Veranstaltungen: Dokumentation

3.12.2013

"Die Bedeutung der Musik als Einstieg in die rechte Szene kann man gar nicht überschätzen!"

Neue Töne von rechts? Ein kurzer Bericht von der Fachtagung zu den aktuellen Tendenzen in der Jugendmusikkultur und den Herausforderungen für die politische Bildung.

Erklingen neue Töne von rechts? Allerdings. Ein noch junger Trend ist beispielsweise der nationalsozialistische Rap. Die rechte Szene setzt sich über Genre-Grenzen schnell hinweg – es zählt, was bei den Jugendlichen ankommt. Denn die Neonazis nutzen jede Möglichkeit, Jugendliche über die Musik in ihre Kreise zu ziehen. Und so unvereinbar wie es scheint, sind der in den schwarzen Ghettos geborene Rap und die Ideologie der rechten Rapper nicht: "Mit ihrer Selbstdarstellung als starker Mann und in ihrer Frauenverachtung unterscheiden sich die NS-Rapper nicht von vielen anderen Rappern", urteilt die Rapperin und Aktivistin Sookee. Ihr Workshop war nur einer von vielen, in denen sich die Besucher der Tagung der Bundeszentrale für politische Bildung am 2. und 3. Dezember weiterbilden konnten. Die Fachtagung war ausgebucht. Neben politischen Bildnern mit dem Schwerpunkt Rechtsextremismusprävention nahmen auch zahlreiche Mitarbeiter der Polizei teil. Denn auch die wissen, welch große Rolle die Musik als Mittel für die Neonazis spielt, um neue Kontakte aufzubauen.

Fachtagung "Neue Töne von rechts?" Bild 1 (© Tim Pathe)
Musik nimmt im Leben der meisten Jugendlichen eine zentrale Rolle ein. In ihrem Vortrag betonte Nicole Pfaff, Professorin für Bildungswissenschaften: "Die musikalische Sozialisation geht Hand in Hand mit der politischen. Die Jugendlichen hören Musik in ihrer Clique, und in der Gruppe, mit der sie Musik konsumieren, diskutieren sie über die Liedtexte und bilden allgemein ihre Weltanschauung heraus." Die Musik selbst suggeriert zudem ein Gemeinschaftsgefühl. Am stärksten erlebt das die Szene beim Besuch von Konzerten verbotener Bands, die klandestin organisiert werden. Die Besucher müssen im Regelfall zunächst mehrere Treffpunkte aufsuchen und werden in Kleingruppen zum Veranstaltungsort gelotst. Jan Buschbom, der mit jungen Straftätern arbeitet, die wegen Taten mit rechtsradikalen Hintergrund verurteilt wurden, erzählte aus der Praxis: "Das schafft ein starkes Gefühl von 'Wir gegen den Rest der Welt'. Zudem werden Neulinge auf solchen Konzerten immer von anderen Besuchern abgecheckt, die in diesen Kreisen schon zuhause sind. Das beeindruckt die Neuen sehr, wenn dann plötzlich rechte Szenegrößen mit ihnen reden." Und schon die Beschäftigung mit der verbotenen Musik an sich gibt diesen Jugendlichen ein Gefühl von Macht – als würden sie damit der Gesellschaft den Stinkfinger zeigen.

Verstaubte rechte Ideologien in immer neue Musik verpackt

Fachtagung "Neue Töne von rechts?" Bild 2 (© Tim Pathe)
Protest war rechte Musik immer schon – wie der Punkrock, den sie kopierte. Auch die Geschichte des Rechtsrock wurde auf der Fachtagung rekapituliert. Die deutsche rechte Musikszene war bis zur Maueröffnung ein relativ kleines westdeutsches Phänomen. Mitte der 1990er Jahre erlebte sie ihren ersten großen Aufschwung durch die vielen neuen Fans in Ostdeutschland. Stilistisch orientierten sich die Band zuerst am Punkrock, doch schon in den 1990er Jahren kamen auch Balladen von rechten Liedermachern in Mode. "Und das sind nicht nur die Älteren, die das hören", beschrieb Martin Langebach, Rechtsextremismus-Experte der bpb. "Wenn ein rechtsextremer Liedermacher wie Frank Rennicke eine Autogrammstunde gibt, dann stehen hauptsächlich Jugendliche in der Schlange." Neue Genres wie der NS-Hardcore und der nationalsozialistische Rap komplettieren mittlerweile das breite Spektrum der rechten Musik.

