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25.7.2002 | Von:
Wahl, Peter

Die Entwicklungsländer: Verlierer der Globalisierung - 8 Thesen

Im Laufe der 80er Jahre gerieten Theorie und Praxis der konventionellen Entwicklung - d.h. Entwicklung als nachholende Industrialisierung - in eine existenzielle Krise.

1. Die Versprechen der Globalisierung

Im Laufe der 80er Jahre gerieten Theorie und Praxis der konventionellen Entwicklung - d.h. Entwicklung als nachholende Industrialisierung - in eine existenzielle Krise. Während konzeptionell der Entwicklungsgedanke an die "Grenzen des Wachstums" stieß - und somit konsequent zu Ende gedacht in der Perspektivlosigkeit eines ökologischen Kollapses des Planeten münden müsste, markierte die 1984 ausgebrochene Schuldenkrise der Dritten Welt das praktische Scheitern der am Leitbild des keynesianischen Umverteilungs- und Wohlfahrstaat orientierten Entwicklungsstrategien.

Dieses Scheitern fiel zusammen mit dem Aufstieg eines neuen wirtschaftspolitischen Paradigmas, dem Neoliberalismus, der alsbald den Anspruch erhob, die Entwicklungsprobleme endgültig lösen zu können. Nach dem Ende des Kalten Krieges und mit der sich beschleunigenden Internationalisierung von Ökonomie und Kommunikation - also dem, was den harten Kern der Globalisierung ausmacht - verkündeten die Protagonisten des Neoliberalismus, dass jetzt die Marktkräfte die Entwicklungsprobleme lösen und Wohlstand für alle bringen würden. "Liberalisierung bringt Wachstum, Wachstum bringt Arbeitsplätze und Wohlstand für alle", so lautete die Botschaft. Die steigende Flut würde alle Boote, große und kleine, emportragen. Man müsse nur den Einfluss des Staates zurückdrängen - die Privaten seien angeblich effizienter - umfassend liberalisieren und deregulieren dann würde der Markt es schon richten.

Als dann ab den frühen 90er Jahren die privaten Finanzströme in den Süden rasant anstiegen - um 184% zwischen 1990 und 1996 - und die Ländergruppe der emerging markets tatsächlich den entwicklungspolitischen take off schaffte, schienen sich die Versprechungen der neoliberalen Globalisierung auch empirisch zu bestätigen. Von den Regionen, die, wie z.B. das subsaharische Afrika, nicht in das optimistische Bild passten, hieß es, sie müssten sich nur konsequent dem Weltmarkt öffnen, und die Strukturanpassungsprogramme von IWF und Weltbank umsetzen, dann würden auch sie den Durchbruch schaffen.

2. Zunahme von Armut und sozialer Polarisierung

Doch inzwischen ist der Lack an der schönen neuen Welt der Globalisierung ab. "Globalisierung und weltweite Ungleichheit hängen zusammen" stellt z.B. die Financial Times fest (dt. Ausg. Vom 25. 2. 2000). Auf der Grundlage von Weltbank-Studien (u.a. Milanovic 1999) wird darauf verwiesen, dass die Entwicklung des Gini-Koeffizienten (ein Indikator für soziale Polarisierung) zeigt, dass sich die Schere zwischen Nord und Süd immer weiter öffnet. Mit anderen Worten: die Reichen werden immer reicher, und die Armen immer ärmer. Der Human Development Report 2000 der UNDP bestätigt diesen Befund: während der Abstand zwischen Nord und Süd 1960 bei 1:30 lag, betrug er 1990 1:60, d.h. er hat sich in diesem Zeitraum glatt verdoppelt. Von 1990 bis 1997, in der Hochzeit der Globalisierung also, beschleunigte sich das Auseinanderdriften noch einmal von 1:60 auf 1:74.

Dem jüngsten Weltentwicklungsbericht er Weltbank zufolge nimmt die Armut nicht nur absolut, sondern auch prozentual Ende der neunziger Jahre in Lateinamerika, Südasien, Subsahara Afrika, Osteuropa und Zentralasien wieder zu, nachdem sie zwischenzeitlich gesunken war. Selbst wenn man die Armutsgrenze nur bei einem Drittel des Durchschnittseinkommens des jeweiligen Landes ansetzt (in der EU liegt sie bei 50%) leben in Lateinamerika 51,4%, in Subsahara Afrika 50,5% und in Südasien 40,2% der Menschen unterhalb der Armutsgrenze. Armut inmitten von Überfluss ist die größte Herausforderung für die Welt" schreibt James Wolfensohn, Chef der Weltbank, im Weltentwicklungsbericht 2000/201, der den bezeichnenden Titel "Attacking Poverty" trägt.

