Veranstaltungen: Dokumentation

5.9.2002

Forum 4: Multikulturelle Gesellschaften

GM – der Versuch, Frauen zu mehr Teilhabe zu verhelfen. Kommt einem das nicht bekannt vor? Seit Jahren experimentieren Einwanderungsländer mit Affirmative Action, Managing Diversity und Anti-Diskriminierungs-Gesetzen – nicht ohne Erfolg. Jetzt stellen die Experten fest: Gender Mainstreaming will in vieler Hinsicht das Gleiche – lässt aber den Ethnizitäts-Aspekt zu sehr außer acht.

Gender Mainstreaming – ein Erfolgsmodell für die Beteiligung von Frauen? Vielleicht, aber definitiv nicht für alle, wie Nevâl Gültekin, Soziologin und Dozentin an der Fachhochschule Frankfurt am Main mit dem Forschungschwerpunkt Migration und Gender darlegte (ungekürzter Originaltext in Englisch, siehe unten). Es gibt nämlich, erklärte sie, einen Widerspruch zwischen der Anti-Diskriminierungsrichtlinie der EU einschließlich der Gender Mainstreaming Strategie und den existierenden Regelungen für ImmigrantInnen in europäischen Ländern. Im Gegensatz zu den erkämpften Verbesserungen allgemein für Frauen habe sich die politische und ökonomische Lage der ImmigrantInnen in den vergangenen Jahrzehnten in Europa nicht verbessert. "Ein großer Anteil" so Gültekin, "hat europaweit immer noch kaum Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen wie Arbeit, Ausbildung und Bildung." Strukturelle Barrieren verhinderten dies, obwohl soziale Institutionen und öffentliche Dienste per Definition allen Menschen offen seien.

Dass das nicht so sein muss und sich mit Hilfe rechtlicher Instrumente durchaus auch die Teilhabe ethnischer Minderheiten verbessern lässt belegen wiederum verschiedene Beispiele aus Einwanderungsländern, die sich lange vor Deutschland als solche erklärt hatten: In Großbritannien, so Gültekin, habe der "Race Relations Act" schon seit 1976 ethnische Minderheiten mit gleichen Rechten ausgestattet. Und auch in USA habe die Politik des "Managing Diversity", des gezielten Umgangs mit Vielfalt, eine Reihe von positiven Resultaten gezeitigt. Das Prinzip also, sagte Neval Gültekin, sei richtig: "Ohne Gesetze und andere juristische Regularien geht gar nichts." Die Verabschiedung eines Anti-Diskriminierungsgesetzes für ImmigrantInnen sei unabdingbar.

"Wir brauchen umfassende Maßnahmen zur Gleichstellung ethnischer Minderheiten in allen Bereichen der Gesellschaft", sagte Gültekin. Eine Voraussetzung dafür sei die Anerkennung ihrer Ressourcen: "Wir haben es mit jungen Leuten nachfolgender Generationen zu tun, die mindestens zwei Sprachen sprechen, zwei Kulturen kennen und eine Menge Fähigkeiten, Kompetenzen und Potenziale mitbringen." Diese sollten nun in soziale Programme und pädagogische Konzepte eingearbeitet werden. Als unverzichtbar nannte Gültekin die Einbeziehung von ExpertInnen ethnischer Minderheiten in diese Debatte. Und: "Nur wenn ein Anti-Diskriminierungsgesetz in Kraft und eine Ethnicity Mainstreaming Strategie installiert ist, kann auch GM in multiethnischen Communities erfolgreich implementiert werden."

