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25.7.2002 | Von:

Globalisierung: Eine oder keine Chance für die Entwicklungsländer

2 Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsländer

Die fortschreitende Globalisierung erreicht sämtliche Staaten. Die allen zugänglichen Informationsströme tangieren das kulturelle Selbstverständnis, und vor der Diskussion über "Demokratie und Menschenrechte" sowie "good governance" können sich politische Systeme nicht mehr drücken. Die ökonomischen Konsequenzen einer Integration oder Nichtintegration in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung sind unausweichlich, und für die ökologischen wie sozialen Folgewirkungen, die üblicherweise mit raschen Entwicklungsschüben verbunden sind, müssen Ausgleichsmassnahmen gefunden werden. Jeder Staat wird sich Klarheit darüber verschaffen müssen, wie sich in seinem spezifischen Fall Chancen und Risiken der Globalisierung auswirken und wird dementsprechend seinen politischen Handlungs und Entscheidungsspielraum einrichten.

Die Entwicklungsländer als Gruppe haben im statistischen Durchschnitt von der zunehmenden Integration von Handel, Produktion und Kapital bislang kaum profitiert. Seit rund 30 Jahren pendelt ihr Anteil an den weltweiten Güterexporten um rund 30 %. Ganz anders die sogenannten Schwellenländer (newly industrialising countries), die ein weit überdurchschnittliches Exportwachstum realisierten; beispielsweise entfielen von dem knapp 30%igen Anteil der Entwicklungsländer am Weltexport (1998) rund ein Drittel auf nur sechs ost? und südostasiatische Staaten. Ähnlich verhält es sich mit den ausländischen Direktinvestitionen (1990: 25 Mrd. US $, 1998: 155 Mrd. US $), die zu rund 70 % auf nur zwölf Schwellen und Transformationsländer entfielen, und zwar China, Mexiko, Brasilien, Malaysia, Indonesien, Thailand, Argentinien, Indien, Russland, Türkei, Chile und Ungarn.

Zu den bisherigen Gewinnern im Globalisierungsprozess gehören vor allem die Schwellenländer in Asien und Lateinamerika, die ihre vormals durch Importsubstitution abgeschotteten Volkswirtschaften öffneten. Mit ihrer Strategie des export-led growth, d.h. eines Wachstums qua Produktion wettbewerbsfähiger Güter für den Weltmarkt zogen diese Staaten bedeutende Vorteile aus ihrer globalen Orientierung. Ihre Erfolge im Bereich des Exportwachstums, der Armutsbekämpfung, der Lebenserwartung, des Bildungs? und Gesundheitswesens und der Infrastrukturentwicklung, um nur einige wichtige Beispiele zu nennen, sind beeindruckend. Langsam bildet sich auch ein politisch selbstbewusster Mittelstand heraus, so dass die Globalisierungsgewinne nicht nur in den Händen einiger weniger verbleiben. Fortgeschrittene Schwellenländer erreichen inzwischen das Einkommensniveau von Industrieländern. Südkorea, mit dem die Entwicklungszusammenarbeit schon vor Jahren beendet werden konnte, ist ebenso wie Mexiko Mitglied im Club der OECD-Industrieländer.

Es darf allerdings nicht übersehen werden, dass der teilweise ungezügelte Wachstumsprozess den meisten Schwellenländern schwere ökologische und soziale Folgekosten hinterlassen hat. Die Qualität von Luft, Wasser, Böden und Wäldern hat sich zum Teil dramatisch verschlechtert. Die Asiatische Entwicklungsbank weist darauf hin, dass von den 15 am meisten luftverschmutzten Grossstädten 13 in Asien liegen. Ähnliche Defizite traten auch in anderen Bereichen, die für die nachhaltige Entwicklung von zentraler Bedeutung sind, auf.

Im Ergebnis lässt sich feststellen, dass vor allem diejenigen Staaten entwicklungspolitisch erfolgreich waren, die ihre Integration in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung vorantrieben. Dies macht gleichzeitig deutlich, wer von der Globalisierung kaum oder gar nicht profitieren konnte. Es sind diejenigen Staaten, die sich der weltwirtschaftlichen Integration verschlossen und eine Politik der Importsubstitution präferierten. Dies betrifft vor allem Länder in Afrika und Südasien. Bis auf wenige Ausnahmen sank deren Anteil am Welthandel; Investitionen und wirtschaftliches Wachstum fielen unterdurchschnittlich aus. Nicht selten kamen ethnisch bedingte Konflikte, Inkompetenz, Korruption, überzogener staatlicher Interventionismus und eine autoritäre Regierungsführung hinzu. Handelspolitische FördermaBnahmen der EU, wie z.B. das Lome?Abkommen oder auch bilaterale Massnahmen der Entwicklungszusammenarbeit, konnten die negativen Folgen einer Politik der weltwirtschaftlichen Abschottung nicht ausgleichen.

Die Hauptursache für die unterschiedliche Performance liegt in der Qualität der jeweiligen Politiken dieser Staaten begründet; hinzu kommt, dass deren Wirkungen durch die Globalisierung noch zusätzlich verstärkt werden. In dem Maß, in dem sich knappe Produktionsfaktoren global orientieren, belohnen sie Länder mit wachstumsfreundlichen Wirtschafts? und Finanzpolitiken durch umfassende Zuflüsse globaler Ressourcen. Bei schlechten Politiken bleiben diese Zuflüsse aus. Gute Politiken sind üblicherweise durch stabile politische und makroökonomische Rahmenbedingungen, offene Märkte und klug dosierte staatliche Ablaufpolitiken gekennzeichnet, wobei dem Gesundheits-, Bildungs- und Infrastrukturbereich hervorragende Bedeutung zukommt.

Die Risiken der Globalisierung (z.B. die Finanzkrise asiatischer Staaten 1998) dürfen natürlich nicht unterschätzt werden, und die Öffnung der eigenen Märkte kann nur Schritt für Schritt erfolgen, um die einheimischen Unternehmen an die internationale Konkurrenz zu gewöhnen. Insofern bleibt kluges staatliches Handeln unerlässlich, um die Auswirkungen der Globalisierungsprozesse zu gestalten und zu steuern. Viele der Entwicklungsländer haben sich im vollen Bewusstsein der mit ihr verbundenen Chancen und Risiken inzwischen auf die fortschreitende Globalisierung eingestellt. Nach der Zeitenwende 1989/90 haben die meisten von ihnen versucht, ihr Wirtschaftssystem marktwirtschaftlich zu organisieren und sich schrittweise in die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung einzufädeln. Letztendlich wird es weitere Fortschritte im Globalisierungsprozess wohl nur dann geben, wenn dessen vermutete Ergebnisse und notwendigen Anpassungsleistungen eine hinreichend breite innenpolitische Akzeptanz in den betroffenen Staaten finden werden; sonst wird auch dieser Prozess rasch sein Ende finden. Das Verhältnis von Staat und Privatwirtschaft wird bekanntlich von Land zu Land unterschiedlich definiert; es gibt aber keine Alternative zum Staat als letztendlicher Instanz zur Formulierung und Durchsetzung des ordnungspolitischen Rahmens, innerhalb dessen der private Sektor seine wirtschaftliche Dynamik entfalten muss.


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