Dossierbild Wie wollen wir leben

Marie-Theres Böhmann am 04.07.2013

Zeit, die Weisheit wiederzuentdecken

Im Interview mit politikorange sprach Dr. Eckart von Hirschhausen über Wohlbefinden im Alter, die Balance von Glückskonzepten und warum man nicht nur auf seinen Bauch, sondern auch auf seine Großeltern hören sollte.

Eckart von Hirschhausen empfiehlt, mehr auf die ältere Generation zu hören.Eckart von Hirschhausen empfiehlt, mehr auf die ältere Generation zu hören. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Herr von Hirschhausen, was bewegt Sie, heute hier zu sein?

Die Idee, dass Glück eine politische Dimension hat, finde ich sehr wichtig. Deswegen ist es spannend hier zu sehen, wie viele Menschen sich mit der großen Frage beschäftigen: Wie verändert sich das subjektive Wohlbefinden? Es ist nicht so, dass man in der Jugend automatisch glücklicher ist als im Alter. Wir haben viele Ängste, älter zu werden. Wir verbinden es mit Verlust, mit Vergesslichkeit, mit körperlichen Einschränkungen. Ich wollte den Blick öffnen für das, worauf man sich freuen kann, nämlich die Frage: Werde ich auch in irgendetwas besser? Konkret ist das die Fähigkeit, wichtig und unwichtig zu unterscheiden, seine eigenen Stimmungen wahrzunehmen und zu regulieren. Die meisten Alten sind besser drauf, als sie sich das erträumt hätten mit 17. Solche Sachen findet die Glücksforschung spannend.

In Ihrem Buch "Glück kommt selten allein" haben Sie sich gefragt, ob mit 17 Ihre schönste Zeit gewesen ist. Sie hatten viel Zeit und waren unabhängig. Was erwarten Sie für Ihre Zukunft?

Die Herausforderung ist, in jeder Lebensphase Abschied zu nehmen von den Glückskonzepten aus dem Jahrzehnt davor. Wenn ich mit 70 auf Dinge zurückschauen will, dann muss ich in einer bestimmten Zeit etwas dafür tun. Unser Hirn spielt uns oft vor: Wenn ich das und das erreicht habe, dann beginnt das wirkliche Leben. Es gilt immer, die Balance zu halten. Das Leben ist jetzt und damit es mir später gut geht, muss ich jetzt auch Dinge tun, auf die ich spontan gar keine Lust habe – mir aber im Nachhinein einen viel größeren Wert erschaffen, als ich sie mir im Moment erfühlen kann. Ein klassisches Beispiel ist, ein Musikinstrument zu lernen. Es gibt diesen jugendlichen, esoterischen Unsinn: "Fühl einfach in dich hinein und du weißt, was gut für dich ist." Dies stimmt in manchen Gebieten, aber nicht in allen. Oft ist dieses Bauchgefühl trügerisch, weil es mir immer sagt "Friss Schokolade" anstatt "Geh joggen". Das heißt: Lerne dein Bauchgefühl kennen, aber sei skeptisch gegenüber deinen eigenen Illusionen. Manchmal lohnt es sich tatsächlich, auf Eltern und noch viel mehr auf Großeltern zu hören.

Sie selbst sind erst Mitte 40. Aus welcher Erfahrung schöpfen Sie, wenn Sie in Ihrem Vortrag vom Altwerden sprechen?

In der Medizin hat man logischerweise viel mit älteren Menschen zu tun. Wenn man sich Zeit nimmt, sich da mal hinzusetzen und zuzuhören, erkennt man schon Muster: Ich hätte mir mehr Freude gönnen können, ich hätte mich mehr um meine Freunde kümmern sollen, ich hätte weniger arbeiten müssen. Das tut einem in der Seele weh, wenn man weiß, dass alte Leute jetzt nicht mehr viel an ihrem Leben korrigieren können. Deswegen sage ich: Nur, weil die nicht alle bei Facebook und Twitter sind, heißt das nicht, dass sie nicht wertvolle Dinge über das Leben wissen. Ich glaube, wir befinden uns in einer Zeit, in der es die Weisheit der Generation 70+ wiederzuentdecken gibt.

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