Veranstaltungen: Dokumentation

2.1.2013 | Von:
Elżbieta Opiłowska

Die Entwicklung von kultureller Zusammenarbeit in der deutsch-polnischen Grenzregion nach dem Zweiten Weltkrieg

Die nach dem Zweiten Weltkrieg neu-formierte deutsch-polnische Grenzregion war durch Zerstörungen, Heimatverlust und Neuansiedlung, Unsicherheit und Traditionsbruch geprägt. Auf beiden Seiten der Grenze begann nach dem Krieg die Säuberung des kulturellen Gedächtnisses. Da die östliche Grenzregion polnisch sein sollte, versuchte man alle Spuren der deutschen Kultur und Geschichte zu entfernen und sie durch polnische Kulturzeugnisse zu ersetzen. Auf deutscher Seite war die Säuberung mit dem Gründungs-Mythos von Antifaschismus und dem Prozess der Entnazifizierung verbunden. Die Zeugnisse von nationalsozialistischer Vergangenheit sollten aus der Öffentlichkeit getilgt werden. Auf beiden Seiten der Grenze waren die Änderungen in der öffentlichen Symbolik mit dem Aufbau des Sozialismus verbunden. Es bildete sich zwangsweise eine neue Grenzraumgesellschaft, in der die Aussiedler überwogen. Die Erinnerungen an ihre Heimatorte waren in der Öffentlichkeit tabuisiert.

Aleida Assmann vertritt die Ansicht, dass selbst "wenn Orten kein immanentes Gedächtnis innewohnte, so sind sie doch für die Konstruktion kultureller Erinnerungsräume von hervorragender Bedeutung. Nicht nur, dass sie die Erinnerung festigen und beglaubigen, indem sie sie lokal im Boden verankern, sie verkörpern auch eine Kontinuität der Dauer, die die vergleichsweise kurzphasige Erinnerung von Individuen, Epochen und auch Kulturen, die in Artefakten konkretisiert ist, überstiegt. [1]

Die deutschen Grenzregionen konnten nach dem Krieg auch ohne die verlorenen östlichen Territorien ihre historische Kontinuität und Tradition bewahren. Der "verlorene" Teil wurde einfach im öffentlichen Diskurs verschwiegen. So war auch z. B. die Pflege von schlesischer Traditionen als "revanchistisch" abgestempelt und verboten. In den polnischen Nord- und Westgebieten, die in der kommunistischen Propaganda als "wiedergewonnene Gebieten" genannt wurden, fang die Geschichte erst 1945 an. Die Kontinuität war durch Berufung auf "piastische Wurzeln" gewährleistet und die jahrhundertelange deutsche Herrschaft als Okkupation interpretiert. Hier musste im Prozess der Aneignung der fremde Raum entdeutscht und polonisiert werden. Wegen der bunt gemischten Grenzgesellschaft (Autochthone, Re-Migranten aus Deutschland und Frankreich, ehemalige Zwangsarbeiter, Militärsiedler, Umsiedler aus den an die Sowjetunion verlorenen Ostgebieten und Ansiedler aus Zentral- und Südpolen) und wegen der viele Jahre dauernden Unsicherheit der Grenze konnte sich eine einheitliche Kulturlandschaft schwer herausbilden.

Die grenzüberschreitenden Kontakte, auch im Kulturbereich waren von der Durchlässigkeit der Grenze abhängig. Die Oder-Neiße Grenze war nach 1945 eine hermetische, streng kontrollierte Grenze, undurchlässig für Personen, Informationen und Güter, passierbar nur aufgrund spezieller Zertifikate und nach scharfen Kontrollen. [2] Es wurden nur die notwendigsten Kontakte für die gemeinsame Nutzung von Wasser- und Energiewerken geknüpft. Mit der Unterzeichnung des Görlitzer Vertrages am 6. Juli 1950, der die Grenze an der Oder und Neiße zwischen Polen und der DDR bestätigte, wurden erste offizielle Friedens- und Freundschaftsfeste organisiert. Es begann die politische Kooperation, auch die ersten Kontakte zwischen Sportgruppen und künstlerischen Ensembles wurden geknüpft.[3]

Nach 1956 kam es zur gewissen Auflockerung der Grenze; Hieronim Szczegóła schreibt hier von einer gesteuerten Liberalisierung. [4] Am 6. Oktober 1964 wurde zwischen der DDR und Polen Kulturabkommen unterschrieben. Die Woiwodschaft Wrocław und das Dresdner Bezirk begannen die Kulturzusammenarbeit bereits seit 1959, indem es zum Austauschbesuche von Verwaltungsfunktionären, aber auch von Künstlern und Gastauftritten von Theaterensembles kam.