Wolf Schmidt, auf deutsch-türkische Beziehungen spezialisierter Historiker bei der Körber-Stiftung in Hamburg, versuchte der Debatte mit einem Exkurs über die größte in Deutschland lebende Gruppe der Migranten Plastizität zu verschaffen. Unter dem Motto "Yasemin und Mehmet" verdeutlichte Schmidt die bestehenden stereotypen Sichtweisen in der Mehrheitsgesellschaft: "Yasemin", in den 70er-Jahren von Hark Bohm verfilmt, sei das "türkische Mädchen, das wir lieb haben". "Mehmet", der vor einigen Jahren jung kriminell geworden aus Bayern abgeschoben wurde und inzwischen wieder in Deutschland ist, stehe mit all seinen negativen Eigenschaften für das, was man sich so unter türkischen Jungen vorstelle. "All dies sind Images und Klischees – sie wirken aber in die Realität." Was den "Gender"-Aspekt angehe, führte Schmidt aus, dass es innerhalb der türkischen Community in Deutschland inzwischen oft die Jungen seien, die mit mehr Problemen zu kämpfen hätten als die Mädchen. In der Schule seien sie – wie Jungen überhaupt – häufig schlechter als Mädchen. In der Öffentlichkeit – aber auch in der Realität - würden sie häufig mit negativen Eigenschaften wie Gangbildung, Gewalt und machistischem Ehrenkodex konnotiert. Dazu komme, dass die Berufsaussichten türkischer Mädchen in einer Dienstleistungsgesellschaft, in der weibliche Attraktivität zähle, eher besser würden. In einem Exkurs auf das Geschlechterverhältnis in der Türkei konstatierte Schmidt, dass man es dort mit einem ungleich höheren Anteil an Akademikerinnen als allgemein angenommen zu tun habe – und vieles dessen, was in der Bundesrepublik als "typisch türkisches" Rollenverständnis wahrgenommen würde, in erster Linie mit der sozialen als der nationalen Herkunft zu tun habe. Und: "Wir beobachten sogar, dass das Rollenverhalten in der zweiten Generation eher stärker ausgeprägt ist als in der ersten."

In einer lebendigen Debatte wurde vor allem viel Kritik an der Unterbewertung des Ethnizitäts-Aspekts in der GM-Debatte, aber auch bei den Organisatoren geäußert. Schon die Tatsache, dass sie die einzige schwarze Teilnehmerin sei, zeige wie wenig die Diskussion in der Multikulturalität angekommen sei, konstatierte eine Britin. Und: "Warum kommt Ethnizität nicht in einem der großen Plena vor, sondern nur in einem kleinen Forum? Gender Mainstreaming ohne Diversity – das wird nicht funktionieren."

Die Britin machte aber auch auf die bestehenden Unterschiede innerhalb der EU aufmerksam. In England sei inzwischen anerkannt, dass man gleichzeitig "black and british" sein könne. In den Niederlanden lebend habe sie feststellen müssen, dass "dutch and black" sich nach wie vor ausschlösse. Und auf einer deutschen Konferenz habe sie den Eindruck, dass man hier noch viel weniger weit gekommen sei. Insgesamt müsse man wohl sagen: "Wir sind seit 40 Jahren hier, aber wir sind noch keine 40 Schritte weitergekommen."

Was die Zukunft unter dem von der rot-grünen Koalition verabschiedeten Zuwanderungsgesetz angeht gab Gültekin sich wenig optimistisch, dass dieses zu mehr Gleichberechtigung der verschiedenen Einwanderergruppen beitragen würde. Von der Regelung, dass höher Qualifizierte andere Einreisemodalitäten und Rechte bekämen als niedriger Qualifizierte, bis hin zu der Tatsache, dass die ohnehin mit 600 Stunden zu knapp bemessenen Sprachkurse nur Neuankömmlingen und nicht den so genannten "Altfällen" zugute käme: Es lasse nichts darauf schließen, dass das eingeforderte Ethnicity Mainstreaming bereits in Gang gekommen sei.

Nachtrag: In die Übersetzung der Zitate von Nevâl Gültekin ins Deutsche hatten sich bedauerlicherweise Fehler eingeschlichen. Hier aufgeführte Zitate sind am 18.11.2003 korrigiert worden.

Referentin und Referent:

  • Neval Gültekin

  • Fachhochschule Frankfurt am Main, Deutschland

  • Wolf Schmidt

  • Körber-Stiftung, Hamburg, Deutschland


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