Gäste beim Bürgerfest des Bundespräsidenten im Park von Schloss Bellevue.

19.9.2014 | Von:
Stefan Gehrke

Dr. Eckart von Hirschhausen über den "Ort der Begegnung"

"Mich hat das Fest sehr glücklich gemacht!" Dr. Eckart von Hirschhausen moderierte den "Ort der Begegnung". Im Interview spricht er über das Fest und ehrenamtliches Engagement.

Dr. Eckart von Hirschhausen im Gespräch.Dr. Eckart von Hirschhausen im Gespräch. (© bpb, Daniel Roleff)



Sie haben heute den ganzen Nachmittag über sehr viel zum Thema Engagement gehört. Was hat Sie am "Ort der Begegnung" am meisten beeindruckt?

Mich freut total, dass der Grundgedanke aufgegangen ist, dass es auf diesem Fest nicht nur Essen und Trinken als Anerkennung gibt, sondern dass die Anerkennung auch sinnlich spürbar gemacht werden konnte. Besonders die "Allee der Anerkennung", auf der Ehrenamtliche bejubelt wurden, hat vielen Spaß gemacht. Eine ganz einfache Idee, dass Menschen, die sich für andere einsetzen dafür einmal buchstäblich Applaus bekommen. Eine Mischung aus Flashmob und Inszenierung. Zwei Absperrgitter definierten die "Allee" und an den Seiten standen begeisterungsfähige Menschen, die den Engagierten zujubelten. Es klingt albern, aber dem Gefühl konnte sich keiner entziehen: egal ob Ehrenamtliche, Polizisten oder der Bundespräsident selber – alle haben es genossen, einmal bejubelt zu werden. Als ich die Idee im Organisationsteam vorstellte, habe ich in viele fragende Gesichter geschaut, aber es hat sich sehr gelohnt! Es war sehr schön zu sehen, wie sich die Besucher mal feiern lassen konnten – wie Helden des Alltags. Mich hat das sehr glücklich gemacht.

Was ist das Besondere am Konzept des "Ortes der Begegnung"?

Die Idee ist, dass hier Menschen zu Gast sind, die nicht wissen, was die anderen Besucher so alles machen und in welchen Bereichen diese aktiv sind. Diese Menschen sollen zusammen kommen, um eventuelle gemeinsame Themen, gemeinsame Probleme, aber auch gemeinsame Lösungen zu diskutieren. Wir waren uns am Anfang auch unsicher, ob die Menschen in unser Zelt finden, aber alle drei Gesprächsrunden waren sehr gut gefüllt. Das zeigt mir, dass die Gäste genau so einen Bereich zum Austausch gesucht haben. Ich hoffe, dass dieser Erfolg den Organisatoren dieses Festes auch Mut macht, das Konzept "Input plus Feiern" zu kombinieren, und beim nächsten Mal vielleicht sogar einen Kongress drum herum auf die Beine zu stellen.

Was bedeutet Engagement für Sie persönlich für eine Gesellschaft?

Der Wert von Engagement ist mir eigentlich erst durch die Beschäftigung mit dem Thema "Glück" so richtig klar geworden. Das materielle Versprechen, dass viel Geld und mehr Leistung glücklicher machen, stimmt einfach nicht. Das stimmt vorne und hinten nicht – und trotzdem leben wir oft nach diesen Maßgaben. Die Psychologie und auch die Lebenserfahrung sagen genau das Gegenteil: Engagier Dich, kümmere Dich um andere! Denke nicht nur an Dich und Deine eigenen Bedürfnisse, dann geht es Dir besser! Man tut immer so, als würden sich Ehrenamtlich aufopfern. De facto ist es aber so, dass Engagement den Menschen Freude macht. Gerade, wenn man motiviert anfängt und dann gegen eine Wand läuft und auf Widerstände trifft, ist es wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist, dass man sich Hilfe und Informationen holen kann. Dafür ist so ein Ort wie dieser hier Gold wert.

Viele Vereine und Organisationen klagen zurzeit darüber, dass sie kaum noch Freiwillige für ehrenamtliche Aufgaben finden. Wie kann man Engagement wieder attraktiver machen?

Auf der einen Seite gibt es ja sehr viele Menschen, die sich engagieren. Auf der anderen Seite gibt es in der Tat aber auch viele, die mehr tun könnten. Ich sehe schon mit Sorge die Zersplitterung der Aufmerksamkeit. Gerade die digitale Gesellschaft handelt nach dem Motto "ich will mich heute früh noch nicht festlegen, wo ich heute Nachmittag bin". Es könnte ja immer noch was Spannenderes passieren. Das ist aus meiner Sicht Gift, da die Freude am Engagement auch erst eintritt, wenn man Wirkungen erzielt, wenn man merkt, dass man z.B. einem Kind helfen konnte und zwei Jahre später hat dieses Kind daraus auch etwas gemacht. Das schafft man nicht mit einem Facebook-Klick oder mit einer Aktion wie der Ice-Bucket-Challenge. Wer ausschließlich auf diese Weise handelt, verpasst etwas ganz Wesentliches. Die Herausforderung für die nächste Generation ist es, spürbar zu machen, dass es sich lohnt, einmal im Monat oder einmal in der Woche zu einem festen Zeitpunkt Engagement zu zeigen und für andere verlässlich da zu sein. Das ist eine Herausforderung, da die Bereitschaft dafür in der Tat im Sinken scheint. Auf der anderen Seite zeigt ein Fest wie dieses hier, dass man nicht zu pessimistisch sein sollte. Ich vergleiche das ein wenig mit einem Kirchentag: Es geht nämlich auch darum, die gute Stimmung spürbar zu machen und das Gefühl zu vermitteln, es gibt noch andere Bekloppte wie mich: Menschen, die nicht nur an sich denken, sondern auch an andere. Dieses Auftanken und sich getragen fühlen in der Gemeinschaft, das muss von hier ausgehen und hoffentlich hält es ein Jahr vor bis zum nächsten Fest!

Sie haben das Engagement über das Internet und soziale Medien angesprochen. Viele Menschen setzen sich mit einem "Gefällt mir" oder einer Online-Petition für eine Sache ein. Ist das für Sie ernstzunehmendes Engagement oder nur ein digitaler Spaß?

Ich glaube schon, dass die Unverbindlichkeit, die mit solchen Aktionen einhergeht, besser ist als nichts. Es kann aber auch schnell wie ein Ablasshandel wirken: "Ich hab doch was gemacht!" Ich habe das auch selber schon erleben müssen. Ich habe auf meine Facebookseite etwas zum Thema "Erforschung von seltenen Erkrankungen" gestellt und plötzlich werde ich beschuldigt, ich würde Tierversuche befürworten. Die Leute gucken leider nicht immer genau genug hin, bevor sie ihren Shitstorm starten. Das ist nicht schön im Netz, weil die Anonymität natürlich bei einigen auch niederste Instinkte wachruft. Ich glaube daher an das uralte menschliche Prinzip von "Face-To-Face": man trifft die Leute, packt sie an, beschnuppert sie. Und wenn sie sich dann noch mögen, können sie ja online auch noch weiter befreundet sein. Das reale Leben braucht engagierte Menschen. Wenn mein Akku leer ist oder meine W-Lan-Verbindung nicht funktioniert und ich habe einen Hexenschuss oder einen Schlaganfall, dann nutzen mir 500 Facebook-Freunde nichts. Ich muss meine Nachbarn kennen, ich muss wissen, bei wem kann ich klingeln, ich muss wissen, wer ist dann für mich da.

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