Am 15. März 1967 wurde der Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand zwischen der Deutschen Demokratischen Republik und der Volksrepublik Polen unterschrieben.

Im Artikel 9 stand es: Die hohen vertragschließenden Seiten werden ihre Beziehungen auf den Gebieten der Kultur und Wissenschaft, insbesondere des Bildungswesens, der Kunst, der Presse, des Rundfunks, des Fernsehens, des Films sowie der Körpererziehung und der Touristik entwickeln und festigen. [5]

Die Kulturpolitik beider Länder sollte die sozialistische Ideologie verbreiten und die Integration der Bevölkerung fördern. Der Kulturaustausch begleitete meistens die politischen Veranstaltungen, wie Wochen des Friedens und der Völkerfreundschaft in Görlitz anlässlich des Weltfriedenstages. Dabei bildete die Grenzgesellschaft in diesem Theater der Freundschaft meistens nur eine stille Kulisse.

Jedoch erst nach der Öffnung der Grenze für den pass- und visafreien Verkehr seit dem 1. Januar 1972 kam es zum regen Kulturaustausch in der deutsch-polnischen Grenzregion. Im Februar 1973 wurde zwischen den Stadträten von Görlitz und Zgorzelec ein Programm über einen Kulturaustausch vereinbart, [6] das Kulturhäuser, Bibliotheken, Musikschulen, Theater, Museen und Orchester betraf; gemeinsame Ausstellungen, Vorträge und Konzerte sollten organisiert werden. In Zgorzelec spielte das Kulturhaus eine zentrale Rolle, weil es keine anderen Kultureinrichtungen gab. Die Stadthalle in Görlitz war für das Kulturleben beider Städte von Bedeutung. In den 70er Jahren fanden dort zahlreiche Konzerte statt, mit Teilnahme der Solisten und Dirigenten aus Wrocław und Jelenia Góra. Regelmäßig wurden Wochen der Jugend und Sportler, Tag der polnischen Kultur und Freundschaft in Görlitz organisiert. In den 70er Jahren wurden die Programme auf Deutsch und Polnisch gedruckt.

Eine wichtige Rolle im Kulturleben spielte das Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz, das zusammen mit der Breslauer Oper ein gemeinsames zweisprachiges Programm für das Jahr 1973 vorbereitete. Die polnischen Besucher bildeten fast 50 % des Publikums. Ähnlich war es auch im Theater in Frankfurt (Oder). [7] In den Bibliotheken organisierte man deutsch-polnische Buchausstellungen; Es wurden gemeinsame deutsch-polnische Musikbands gegründet, wie Freundschaftsorchester der Musikschulen aus Görlitz und Zgorzelec (1973) oder Jugendsymphonieorchester, in der die Schüler aus der Kreismusikschule in Frankfurt (Oder) und der Staatlichen Musikschule in Zielona Góra spielten. Obwohl die zwei größten Museen in Görlitz - das Naturkundenmuseum und die Städtischen Kunstsammlungen eine Tonbandführung in polnischer Sprache angeboten haben, erfreuten sie sich keiner großen Popularität bei den Zgorzelecern. [8] Es kamen eher Gruppen von Wissenschaftlern aus Poznań, Wrocław und Jelenia Góra. Regelmäßig wurden Festivals, wie "Frühling an der Neiße" (in Guben/Gubin) und "Festival an der Oder" in Frankfurt (Oder) veranstaltet. Große Veranstaltungen wurden anlässlich der runden Jahrestage der Unterzeichnung des Görlitzer Vertrages organisiert. 1975 war das Volks- und Jugendfest in Görlitz veranstaltet, der als Manifestation der Freundschaft und Versöhnung ausgegeben wurde.