Die Szene hat sich zunehmend professionalisiert. Nicht alle rechten Bands treibt in erster Linie die Überzeugung – populäre Bands können in der Szene gut verdienen. International sind die rechten Musikszenen gut vernetzt; so dass deutsche Bands auch vor Fans in Belgien und Frankreich auftreten.

Fachtagung "Neue Töne von rechts?" Bild 3 (© Tim Pathe)
Was lässt sich gegen den Rechtsrock tun? Die Verbreitung zu unterbinden scheint die einfachste Lösung zu sein. Die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien kann Tonträger, die ihr angezeigt werden, nach Prüfung indizieren, also in die Liste jugendgefährdender Medien aufnehmen. Allerdings bezweifelten viele Praktiker aus der Arbeit mit rechtsorientierten Jugendlichen die Effektivität solcher Maßnahmen – ein Tonträger könne durch die Indizierung erst interessant werden. Für die Band selbst natürlich bedeutet eine Indizierung empfindliche finanzielle Einbußen. Aber auch die Bands haben dazugelernt und vermeiden gezielt bestimmte Schlagworte in ihren Texten. Denn Umschreibungen, für die sie nicht belangt werden können, verstehen ihre Fans genauso gut.

Rechte Bands stoppen – kein einfaches Patentrezept in Sicht

Diskutiert wurde zudem, welche Möglichkeiten die Polizei ausschöpfen könne, um rechtsextreme Konzerte zu verhindern. Ein Konzert kann die Polizei sofort beenden, wenn verbotene indizierte Lieder gespielt werden. Aber der Teufel steckt im Detail. Beamten erzählten, oft könnten sie beim Konzert selbst die Texte der Lieder kaum verstehen. Solche Praxisberichte riefen Kritik hervor. Faktisch ginge die Polizei oft nicht entschlossen genug vor, bemängelten Aktivisten gegen Rechts. Die oberflächlichen Prüfungen durch die Behörden reichten nicht. Sich auf Konzerten öffentlich feiern zu dürfen, stärke das Gemeinschaftsgefühl der Rechten.

Mit der Diskussion einer aktuellen Frage endete die Tagung: dem Fall Frei.Wild. Die populäre Südtiroler Band singt vom Deutschsein und der Heimatliebe und bewegt sich textlich in einem Grenzbereich. Band-Mitglieder waren allerdings in der rechten Szene in Alto Adige/Süd Tirol (Italien) aktiv. Lässt sich Frei.Wild damit dem Rechtsrock zurechnen? Auf dem Podium wurde heftig diskutiert. Während der junge Blogger Janos Varga die Band gegen den Verdacht des Rechtsextremismus verteidigte, widersprach ihm der Journalist "Thomas Kuban", der per Skype zugeschaltet war. Kuban, der nur unter Pseudonym auftritt, ermittelt undercover in der Nazi-Szene und wurde vor allem durch den Film "Blut muss fließen" über verbotene Konzerte von Nazi-Bands bekannt. Er tritt für eine Indizierung der Band ein, da diese einen rechten Geschichtsrevisionismus betreibe. Ist das der richtige Weg? Und könnten die Heimatliebe verklärende Bands wie Frei.Wild eine Tür für rechte Inhalte im Mainstream aufstoßen? Noch sind diese Fragen nicht beantwortet. Und bevor die Antworten feststehen, könnte die rechte Musikszene schon neue Nischen besetzt haben und neue Fragen aufwerfen.


Dossier

Rechtsextremismus

Das Auffliegen der Terrorgruppe "Nationalsozialistischer Untergrund" (NSU) hat gezeigt: In Deutschland sind Strukturen entstanden, die unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung in Frage stellen. Aber nicht nur im Untergrund oder am Rand der Gesellschaft gibt es rechtsextreme Einstellungen wie Fremdenfeindlichkeit, Antisemitismus, Geschichtsrevisionismus und den Glauben an einen starken Führer.

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Veranstalter der Fachtagung Rechtsrock

Bundeszentrale für politische Bildung und Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

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