Pegida

26.4.2016 | Von:
Jürgen Lessat

Gelenkt von dunklen Mächten – Verschwörungstheorien

Chemtrails am Himmel, die Bundesrepublik eine GmbH, islamistische Terroranschläge im Auftrag der CIA – die Verschwörungserzähler im Internet haben Hochkonjunktur. Oft schwingt in den absurden Geschichten Antisemitismus mit. Der Berliner Politikwissenschaftler Jan Rathje skizzierte Handlungsoptionen gegen das Phänomen, das im Extremfall fatale Folgen hat.

Die Thematik ist brandaktuell. "Seit einiger Zeit schon erreichen uns immer wieder Anfragen zu Verschwörungstheorien", berichtete Moderator Cornelius Strobel von der Bundeszentrale für politische Bildung zu Beginn des Workshops. Referent Jan Rathje von der Amadeu Antonio Stiftung in Berlin, der als ausgewiesener Experte der Materie gilt, fiel es denn auch nicht schwer, einen "bunten Strauß" an Verschwörungserzählungen zu präsentieren, die derzeit in den verschiedenen Kanälen im Internet kursieren: TTIP-Verschwörung, als Kondensstreifen getarnte Chemtrails am Himmel, die BRD-GmbH, Zwangsimpfung, False-Flag-Terror im Zusammenhang mit den Anschlägen von Paris und Brüssel beispielsweise. Nicht zu vergessen die Klassiker unter den Verschwörungstheorien: Mondlandung und 9/11.

Was wenige der Workshop-Teilnehmer verwunderte: Selbst die politischen Parteien mischen fleißig mit im Verschwörungsgeschäft, wie Rathje beschrieb. So spricht die AfD im Entwurf ihres Grundsatzprogramms von einem heimlichen Souverän in Deutschland, der aus einer kleinen politischen Führungsgruppe innerhalb der Parteien bestünde.

Wer im Dschungel der Verschwörungstheorien den Durchblick behalten wolle, kann dies anhand einiger Definitionen versuchen. So gebe es tatsächliche Verschwörungen, wobei deren geheimer "Wesenscharakter" es erschwere, deren Wahrheitsgehalt objektiv zu überprüfen, sagte Rathje. Als berühmtestes Beispiel nannte er das Attentat auf Julius Cäsar im alten Rom. Die Metapher "Die Iden des März" ("The ides of march") wurde von der Szene als Synonym für drohendes Unheil adaptiert. Als weitere Kategorie nannte Rathje die Verschwörungshypothese. Ein Beispiel hierfür lieferte auf politischer Ebene erst kürzlich Brasiliens Präsidentin Dilma Rousseff, die ihren Gegnern öffentlich Verschwörung vorwarf.

Der nächste Schritt ist die Verschwörungsideologie. Ihre Akteure bringen alle auftretenden Ereignisse in Verbindung mit einer zuvor definierten Ideologie. Ein aktuelles Beispiel hierfür: Der islamistische IS-Terror wird als Kreation der Geheimdienste der USA und Israels dargestellt. Als spezielle Variante sehen Experten wie Rathje den Verschwörungsmythos. Dieser sattelt hinter verschiedenen Verschwörungen und Verschwörungsgruppen weitere fiktive Gruppen an. Derartige Mythenverbreiter bedienen sich beispielsweise des Illuminatenordens, obwohl der gleichnamige Geheimbund sich bereits im 18. Jahrhundert auflöste.

Das Leid bekommt einen Sinn

Rathje benannte vier Funktionen, die Verschwörungstheorien erfüllen. Sie sollen zum einen Sinn stiften und der Erkenntnis dienen. "Sie liefern Antworten auf die Frage, warum schlimme Dinge guten Menschen passieren", verdeutlichte er. Das Schlimme könne Arbeitslosigkeit, schlechte Bezahlung, menschen- und naturschädigende Waren und Warenproduktion und anderes mehr sein. Das Leid an sich bekomme so letztlich einen Sinn.

