbar gemacht werden können (es ist davon auszugehen, dass jeder Mensch im Laufe seiner Biographie traumatisch exponiert wird: durch Verkehrsunfälle, schwere Erkrankungen oder plötzliche Todesfälle in der eigenen Familie etc.). Die hohe präventive Bedeutung der Psychoedukation ist empirisch belegt: Eigene traumatische Erfahrungen – sonst als singulär und pathogen interpretiert – werden benennbar und kommunizierbar. Dadurch kann einer Abkapselung und der daraus resultierenden Gefahr der Entstehung einer psychischen Erkrankung (z. B. posttraumatische Belastungsstörung) positiv entgegen gewirkt werden. Für Betroffene wirkt in hohem Maße irritierend, dass sie psychische Veränderungen in sich wahrnehmen, die sie nicht einordnen können. Sie ziehen sich zurück. Die soziale Unterstützung, die ein entscheidender Parameter für die Integration psychischer Traumatisierungen ist, bleibt aus. Selbstzweifel verstärken die Dynamik. Psychoedukation wirkt dem entgegen, indem diffuse und irritierende Vorgänge benannt, eingeordnet und normalisiert werden. Der psychotraumatologische Teil der Veranstaltung kann nicht als Zielsetzung haben, die Angst vor den Auswirkungen des Terrorismus zu reduzieren, denn Angst hat zunächst durchaus eine lebenserhaltende Funktion. Erst die 'lähmende' Angst wird zur Krankheit: die sogenannte 'Angststörung'. Die Angst, die aus der Beschäftigung mit dem Thema Terrorismus resultieren kann, soll dazu führen, sich auf Werte und Verhaltensweisen zu besinnen, die diese Angst und ihre Ursachen bannen können.


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen