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Boykottaktion gegen jüdische Geschäfte am 1. April 1933. Die Herrschaft der Nationalsozialisten bedeutet für die deutschen Juden von Anfang an eine antisemitische  Politik der Diskriminierung und Verdrängung.

Annika Meixner am 28.01.2013

Das paralysierende Grauen

Kann man Zuschauer sein in einer Gesellschaft, die Völkermord begeht? Dieser Frage geht Prof. Dr. Daniel Feierstein in einem Vortrag nach, der die Funktion der Gefängnisse der argentinischen Militärdiktatur mit den Folgen des NS-Lagersystems in den 1930er Jahren vergleicht.

Daniel Feierstein bei seinem Vortrag auf der 4. Holocaustkonferenz.Daniel Feierstein bei seinem Vortrag auf der 4. Holocaustkonferenz. (© Mirko Tzotschew / Kooperative Berlin)



Denunzianten, Mitläufer, Komplizen. Jenseits von Hitler und der breiteren Spitze der NS-Täter sprechen sowohl die Genozid- als auch die Holocaustforschung selten von bloßen Zuschauern. Das Zusehen ist kein Ausdruck von Passivität. Als Zeugen der Ausgrenzung, der Verschleppung und der Vernichtung sind auch die Zuschauer Teil eines Systems, das den Zivilisationsbruch möglich macht. Wie kommt es zu dieser zuschauenden Komplizenschaft? Und welche Funktion haben dabei die Konzentrationslager?

Die Lager verändern die ganze Gesellschaft

Prof. Daniel Feierstein, Leiter des Zentrums für Genozidstudien an der Universidad Nacional de Tres de Febrero in Buenos Aires, forscht sowohl zu den Lagern im Nationalsozialismus in den Jahren vor Beginn des 2. Weltkriegs als auch zum Lagersystem der letzten argentinischen Militärdiktatur. Diese Diktatur produzierte in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren Tausende von “desaparecidos“, den “Verschwundenen“, die in den Gefängnissen der Militärs gedemütigt, gefoltert und getötet wurden.

Feierstein analysiert in seinem Vortrag die Wirkung der Konzentrationslager in Deutschland und Argentinien auf die unmittelbar betroffenen Insassen, vor allen Dingen jedoch auf die Gesamtgesellschaft außerhalb des Lagerkosmos. Die Genozidpraxis in Argentinien und die frühe Lagerpraxis des Nationalsozialismus hätten demnach eine entscheidende Gemeinsamkeit: Ihre Lager hatten eine disziplinierende Wirkung, die weit über die Häftlinge hinausging. Als Zeugen der Verhaftungen und der Berichte über die Gräuel in den Lagern wurden auch die Zuschauer der Verfolgung zu Protagonisten, die eine ihnen zugeteilte Rolle im Vernichtungssystem spielten. Sie passten ihr Verhalten an, um nicht auch zu Opfern der Verfolgung zu werden.

Verwirrung und Anpassung als Folge des Terrors

Und so folgte auf die Entmenschlichung in den Lagern eine Paralyse der Gesellschaft. So wie der Widerstand der Individuen in den Konzentrationslagern gebrochen wurde, so schwand auch bei den Zurückgebliebenen der Mut zum Aufbegehren. Diese Wirkung der Lager sei laut Feierstein nicht zufällig eingetreten. Ziel der KZs sei es gewesen, die gesamte Gesellschaft zu formen, soziale Beziehungen grundlegend zu verändern, Anpassung zur vermeintlich einzigen Handlungsmöglichkeit zu machen.

Und dort, wo die Erzählungen aus den Lagern nicht direkt in die Gesellschaft vordrangen, dort sorgte die Angst vor dem unbekannten Grauen letztlich für dasselbe Resultat: eine Gesellschaft, die erst verwirrt, dann paralysiert war. Während den Inhaftierten in den argentinischen Lagern eine Kapuze aufgesetzt wurde, damit sie orientierungslos sind und ihrer Identität beraubt werden, wurde der argentinischen Gesellschaft im Angesicht des Unbekannten der Handlungswille geraubt.

Eine PDF-Version des Vortrages finden Sie PDF-Icon hier.


Annika Meixner ist Politikwissenschaftlerin und Online-Redakteurin bei der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb. Ihr Arbeitsschwerpunkt ist Rechtsextremismusprävention via Social Media.

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Die 4. Internationale Konferenz zur Holocaustforschung beleuchtet über drei Tage hinweg den aktuellen Stand wissenschaftlicher Diskurse um Eingrenzungs- und Ausgrenzungs- prozesse. Zum Konferenzthema finden zudem parallele Praxisforen statt. Das Programm finden Sie PDF-Icon hier als PDF

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