Die reichsten 200 Personen der Welt haben dem gegenüber ihr Nettovermögen zwischen 1994 und 1998 auf mehr als eine Billion Dollar verdoppelt, und das der drei reichsten Milliardäre übersteigt das zusammengerechnete BSP der Gruppe der ärmsten Länder, in denen 600 Mio. Menschen leben.

Wenn dann, wie 1998 in Südostasien, die Liberalisierung der Finanzmärkte zum Crash führt, sind es "die Arbeiter die [die] Kosten - in Form von hoher Arbeitslosigkeit und sinkenden Löhnen zu tragen hatten. Von den Arbeitern wurde verlangt, auf den Sermon von der 'Opferbereitschaft' zu hören, nachdem kurz vorher die gleichen Prediger verkündet hatten, dass Globalisierung und die Öffnung der Kapitalmärkte ihnen nie da gewesenes Wachstum bescheren würden." So das Urteil von Joseph Stiglitz, bis Februar 2000 Chefökonom der Weltbank. Ökonomisch besonders verwundbare Gruppen, wie Kinder, alte Menschen und Frauen, trifft es dabei am härtesten.

Die Ursachen dieser Entwicklung sind vielfältig. Neben endogenen, z.T. historisch tief verwurzelten Faktoren spielen jedoch die weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen eine entscheidende Rolle. Dies gilt umso mehr, je weiter ein Entwicklungsland in die globale Ökonomie integriert ist. Gerade die Globalisierung hat die Entwicklungsländer verwundbarer als je zuvor gegenüber externen Schocks gemacht. Finanzmärkte, Handel, Produktion, technologische Entwicklung - auf allen Gebieten sind die die Entwicklungsländer heute direkt den Auswirkungen der vom neoliberalen Leitbild geprägten Globalisierung ausgesetzt.

3. Verschuldung und Strukturanpassung

Der Ausbruch der Schuldenkrise 1984 markiert für die meisten Entwicklungsländer den Beginn einer bis heute nicht zum Stilstand gekommenen Krisenspirale. Die achtziger Jahre wurden daher zu Recht als entwicklungspolitisch verlorenes Jahrzehnt bezeichnet. Willy Brandt bezeichnete die Schuldendienstzahlungen der achtziger Jahre aus dem Süden als "Bluttransfusion vom Kranken zum Gesunden". Mit Ausnahme einer Phase der Entspannung zu Beginn de neunziger Jahre für die Gruppe der hochverschuldeten Länder mit mittlerem Einkommen (SIMICs) ist die Schuldenlast des Südens seither ununterbrochen gewachsen. Auch die neunziger Jahren waren entwicklungspolitisch ein verlorenes Jahrzehnt.

Gleichzeitig ist die Geschichte des Schuldenmanagements eine einzige Kette von Fehlschlägen. Zieht man nach fast zwei Jahrzehnten Schuldenkrise Bilanz, so muss man feststellen:

  • Es wurden Jahre lang gigantische Summen an Schuldendienstzahlungen geleistet,
  • die wirtschaftliche Entwicklung der meisten Länder wurde blockiert,
  • die Zwangslage der Entwicklungsländer wurde genutzt, ihnen über die Strukturanpassungsprogramme ein entwicklungspolitisch äußerst problematisches Wirtschaftsmodell aufzuzwingen,
  • die Schuldenkrise wirkte als Katalysator, mit dem die Entwicklungsländer in den Globalisierungsprozess integriert und ihre Volkswirtschaften zu Standorten in einer mörderischen Weltmarktkonkurrenz transformiert wurden.


Die Transformationen im Zuge der Schuldenkrise verursachte hohe sozialen Kosten, die in der Regel von den sozial Schwachen, in zunehmenden Maße aber auch von den Mittelschichten zu tragen waren bzw. noch immer zu tragen sind.

Auch die von großem Medienaufwand begleitete Entschuldungsinitiative für die Gruppe der ärmsten Länder, die sog. HIPC Initiative des G 7 Gipfels in Köln 1999 hat keine Wende gebrach. Die Entlastung ist zu gering, als dass sie mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein wäre.

Solange die Schuldenkrise nicht gelöst ist, ist es für die meisten Entwicklungsländer unmöglich, nennenswerte entwicklungspolitische Erfolge zu erzielen.

4. Die internationale Finanzmärkte - Speerspitze der Globalisierung

Begonnen hat der aktuelle Globalisierungsschub - an sich ist die Internationalisierung ökonomischer Prozesses nicht Neues - in den siebziger Jahren, als das System von Bretton Woods (feste Wechselkurse mit dem Dollar als Leitwährung), das bis dahin die internationale Finanzbeziehungen reguliert hatte, von den USA aufgekündigt wurde.

Die Liberalisierung des Finanzsektors hat dazu geführt, dass sich die weltweiten Devisenumsätze von 70 Mrd. US-Dollar 1970 auf heute 1,5 Billionen US-Dollar börsentäglich erhöht haben (Jahresumsatz: 360 Billionen US-Dollar). Das ist ein Zuwachs um mehr als 2.000 Prozent. Von diesen 1,5 Billionen sind laut Bank für Internationalen Zahlungsausgleich mehr als 80 Prozent Anlagen mit einer Laufzeit von sieben Tagen oder kürzer (sog. Round trip financial flows). Diese 80 Prozent haben also nichts mehr mit realwirtschaftlichen Aktivitäten, mit Handelsgeschäften und Investitionen zu tun, sondern haben sich völlig davon abgelöst. Die Masse und das Tempo der Transaktionen - per Mausklick können Millionenbeträge in dreistelliger Millionenhöhe rund um die Uhr transferiert werden - sind per se Instabilitätsfaktoren und erhöhen die Volatilität der Wechselkurse. Dies begünstigt den Aufbau von spekulativen Blasen und kann Krisen hervorrufen oder verstärken, wodurch vor allem Entwicklungsländer mit ihrer besonderen Vulnerabilität gegenüber externen Schocks gefährdet sind. Dabei beschränken sich die Auswirkungen nicht auf die unmittelbar betroffenen Krisenländer. In einem Dominoeffekt werden - auch dies eine "Nebenwirkung" der Globalisierung - werden auch andere Entwicklungsländer in die Krise hi-neingezogen. So war bei der Asienkrise die Rezession in Laos beispielsweise stärker als in Thailand, weil die laotischen Exporte zu 80% nach Thailand gehen. Als Folge der Asienkrise kam es in allen Entwicklungsländern zu einem Wachstumseinbruch.

Die zunehmende systemische Instabilität der Finanzmärkte führt immer häufiger und in immer kürzeren Abständen zu Crashs - 1994 Mexiko, Südostasien 1997/98, 1999 Brasilien und Russland, 2001 Türkei und Argentinien - durch die über Nacht ganze Volkswirtschaften und deren Entwick-lungsanstrengungen von Jahrzehnten ruiniert werden.

Aber auch ohne krisenhafte Entwicklung verursachen die liberalisierten Finanzmärkte Probleme für Entwicklungsländer:

  • die Volatilität der Wechselkurse führt zu ständigem Schwanken in den Schuldendienstzahlung und zu deren Unberechenbarkeit,
  • der Außenhandel ist ebenfalls von den unberechenbaren Kursschwankungen betroffen,
  • die Absicherung gegen das Wecheslkursrisken, z.B. durch Derivate, verteuert Importe und Exporte,
  • die Abhängigkeit von externer Finanzierung und das Drohpotential der Finanzmarktakteure, ihr Kapital jederzeit abziehen zu können, hat den Regierungen die Zins- und Wechselkurshoheit und andere makroökonomische Steuerungsinstrumente de facto aus der Hand genommen. "Als Resultat der erweiterten Exit-Option, die das Kapital genießt" stellt der Chefökonom der UNCTAD fest, "ist die Politik der Regierungen jetzt zur Geisel der Finanzmärkte geworden (s. auch These 7).


Angesichts der wachsenden Risiken, die aus den liberalisierten Finanzmärkten erwachsen, mehren sich auch im Mainstream die Stimmen, die die sinkende Akzeptanz des herrschenden Modells registrieren und für Reformen eintreten. So plädiert z.B. Weltbankchef Wolfensohn dafür, "dass die internationale Finanzarchitektur die gegenseitige Abhängigkeit zwischen dem Makroökonomischen und Finanziellen einerseits und den strukturellen und sozialen menschlichen Problemen andererseits widerspiegeln muss." Bisher ist dies nicht der Fall.