Daneben übernehmen die Theorien eine Identifikationsfunktion. Als Beispiel erwähnte Rathje einen Tweet der Linken-Politikerin Sahra Wagenknecht, in dem sie vor dem Hintergrund kooperativer Spähaktivitäten des deutschen Nachrichtendiensts BND und der amerikanischen NSA Deutschland als "US-Kolonie" bezeichnete. Ein weiteres Beispiel bezog sich mit Oskar Lafontaine ebenfalls auf einen Linken-Politiker, der von einer "Querfront-Verschwörung" gegen die Linke gesprochen hatte. Insbesondere für Agitatoren ist die Identifikationswirkung wichtig, da sie ihnen die Freund-Feind-Bestimmung ermöglicht, betonte Rathje. Oft gehe sie einher mit der Reduktion von Komplexität, was es wiederum erleichtert, Schuldige zu benennen.

Legitimation für Massenmörder

Verschwörungstheorien werden auch als Manipulationselement eingesetzt, etwa um eine kapitalgesteuerte oder auch zionistische Weltherrschaft zu unterstellen. Und schließlich dienen selbst die absurdesten Theorien der Legitimation von mitunter folgenreichen Handlungen. So beriefen sich Massenmörder wie der Oklahoma-Bomber Timothy McVeigh offenbar auf die rassistischen Turner-Tagebücher – bei dem Anschlag am 19. April 1995 kamen 168 Menschen ums Leben. Auch der rechtsextremistische und islamfeindliche norwegische Terrorist Anders Behring Breivik, der am 22. Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utøya 77 Menschen ermordete, las verschwörungstheoretische Literatur.

Rathje betonte, dass Verschwörungstheorien und Verschwörungserzählungen sehr häufig mit Antisemitismus verbunden sind. "Beides sind Welterklärungssysteme", so der Berliner Experte. Im schlimmsten Fall komme es so zu einer Verharmlosung oder gar Leugnung des Holocaust.

Ursächlich für die Entstehung von Verschwörungstheorien ist laut dem Soziologen Leo Löwenthal und seinem Mitarbeiter Norbert Guterman "das große soziale Unbehagen". Agitatoren würden bestimmte Beschwerdekategorien ansprechen: Wirtschaftliche Missstände sowie politische, kulturelle oder moralische Beschwerden. Gleichwohl verstünden es Agitatoren auch, emotionale Hintergründe anzusprechen, etwa Angst, Ausgeschlossensein oder Misstrauen. Als Einflussfaktoren für die Empfänglichkeit von Verschwörungstheorien hat der Politikwissenschaftler und Soziologe Armin Pfahl-Traughber psychologische Faktoren, etwa eine stabile oder latente Verschwörungsmentalität benannt. Einfluss üben daneben soziale Faktoren wie gesellschaftliche Umbrüche sowie politische Faktoren aus.

Keinen Raum den Ideologen bieten

Als allgemeine Handlungsoption, um Verschwörungstheorien zu begegnen, empfahl Jan Rathje klare Kante zu zeigen. Man selbst sollte keine dualistischen Weltbilder vertreten, so eine Option. Menschenfeindliche Inhalte sollten offengelegt und die Verantwortlichen benannt werden. Auch gelte es, gesellschaftliche Akteure und Verbände zur strikten Abgrenzung gegenüber Verschwörungstheorien und ihren Erzählern zu drängen.

Eine weitere von Rathje genannte Option blieb im Workshop umstritten: nämlich Verschwörungstheorien durch Satire und Ironie zu entzaubern. Für einzelne Diskutanten war das Thema offenbar zu ernst, um es mit Witz zu kontern. Unbestritten blieb dagegen die Option, Verschwörungstheorien grundsätzlich anzuzweifeln und ihnen zu widersprechen. "Debunking" wird eine weitere Strategie genannt, nämlich gegen derartige Theorien mit harten Fakten vorzugehen. "Dies erfordert aber meist ein enormes Faktenwissen", schränkt Rathje ein. Last but not least empfahl der Experte eine kompromisslose soziale Ächtung: Menschenfeindliche Inhalte müssten offengelegt, Verschwörungsideologen dürfte kein Raum geboten werden. Es gelte, beide aus dem öffentlichen Diskurs zu verdrängen.
Referenten:
Jan Rathje, Amadeu Antonio Stiftung
Cornelius Strobel, Bundeszentrale für politische Bildung (Moderation)

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