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Veranstaltungen: Dokumentation

13.11.2002

Eröffnungsrede von Thomas Krüger, Präsident der bpb

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

es ist mir eine Ehre und eine Freude, Sie als Teilnehmer unseres internationalen Symposiums zu begrüßen. Ich möchte nicht versäumen, gleich an dieser Stelle unseren beiden wichtigsten Partnern, dem Japanischen Kulturinstitut in Köln und dem Deutschen Institut für Japanstudien in Tokyo für diese fruchtbare trilaterale und intercontinentale Initiative zu danken. Ein ganz besonderer Dank aber gilt der Japan-Foundation, die diese Tagung außerordentlich großzügig förderte. Besonders dankbar sind wir auch unseren aus Japan und Korea angereisten Gästen, die nicht nur die Mühen einer weiten Anreise auf sich nahmen. Ich erkenne auch den Mut und die Risikobereitschaft, die dazu gehört, dieses Experiment eines japanisch-koreanischen Dialogs auf deutschem Boden zu wagen.

Ich bin nun, wie Sie sich denken können, weder Experte für Japan noch für Korea, geschweige denn für die lange und komplizierte Beziehungen dieser Länder untereinander. Meine Erfahrungen mit der Küche beider Länder sind aber hervorragend und haben natürlich Sympathie und Neugier geweckt....

Was mich und meinen Kollegen Christoph Müller-Hofstede jedoch besonders an der Themenstellung unseres Symposions reizte, war - neben vielen anderen Aspekten - vor allem der deutliche Bezug zu Geschichte und Gegenwart der politischen Bildung in Deutschland selbst.

Die Arbeit der Bundeszentrale für politische Bildung, die im November ihren 50. Geburtstag feiert, ist ja ohne einen direkten Bezug zur leidvollen und katastrophalen Geschichte Europas in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen. Die politische, wirtschaftliche und auch und vor allem moralische und intellektuelle Wüste, die der Nationalsozialismus und die Vernichtungskriege Hitlers hinterlassen hatten, lassen sich heute kaum noch nachvollziehen. Umso wichtiger war ein Neuanfang, gerade auf politisch-intellektuellen Feld.

Politische Bildung auf breiter Ebene in Deutschland neu zu organisieren, demokratischen Werten in der eigenen Gesellschaft und im Umgang mit der eigenen Geschichte und im Umgang mit den Nachbarvölkern zu neuer Geltung und Akzeptanz zu verhelfen, waren die Gründungsziele der Bundeszentrale für politische Bildung. Dieses international bisher einzigartige Vorhaben hat sich, wenn wir auf die letzten 50 Jahre zurückblicken, durchaus gelohnt.

Ich möchte nun nicht in eine lange Lobesrede auf die Bundeszentrale für politische Bildung einschwenken, sondern Ihnen nur an einem Beispiel deutlich machen, wo sich einige Bezüge zu unserem heutigen Thema finden lassen: ein Blick etwa auf die deutsch-polnischen Beziehungen zeigt uns zunächst natürlich eine Fülle von auf der Hand liegenden geografischen, historischen und kulturellen Unterschieden zum Verhältnis Japan und Korea. Spätestens auf den zweiten Blick lassen sich aber Gemeinsamkeiten nicht übersehen.

Ich nenne nur die folgenden Stichworte: hier wie dort finden wir auf der einen Seite starke geschichtlich gewachsene kulturelle Bindungen, die nicht verhinderten, dass es in der Geschichte beider Länder immer wieder zu dramatischen militärischen Zusammenstössen, Annexionen und Verbrechen vor allem in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kam. Nationale Stereotypisierungen, verfestigte Feindbilder, Minderheiten - und Diskriminierungsprobleme, Auseinandersetzungen über Schulbuchdarstellungen, nicht zuletzt auch Entschädigungsfragen haben über weite Strecken - in Teilen bis heute - das deutsch-polnische Verhältnis geprägt. Dass wir heute unbestreitbare Fortschritte in den deutsch-polnische Beziehungen verzeichnen können, ist gleichwohl unbestreitbar. Und dass mit der bevorstehenden Aufnahme Polens und anderer mittelosteuropäischer Nachbarstaaten Deutschlands in die Europäische Union auch die deutsch-polnischen Beziehungen auf allen Ebenen positiv und auf Dauer gestärkt werden, liegt auf der Hand.

Wichtig für unser Thema ist, dass der Prozess der deutsch-polnischen Annäherung unter wahrlich ungünstigen Ausgangsbedingungen auch und gerade von der Bundeszentrale für politische Bildung, insbesondere aber vom Ost-West-Kolleg, intensiv begleitet wurden. Schon vor Beginn der legendären deutschen Entspannungspolitik wurden im Ost-West-Kolleg erste Seminare mit polnischen Teilnehmern organisiert. Schulbuchautoren aus Polen und Deutschland kamen ins OWK, um die Darstellungen der belasteten Vergangenheit miteinander zu vergleichen und zu diskutieren. Über zwanzig, dreissig Jahre wurde hier an dieser grossen politischen und intellktuellen Bildungsaufgabe gearbeitet.

Meine Damen und Herren, dass die koreanisch-japanischen Beziehungen möglicherweise heute vor noch komplizierteren und komplexeren Problemen stehen, als wir sie in Europa vorfinden, ist zumindest wahrscheinlich. Sie werden dies in den nächsten Tagen erkunden und sicherlich zu neuen Ergebnissen kommen. Lassen Sie mich hier nur festhalten: im Rückblick auf den Aussöhnungsprozess der Deutschen mit ihren Nachbarn erscheinen vielleicht weniger die ersten Schritte als bemerkenswert. Beeindruckend erscheint uns heute eher die Hartnäckigkeit auf der Suche nach Gemeinsamkeiten, die Kontinuität der Anstrengungen, kurz der lange Atem auf beiden Seiten. Auch heute sind unsere Bestrebungen darauf gerichtet, diesen offenen Prozess weiter voran zu treiben durch Studienreisen nach Polen, durch deutsch-polnische Seminare hier im Ost-West-Kolleg und viele andere Maßnahmen, die den Prozess der europäischen Einigung begleiten. Gelegentliche Rückschläge, politische Eiszeiten und andere Klimakatastrophen sind hier ebenso mit einzurechnen wie der gemeinsame Wille nach Gemeinsamkeiten, Zwischentönen und Differenzierungen jenseits der Feindbilder und Stereotypien.

Ich denke wenigstens in diesem Punkt lassen sich tiefer liegende Gemeinsamkeiten zwischen europäischen und ostasiatischen Problemen festhalten: die Globalisierungs- und Regionalisierungsprozesse, die uns einander annähern, aber auch konfliktträchtige Potentiale enthalten, bedürfen der Absicherung durch zivilgesellschaftliche und kulturelle Initiativen, durch ein Netzwerk privater und professioneller Kontakte, kurz und knapp gesagt, einer Initiative wie dieser internationalen Tagung.

Meine Damen und Herren, mir scheint daher insbesondere das Ost-West-Kolleg mit seinen vielfältigen Erfahrungen als internationales Dialogforum - nicht zuletzt auch mit seinen Erfahrungen im Dialog mit Ostasien, wie sie von Herrn Müller-Hofstede vertreten werden - ein besonders geeigneter Ort für ihr spannendes und zukunftsträchtiges Thema. Und der Blick auf unsere eigene Geschichte macht klar, dass Anlass zum Optimismus auch in schwierigen Zeiten gegeben ist. Ich wünsche Ihnen einen spannenden Verlauf, eine interessante Debatte und bedanke mich sehr für Ihre Aufmerksamkeit.


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Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

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