5. Welthandel

Offene Finanzmärkte und Internationalisierung der Produktion haben natürlich auch Rückwirkungen auf den internationalen Handel. Der Welthandel hat daher in den 90er Jahren einen besonders starken Wachstumsschub erlebt.

Starke Impulse gingen auch von der Etablierung der Welthandelsorganisation, WTO, aus, die sich die kontinuierliche Liberalisierung des Handels auf die Fahne geschrieben hat. Mit der WTO kam auch der Handel mit Dienstleistungen und geistigem Eigentum, Patenten, Markenzeichen etc. unter das Regime der Freihandelsdoktrin. Bei den Dienstleistungen sind vor allem zukunftsträchtige Branchen wie Telekommunikation, Finanzdienstleistungen, Multimediaprodukte - der zweitgrößte Posten der US-Exporte sind heute Erzeugnisse der Hollywood- und Popkultur - aber auch Luftverkehr und Ferntourismus von Bedeutung. Angesichts der zunehmenden Bedeutung von Information und technologischem Wissen bekommt der Handel mit geistigem Eigentum eine noch größere Bedeutung, als er ohnehin schon hatte. Dies gilt vor allem für Schlüsseltechnologien wie Datenverarbeitung, Kommunikation und Gentechnik.

Für die meisten Entwicklungsländer hat die Liberalisierung des Welthandels jedoch nicht die erhofften Ergebnisse gebacht. Eine Weltbank-Untersuchung kommt anhand von 20 Länderstudien zu dem Schluss, "dass der Wechsel zu einem offeneren Außenhandelsregime das Einkommen der 40 Prozent ärmsten Bevölkerungsmitglieder drückt ... Die Kosten des Anpassungsprozesses werden demnach von den Armen getragen, und zwar unabhängig davon, wie lange der Prozess dauert."

Die Ursache, die zu solchen entwicklungspolitisch negativen Resultaten führen sind vielfältig. Vor allem dann, wenn ein Land nicht über geeignete Umverteilungsmechanismen verfügt, werden Wachstumsgewinne aus Handel entwicklungspolitisch nicht wirksam. Aber auch so triviale Zusammenhänge, wie dass mit dem Abbau von Zöllen den Regierungen Einnahmen entgehen, die dann im Staatshaushalt - und hier natürlich auch in de Etats für Bildung Gesundheit und Soziales -, fehlen, spielen eine Rolle.

Aber nicht nur innerhalb der Entwicklungsländer, sondern auch zwischen Nord und Süd sind die Gewinne aus der Liberalisierung des Welthandels ungleich verteilt. Einer der Hauptgründe für das Scheitern der WTO Konferenz in Seattle lag darin, dass die Entwicklungsländer nicht oder viel weniger als die Industrieländer vom Wachstum des Welthandels profitieren konnten. Auf dem Hintergrund dieser Erfahrung, nehmen die Entwicklungsländer im Vorfeld der neuen Ministerkonferenz der WTO im November 2001 in Katar deshalb eine äußerst harte Haltung ein, um ihre Interessen zu wahren.

6. Globalisierung der Produktion

In Kombination mit den technologischen Umbrüchen hat die Liberalisierung der Finanzmärkte auch starke Impulse für die Globalisierung der Produktion freigesetzt. Bereits am Beginn der Wertschöpfungskette, bei Forschung und Entwicklung, arbeiten die Transnationalen Konzerne (TNK) heute global. Die Ingenieure in einem Büro in Atlanta übergeben nach ihrer Schicht die Dateien an die Kollegen in Kalkutta, und diese reichen ihre Arbeitsresultate weiter an ein Ingenieurbüro in Frankfurt. Der Motor eines Autos wird in Sao Paulo produziert, die Reifen in Mexiko, die Bremsen kommen aus Texas, das Chassis aus Madrid und das Ganze wird in Wolfsburg am Fließband zusammengebaut. Vermarktung und Vertrieb des fertigen Autos erfolgen wiederum weltweit. Damit sind die ökonomischen Spielräume, Macht und Einfluss der Transnationalen Konzerne beträchtlich gewachsen. Heute sind von den 100 größten ökonomischen Akteuren auf der Welt 50 TNK. Der Jahresumsatz von General Motors liegt über dem Bruttoinlandsprodukt Dänemarks, Ford rangiert vor Südafrika, Toyota, Exxon und Shell setzen mehr um, als Norwegen, Polen und Portugal erwirtschaften, IBM mehr als Malaysia und Nestlés Wirtschaftskraft übertrifft die von Ägypten. Durch die gegenwärtige Welle von Megafusionen entstehen immer größere Unternehmensgiganten.

