Dossierbild Wie wollen wir leben

Jasmin Twardawa am 03.07.2013

Gefangen in einem fremden Körper

Einmal in einer anderen Haut zu stecken, hat sich bestimmt schon jeder gewünscht. Positiv muss das nicht immer sein – plötzlich ist man in einer unangenehmen Hülle gefangen und fühlt sich hilflos. Unsere Redakteurin hat das Experiment gewagt und einen Alterssimulationsanzug ausprobiert.

Alltägliche Dinge wie die Morgenzeitung lesen wird zur Meisterdisziplin. Durch die präparierten Handschuhe lassen sich die Seiten nur mit viel Zeit und Mühe umblättern.Alltägliche Dinge wie die Morgenzeitung lesen wird zur Meisterdisziplin. Durch die präparierten Handschuhe lassen sich die Seiten nur mit viel Zeit und Mühe umblättern. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Ich gebe zu: Auch ich gehöre zu den ungeduldigen Menschen, die sofort an die Decke gehen, wenn man sich ein-, zwei- oder sogar dreimal wiederholen muss, bis ein Satz verstanden wird. Lahme Rentner, die den Gehfluss in Einkaufsstraßen und auf Wegen behindern, wünschte ich längst auf separate Bahnen verbannt. Allgemein hatte ich schon immer wenig Mitgefühl mit der älteren Gesellschaft. Im Endeffekt trifft uns alle dasselbe Schicksal, einige früher und andere später. Wie es sich aber anfühlt, alt zu sein, sollte mir erst jetzt richtig bewusst werden. Im Rahmen des Kongresses "Wie wollen wir leben?" schlüpfe ich für einige Momente in die Haut einer 60-jährigen Seniorin. Möglich gemacht wird das durch den Alterssimulationsanzug "Age Explorer" vom Meyer-Hentschel Institut aus Saarbrücken.

Die Verwandlung geht los
Spezielle Verbände um die Gelenke schränken meine Beweglichkeit ein. Eine übergroße Latzhose, gefüllt mit Gewichten, und ebenso schwere Jacke setzen mir zusätzliches Gewicht auf. Über meine Hände sind extra präparierte Handschuhe gestülpt. Diese sind mit einem rauen und unangenehmen Stoff gefüttert. Der Effekt ist enorm: Jeder feste Handdruck hinterlässt Schmerz. Zur Perfektion lasse ich mir ein Gehörschutz-Headset aufsetzen, was mir bisher nur von Baustellen bekannt war. Darüber einen Helm mit gelblich-milchigem Visier. Gelb, weil sich die Augen im Alter verändern und gewisse Farben nicht mehr erkennen können. Milchig, um die eingeschränkte Sehstärke zu erkennen. Am Ende der Maskerade ähnelte ich eher einer Feuerwehrfrau als einer süßen Omi.

Schwerhörig, langsam, sehschwach
Mit den Gewichten in der Kleidung fällt das Aufstehen aus tiefen Sitzgelegenheiten noch schwerer.Erfahrungen mit dem Age Explorer (Zeno F. Pensky) Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/
Nach nur wenigen Minuten in voller Montur rollen die ersten Schweißtropfen. Um mich nicht völlig zu überfordern, gehe ich in vorsichtigen Schritten los. Kleine Aufgaben – wie Bonbons aus der Plastikhülle zu pulen – sind nur mit viel Zeit zu bewältigen. Eine Zeitung zu lesen und die Seiten umzublättern, bringt mich an den Rand meiner Geduld. Mit meinem schweren Körper schleppe ich mich unzählige Treppenstufen hinauf, um oben völlig außer Atem anzukommen. Es ist beinahe unmöglich, noch Farben zu erkennen. Zur Hürde wird es, sich vernünftig nach etwas zu bücken. Für die leichtesten Aufgaben brauche ich fast das Doppelte an Zeit. Nicht weniger frustrierend ist es, in das genervte Gesicht meiner Begleitung zu blicken, die sich dank meines schlechten Gehörs ständig wiederholen muss.

Die Erfahrung, in der Situation eines alten Menschen zu stecken, ist zwar sehr interessant, dennoch verändert das Experiment meine Sicht der Dinge nur teilweise. Das Alter ist ein schleichender Prozess. So wird im Laufe des Lebens die enorme Veränderung des Körpers nicht so krass wahrgenommen wie ich es im Anzug erfahre. Menschen gewöhnen sich längerfristig an Entwicklungen und passen sich ihnen an. Man lernt mit seinen Einschränkungen umzugehen – mehr oder minder erfolgreich.

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