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25.7.2002 | Von:

Globalisierung: Eine oder keine Chance für die Entwicklungsländer

3 Kritische Anmerkungen von UNCTAD und Weltbank

Im Vergleich zu früheren Jahren bezieht die UNCTAD in ihrem Jahresbericht 19992 hinsichtlich der Auswirkungen der Globalisierung auf die Entwicklungsländer eine zunehmend kritische Position. Nachdem sie in den 90er Jahren die südostasiatischen "Tiger"-Länder als Vorbild gepriesen hatte, befürwortet sie nunmehr eine teilweise Abkehr von den liberalen Wirtschaftsprinzipien und eine Annäherung an interventionistische Massnahmen (Regulierung der Finanzmärkte, Kapitalverkehrskontrollen, Wechselkurse mit Bandbreiten). Ihre Hauptargumente sind: Die terrns of trade hätten sich für die Entwicklungsländer vor allem aufgrund sinkender Rohstoffpreise verschlechtert, und die Liberalisierung habe insgesamt zu einem Importboom mit daraus resultierenden Handelsbilanzdefiziten geführt. Ausländische Direktinvestitionen seien zum grossen Teil zu Aufkäufen oder Fusionen von Unternehmen verwendet worden und nicht zu Neninvestitionen auf der "grünen Wiese". Man könne den liberalisierten Märkten die globale ökonomische Integration nicht ausschliesslich überlassen, denn Wettbewerb - besonders zwischen Ungleichen - habe noch nie schnelleres Wachstum und Wohlergehen für alle gebracht. "Besserer Marktzugang und nicht heisses Geld" sei der Schlüssel für zusätzliches Wachstum; insofern sollten die Entwicklungsländer in der nächsten WTO-Runde auf den weiteren Abbau von Handelshemmnissen, vor allem bei Textilien, Schuhen, anderen Massengütern etc. bestehen und in anderen Gremien für einen massiven Schuldenabbau eintreten. Das Grundproblem bestehe in folgendem: Liberalisierung und Globalisierung hätten vor allem jenen Staaten und Unternehmen überproportionale Vorteile verschafft, die aufgrund ihrer überragenden Fähigkeiten in der Lage gewesen seien, die sich ihnen global bietenden Marktchancen unter voller Ausnutzung der modernen technologischen und informativen Möglichkeiten besser als andere in wirtschaftliche Erfolge zu überführen. Dies sei ein der individuellen Ebene durchaus vergleichbarer Vorgang, auf der hochgebildete Eliten bessere Voraussetzungen hätten, ihre Einkommen und ihr persönliches Wohlergehen zu mehren als der schlechter ausgebildete und weniger gut positionierte Rest der Bevölkerung.

Diese grundsätzlichen Einwendungen der UNCTAD sollten nicht zum Anlass genommen werden, die Globalisierung - der ohnehin nicht auszuweichen ist - pauschal abzulehnen, sondern sich um den Entwurf und die Umsetzung von Politiken zu bemühen, die den kritischen Positionen der UNCTAD Rechnung tragen, d.h. vor allem

  • die Festlegung politischer und makroökonomischer Rahmenbedingungen, die frühkapitalistische Auswüchse verhindern,

  • die Umsetzung von Politiken, die eine maßvolle nachträgliche Umverteilung des erzielten ökonomischen Gesamtergebnisses ermöglichen, um die soziale Kohärenz der Gesellschaft zu erhalten sowie

  • die Finanzierung umfassender Bildungsinvestitionen bei Offenhalten der Aufstiegskanäle innerhalb der Gesellschaft.


Neben der Position der UNCTAD sollten auch Uberlegungen der Weltbank beachtet werden, die im neuen World Development Report 1999/20003 entwickelt werden. Hier wird auf den

  • United Nations Conference on Trade and Development, Annual Report 1999, Genf 1999

  • World Bank, World Development Report 1999/2000 ? Entering the 21th Ccntury, Washington 1999
zur Globalisierung gegenläufigen Trend, die sogenannte localizution (Kommunalentwicklung) verwiesen. Beide Begriffe beschreiben das jeweilige Ende des Spektrums: Globalisierung - Regionalisierung - Kommunalentwicklung. Während Globalisierung die Welt zusammenzurücken scheint, eröffnet der Prozess der localizution den Provinzen, Städten, Gemeinden und Gebietskörperschaften neue Möglichkeiten, dem Wunsch nach grösserer Beteiligung und Selbstbestimmung Raum zu geben. Beispiele: Städte wie Shanghai, Singapur, Buenos Aires oder Barcelona sind inzwischen eigenständige Akteure auf der internationalen Bühne; amerikanische Bundesstaaten unterhielten 1980 erst zwei Wirtschaftsförderungsbüros im Ausland, heute sind es über vierzig. Wie die Globalisierung ist aber auch die Kommunalentwicklung gleichermassen mit Chancen und Risiken behaftet. Neben den Vorteilen einer grösseren Autonomie sind Fälle aufgetreten, in denen sich Gebietskörperschaften vollständig überschuldeten und die von ihnen erwarteten Leistungen nicht mehr erbringen konnten.

Die Weltbank präsentiert in ihrem Bericht eine Zwischenbilanz mit fünf grundsätzlichen Erkenntnissen:

  • Makroökonomische Stabilität ist die unerläßliche Voraussetzung für Wachstum und Entwicklung.

  • Da makroökonomisches Wachstum nur sehr langsam bis in die letzten Verästelungen des gesellschaftlichen Systems durchsickert, muss versucht werden, die Grundbedürfnisse (basic needs) vorab und direkt zu befriedigen.

  • Entwicklung beruht nicht ausschliesslich auf einer einzigen Politik; ein sehr viel umfassenderer Ansatz ist erforderlich.

  • Nachhaltige Entwicklung umfaßt auch die soziale und ökologische Dimension und muss flexibel genug sein, sich den verändernden Rahmenbedingungen anzupassen.

Auch in Zeiten von Globalisierung und localization darf nicht vergessen werden, dass das Individuum - seine Gesundheit und sein Wohlergehen, seine Bildung und seine Optionen - im Mittelpunkt des Entwicklungsprozesses stehen muss.


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