Angesichts dessen haben Entwicklungsländer gegenüber den TNK kaum noch Chancen, die Auslandsinvestitionen der Konzerne auf entwicklungspolitische Ziele zu orientieren. Wenn sie überhaupt noch Investitionen erhalten wollen, sind sie im globalen Standortwettbewerb gezwungen, alle möglichen Zugeständnisse - Bereitstellung von Infrastruktur, unbeschränkter Profittransfer, Einrichtung von Freihandelszonen, Steuererleichterungen etc. - zu machen. Gleichzeitig führt die Öffnung für die ausländischen Wettbewerber und der damit verbundene Druck zur Gleichbehandlung von einheimischen und ausländischen Unternehmen dazu, dass einheimische Unternehmen häufig niederkonkurriert werden. Im Wettbewerb zwischen Eselskarren und Ferrari sind die Chancen bei Gleichbehandlung nun einmal strukturell höchst ungleich verteilt.

7. Demokratie und Global Governance

Die Globalisierung hat nicht nur Auswirkungen auf Wirtschaft und Soziales. Tatsächlich führt sie dazu, dass das System der parlamentarischen Demokratie tendenziell untergraben wird.

Im Zuge der Internationalisierung findet nämlich eine Entbettung ökonomischer Prozesse und Strukturen aus dem Rahmen das Nationalstaates und deren Übergang in den transnationalen Raum statt. Die Identität zwischen Wahlbürgern und -bürgerinnen und jenen, die die politischen Entscheidungen treffen, löst sich auf, da grundlegende Entscheidungen dem Zugriff der Gewählten entzogen werden. Solange Wirtschaften im wesentlichen innerhalb des Nationalstaats stattfand, unterlag es auch nationalstaatlicher Regulierung. Im Ergebnis langer gesellschaftlicher Kämpfe der Arbeiter- Frauen- Umwelt- u.a. sozialer Bewegungen war der ungezügelte Manchesterkapitalismus des 19. Jahrhunderts dabei durch eine Vielzahl von Sozial- Arbeits- Umwelt- Gesundheits- Wettbewerbs- Kartell- etc. Gesetzgebungen zumindest in den Industrieländern zivilisiert und bis zu einem gewissen Maße demokratischer Kontrolle unterworfen worden.

Für die globalisierte Wirtschaft dagegen existiert ein solcher Ordnungsrahmen nicht. Es gibt keinen Weltstaat, und die Regulierungsansätze durch internationale Institutionen und Vertragswerke hinken in ihrer Problemlösungsfähigkeit hoffnungslos hinter der Dynamik der Globalisierung her. Fondsmanager, Banker, Börsenjobber, Aufsichtsräte von Transnationalen Unternehmen u.a. mit keinerlei demokratischer Legitimität versehene Gremien treffen schicksalhafte Entscheidungen für Millionen und Abermillionen von Menschen, und dies auch über nationale Grenzen hinweg.

Selbst auf große Volkswirtschaften entsteht so ein permanenter Druck, den Finanzakteuren und den großen Konzernen optimale Verwertungsbedingungen zu garantieren. Erst recht gilt dies für Entwicklungsländer. Vor allem die Finanzmärkte werden, wie der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, Breuer formuliert, zur "fünften Gewalt" neben Legislative, Exekutive, Justiz und Medien und diktieren den Regierungen zunehmend die "richtige" Wirtschaftspolitik. Diese "fünfte Gewalt" ist freilich von niemandem gewählt und entbehrt jeder demokratischen Legitimität.

Hinzu kommt, dass auch das System internationaler Institutionen in immer stärkerem Maße hegemonialen Charakter annimmt. Die Bretton Woods Institutionen IWF und Weltbank, die WTO und die G 7 bestimmen in wachsendem Maße die ökonomische und politische Entwicklung auf dem Planeten. Den Strukturanpassungsprogrammen von IWF und Weltbank kann sich ein durch Verschuldung in Abhängigkeit von ausländischen Geldgebern geratenes Entwicklungsland de facto nicht entziehen.

