Dossierbild Wie wollen wir leben

Die Mythen der Schwarzseher

Achtung! vor dem alt werden.Achtung! vor dem alt werden. (© CC-by-nc Jan Roemer www.jugendfotos.de)

Mythos 1: "Die Gesundheitskosten werden untragbar große Ausmaße annehmen."

In den letzten 30 Jahren ist die deutsche Bevölkerung immer weiter gealtert. Doch die Gesundheitsausgaben der Krankenkassen sind konstant bei sechs Prozent des Bruttoinlandprodukts geblieben. Der Volkswirtschaftler Bert Rürup hat im Auftrag der AOK herausgefunden, dass für hohe Kosten die Nähe zum Tod und nicht das Alter entscheidend ist. Auch Professor Elisabeth Steinhagen-Thiessen von der Charité Berlin bestätigt, dass altersspezifische Krankheiten im Lebensverlauf weiter nach hinten rücken. Allein seit den 1990er Jahren habe der Durchschnittsdeutsche zwei gesunde Lebensjahre hinzugewonnen. Länger leben heißt also nicht, länger, sondern später krank zu sein.

Mythos 2: "Alter macht krank und unproduktiv."

Die mit dem Alter sinkende Belastbarkeit hat keine direkte Auswirkung auf die Produktivität. 2012 hat eine Studie des Max-Planck-Instituts belegt, dass ältere Fließbandarbeiter weniger Fehler als ihre jüngeren Kollegen machen. Ferner nivellieren Erfahrung und Gewissenhaftigkeit die mit dem Alter nachlassende kognitive und physische Arbeitsleistung. Der Hauptverband der gewerblichen Berufsgenossenschaften hat den Zusammenhang von Alter und Arbeitsunfällen untersucht. Während knapp 20 Prozent der Unfälle in der Altersgruppe 20-25 passieren, sind es bei den 50- bis 59-Jährigen noch etwa zehn Prozent und bei den Arbeitnehmern 60+ nur drei Prozent.

Mythos 3: "Immer weniger Deutsche wollen Kinder."

So titelt die FAZ im Dezember 2012. Tatsache ist: Die Geburtenraten stagnieren. Aber die Gründe dafür liegen nicht unbedingt darin, dass Kinderwünsche nicht vorhanden sind. Im Februar 2013 veröffentlichte Der Spiegel eine – bis jetzt unter Verschluss gehaltene – Studie des Bundestages, die die Familienpolitik der Regierung als ineffizient und zu teuer beschreibt. Überdies zeigen Umfragen im Rahmen der Initiative Die demografische Chance des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, dass für die meisten Deutschen der ideale Familienentwurf die Zwei-Kinder-Familie ist.

Mythos 4: "Das Schrumpfen der Bevölkerung verstärkt den Fachkräftemangel."

Eine kleinere Bevölkerung führt nicht zwingend zu leeren Büros und Fabrikhallen. Die frei werdenden Arbeitsplätze können mittelfristig alle kompensiert werden. "Wir haben sozusagen stille demografische Reserven, die auf dem Arbeitsmarkt fehlen", so die Demografie-Expertin und stellvertretende Bundestagsfraktionsvorsitzende der Grünen, Ekin Deligöz. Diese könnten durch die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt und die Immigration von Fachkräften aktiviert werden. Die Qualifizierung benachteiligter Jugendlicher folgt als nächste Möglichkeit. Der Bundesagentur für Arbeit zufolge gibt es daneben derzeit 3,06 Millionen Arbeitssuchende im deutschen Markt. Bei entsprechender Ausbildung und Integration könnten diese die entstehenden Lücken wieder schließen.

Mythos 5: "Der Ruhestand ist ein Auslaufmodell."

Im Durchschnitt wird die Zeit in Rente nicht kürzer. Sie kommt nur später. Die Verlängerung der Lebensarbeitszeit entspricht dabei in etwa der gestiegenen Lebenserwartung. Aus heutiger Sicht ist es schwer vorstellbar, dass die Hälfte der heute Neugeborenen älter als 100 Jahre alt wird. Die Tatsache, dass noch nie zuvor Menschen so gesund so alt geworden sind, führt zu Unsicherheit gegenüber dem späten Lebensabschnitt. Wie Peter Gross, emeritierter Professor für Soziologie der Universität Bamberg, erklärt, werden bis heute kaum positive Erfahrungen mit diesem "neuen" Lebensabschnitt des hohen Alters verbunden. Weiter sagt er: "Dieser Lebensabschnitt bietet noch Raum für Angst." Umso mehr Hochbetagte es geben wird, desto positiver wird das Alter betrachtet werden.




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