Obwohl die grenzüberschreitenden Initiativen im Rahmen der sog. "zwangsverordneten Freundschaft" realisiert wurden, bildeten die 70er Jahre einen Durchbruch in gemeinsamen Kontakten zwischen den Grenzraumbewohnern. Viele Görlitzer, die damals nach Polen reisten, fanden Polen mehr liberal und "westlich". Sie kauften in polnischen Grenzstädten westliche Magazine und Schallplatten mit westlicher Musik. Viele polnische Bewohner der Grenzgebiete gaben ihre Angst vor deutschem Revanchismus auf. Umso mehr waren sie von der Schließung der Grenze im Oktober 1980 enttäuscht. Die DDR-Machthaber hatten Angst vor dem Einfluss der Solidarnosc-Bewegung. Ein Interviewpartner, Herr J.E. aus Görlitz erinnert sich an die Zeit der offenen Grenze mit Sentiment:
    Ich habe bedauert, dass die Grenze nach Polen zu war, weil ich in den 70er Jahren ein paar Kontakte nach Polen hatte. Zgorzelec hatten wir in der Zeit wirklich als ein Teil unserer Stadt betrachtet. Wir sind ständig rüber und ’nüber. Ich habe in der Schule Polnisch auch gelernt, aber alles vergessen. Ich kannte ja Leute aus Zgorzelec, Freunde zu viel gesagt. In der Tanzgaststätte "Zwei Linden" hatten am runden Tisch die Hälfte Deutsche und die Hälfte Polen gesessen. Heutzutage bestehen die Kontakte nicht mehr. [9]
Auch die meisten institutionellen Kontakte zwischen den Kultureinrichtungen wurden in den 80er Jahren gebrochen.

Die Transformationsprozesse in Europa nach 1989, Wiedervereinigung Deutschlands, deutsch-polnischer Grenzvertrag 1990 und der Vertrag über gute Nachbarschaft und freundschaftliche Zusammenarbeit von 1991 eröffneten auch neue Möglichkeiten vor Grenzregionen. Sehr schnell wurden Partnerschaftsabkommen zwischen den Grenzstädten unterschrieben, Euro-Regionen gegründet. Nach 1990 entwickelte sich eine rege Kooperation zwischen den Kulturhäusern und Stadthallen, Musikschulen und Bildungseinrichtungen. Manche Initiativen wie Frankfurter Brücke, das Projekt deutsch-polnische Geschichte, das Deutsch-polnische Literaturbüro knüpften an die Zusammenarbeit aus den 70er Jahren an. [10]

Die grenzüberschreitenden Kulturprojekte werden von den Grenzbewohnern sehr positiv wahrgenommen. Das am meisten bekannte deutsch-polnische Fest in Görlitz/Zgorzelec ist das Altstadt-/Jakuby-Fest, das jährlich im August auf beiden Seiten der Neiße gefeiert wird.

Die Kulturpolitik lässt sich gut am Prozess der Umfunktionierung von Kulturobjekten veranschaulichen. Die ehemalige Oberlausitzer Gedenkhalle in Görlitz, die nach 1945 zum Kulturhaus in Zgorzelec umfunktioniert wurde, ist ein guter Beispiel dafür.

Fußnoten

1.
Vgl. Assmann, Aleida: Erinnerungsräume. Formen und Funktionen des kulturellen Gedächtnisses, München 2003, S. 299.
2.
Vgl. Langer, Josef/Eger, György: Border, Region and Ethnicity in Central Europe: Results of an International Comparative Research, Klagenfurt 1996, S. 46-67.
3.
Vgl. Szczegóła, Hieronim/Gräfe, Karl (Hg.): Współpraca przygraniczna PRL-NRD, Zielona Góra/Dresden 1984.
4.
Ebd.
5.
http://www.verfassungen.de/de/ddr/beistandsvertragpolen67.htm, Zugriff am 24.10.2012.
6.
Vgl. Jajeśniak-Quast, Dagmara/Stokłosa, Katarzyna: Geteilte Städte an Oder und Neiße. Frankfurt (Oder) – Slubice, Guben – Gubin und Görlitz – Zgorzelec 1945-1995, Berlin 2000, S. 199.
7.
Vgl. Seethaler, Gerhard: Przygraniczna współpraca kulturalna, in: Szczegóła/Gräfe (Hg.): Współpraca przygraniczna…, S. 85-99.
8.
Jajesniak-Quast/Stoklosa, Geteilte Städte…, S. 203.
9.
Interview mit Herrn J.E. aus Görlitz, 9.3.2004.
10.
Jajeśniak-Quast/Stokłosa, Geteilte Städte, S. 108.

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