In IWF und Weltbank sind die Machtverhältnisse auch formal bereits dadurch festgelegt, dass die Stimmrechte sich nach der Kapitaleinlage richten. Demnach haben allein die USA 18% der Stimmen, Japan und die Bundesrepublik jeweils 6%, Frankreich und Großbritannien je 5% etc. In der WTO herrscht zwar formal das Prinzip "one country one vote", wie Seattle jedoch gezeigt hat, ist auch die WTO de facto von vordemokratischen Praktiken und einer strukturellen Asymmetrie zwischen den großen Handelsmächten und dem "Rest der Welt" geprägt. Nicht zuletzt die Reformvorschläge, die seither von der WTO selbst unterbreitet wurden, bestätigen das Demokratiedefizit der Organisation.

Durch das neue Mandat der NATO, auch Einsätze "out of area" durchführen zu können, wird die ökonomische Dominanz inzwischen auch militärisch unterfüttert. Es bildet sich so eine Struktur von globaler Governance heraus, die ausgesprochen asymmetrisch ist. Das UN-System dagegen, in dem Exwicklungsländer vergleichsweise mehr Einfluss haben, erlebt einen dramatischen Bedeutungs-verlust.

8. Chancen und Alternativen

Die gegenwärtige Form der Globalisierung wird als alternativloser, quasi naturhafter Prozess dargestellt, gegen den man sich ebenso wenig stemmen könne wie gegen das Wetter. Richtig daran ist, dass die Zunahme und die neuen Formen von Kommunikation und die kulturellen und ökonomischen Integrationsprozess irreversibel sind. Die Wirtschaftspolitik, die diesen Prozess dominiert, als alternativlos hinzustellen, ist jedoch pure Ideologie. Selbstverständlich gibt es Alternativen zu einer gnadenlosen Standortpolitik, nämlich internationale Kooperation. Selbstverständlich gibt es Alternativen zum internationalen "Race to the Bottom", der Anpassung der Standards nach unten, durch die Etablierung internationaler Umwelt- und Sozialstandards (wobei die Standards für Industrieländer höher angesetzt werden müssen). Natürlich gibt es Alternativen zum undemokratischen Einfluss der Finanzmärkte etwa durch die Einführung einer internationalen Devisenumsatzsteuer, die Schließung der Steuerparadiese und Offshore-Zentren und das Verbot spekulativer Derivate und Hedgefonds. Selbstverständlich können die Transnationalen Konzerne reguliert werden, vorneweg durch internationale Vereinbarungen über Besteuerung. Dass Global Players wie Daimler oder Siemens keine Unternehmenssteuern mehr an den deutschen Fiskus abführen ist kein Naturgesetz. Selbstverständlich können die Marktkräfte, die blind gegenüber Sozialem, Kultur und Umwelt sind, einer internationalen Regulierung unterworfen werden. Notwendig ist eine System demokratischer globaler Governance, ein Geflecht aus Verträgen und Institutionen, an dessen Etablierung auch die Zivilgesellschaft beteiligt wird.

So wie der Manchesterkapitalismus des 18. und 19. Jahrhunderts gezähmt und zivilisiert wurde - wenn auch nur durch langwierige soziale und politische Augeindersetzungen - so kann die Globalisierung der entfesselten Marktkräfte, die zu einem neuen, dieses Mal globalem Manchesterkapitalismus geführt hat, ebenfalls gezähmt und zivilisiert werden. Die sinkende Akzeptanz der neoliberalen Globalisierung - die großen Proteste sind dabei nur die Spitze des Eisberges - signalisiert das. Bekennende Liberale wie Ralf Dahrendorf oder George Soros warnen mittlerweile vor der "wilden und erbarmungslosen Globalisierung", die nur den Gesetzen der Konkurrenz folge und zur Gefährdung des sozialen Zusammenhalts führe.

Diese neue Situation eröffnet Chancen für die Entwicklungsländer. Gerechtigkeit und Solidarität, Demokratie und Schutz der Umwelt können im Zeitalter des Internet und globaler Kommunikation leichter als je zuvor globalisiert werden. Noch nie in der Menschheitsgeschichte hat es so viel Reichtum, Wissen und technologische Möglichkeiten auf der Erde gegeben wie heute. Sie müssen auf gerechte Weise umverteilt werden, dann ist für alle genug da.

Der Autor ist Mitglied des geschäftsführenden Vorstandes der Nichtregierungsorganisation Weltwirtschaft, Ökologie & Entwicklung - WEED mit Sitz in Bonn und Berlin

Email des Autors:weed@weedbonn.org
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