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Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

27.1.2017 | Von:
Baran Korkmaz

Islamischer Fundamentalismus

Wer den islamischen Fundamentalismus der Gegenwart verstehen will, kommt nicht umhin, seine historischen Entstehungsbedingungen in den Blick zu nehmen. Wie ist der Islamismus zu verstehen? Ist er nicht ein genuin aus der Moderne entstandenes Phänomen? Wie sieht das Verhältnis zwischen Islam und Islamismus im Allgemeinen aus?

Tilman Seidensticker von Friedrich-Schiller-Universität Jena und Gereon Flümann von der bpb führten durch das Vertiefungsmodul zu islamischem Fundamentalismus.Tilman Seidensticker von der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Gereon Flümann von der bpb führten durch das Vertiefungsmodul zu islamischem Fundamentalismus. (© bpb/Tobias Vollmer)

Für den Islamwissenschaftler Prof. Dr. Tilman Seidensticker von der Friedrich-Schiller-Universität Jena darf der Islamismus nur als eine Facette des Islam verstanden werden – denn das, was wir heute unter dem Phänomen Islamismus verstehen, nimmt erst ab den 1920er-Jahren eine konkrete Gestalt an.

Der geschichtliche Hintergrund

Zu den wichtigsten Vordenkern, die zur konkreten Ausformung des Islamismus hinsichtlich der Ideologie und der Organisation beigetragen haben, zählt Jamaladdin al-Afghani (1838-1897). Als politischer Aktivist und islamischer Theoretiker war sein politisch-religiöses Wirken vor allem antiimperialistisch gefärbt.

Zwar war er, im Angesicht der militärischen und technischen Überlegenheit des Westens, als Reformer durchaus um eine Modernisierung des Islam bemüht – doch in seiner Forderung auf eine Rückbesinnung auf den wahren Islam als Mittel zum antikolonialen Widerstand gilt er als einer der geistigen Begründer des Politischen Islam.

Eine weitere prägende Figur war Muhammad Rashid Rida (1865-1935), der 1923 die Idee eines "neuen", eines wieder arabischen Kalifats entwickelte. Nach der Entmachtung des Osmanischen Sultans, der bis zu seiner Ausweisung aus dem zerfallenden Reich auch den Titel des Kalifen trug und sich als religiöses Oberhaupt der Muslime verstand, formulierte er diese Idee in seiner Schrift "Das Kalifat oder Groß-Imamat" (Kairo, 1923): Ein arabischer Kalif sollte in der Auslegung der Religion wieder die führende Instanz für alle Muslime sein.

Ebenso wie al-Afghani ist auch Ridas Wirken als vor allem antikolonialistisch zu verstehen: Er war darum bemüht, den Islam zu modernisieren, ohne aber dabei die westlichen gesellschaftlichen Ordnungsmodelle kritiklos zu übernehmen.

Der Gründer der Muslimbruderschaft Hasan al-Banna (1906-1949) wiederum bemühte sich vornehmlich um die Verbreitung islamischer Moralvorstellungen. Heute eine der einflussreichsten sunnitisch-islamistischen Bewegungen im Nahen Osten, war die Muslimbruderschaft zu Beginn zwar eine Massenorganisation in Ägypten, aber ohne klare Zielsetzung, eher bodenständig-fromm und antiintellektuell ausgerichtet.

Im Zuge der sich anbahnenden Nationalstaatsbildung auch im arabischen Raum forderteal-Banna die Errichtung einer islamischen Ordnung, die als Gegenentwurf zu dem in dieser Zeit weitverbreiteten Nationalismus zu verstehen sein sollte. Bis Ende der 1940er-Jahre entwickelte sich die Muslimbruderschaft zu einer politischen Organisation mit mehreren hunderttausend Mitgliedern und Sympathisanten. al-Banna selbst fiel 1949 einem Attentat zum Opfer, die Organisation sah sich einer zunehmend scharfen Verfolgung durch Gamal Abdel Nasser ausgesetzt und wurde 1954 aufgelöst.

Schließlich sei noch Sayyid Qutb (1906-1966) genannt, Ideologe des radikalisierten Islamismus. Ihm zufolge lebten selbst die islamischen Gesellschaften nicht mehr gottgerecht, und nur die Erringung der weltweiten Herrschaft durch den Islam könnte die Menschheit als Ganzes erlösen. Den militanten Djihad bezeichnete er daher als Pflicht eines jeden Einzelnen, auch wenn keine direkte Bedrohung vorliege.

Terminologie und exemplarische Akteure

Eine allgemein akzeptierte Definition des Begriffs Islamismus, der erstmals in den 1980er-Jahren (siehe Bruno Etienne "La vague islamiste face aux nations arabe", 1982) auftaucht, gibt es nicht. Seidensticker definiert das Phänomen folgendermaßen: "Beim Islamismus handelt es sich um Bestrebungen zur Umgestaltung von Gesellschaft, Kultur, Staat oder Politik anhand von Werten und Normen, die als islamisch angesehen werden."

Für Seidensticker war dabei der Begriff "Bestrebungen" insofern von besonderer Bedeutung, weil er unterschiedlichste Aktivitäten zu umfassen imstande ist – seien es missionarische, erzieherische oder politische Tätigkeiten, aber auch revolutionäre Pläne und Handlungen.

Das Verhältnis zwischen Islam und Islamismus

Grundsätzlich gibt es, Seidensticker zufolge, zwei Bereiche, die einen Zusammenhang zwischen Islam und Islamismus zulassen:
  1. das Problem der Legitimation von Gewalt
  2. das Problem der Gleichheit (Gläubige - Nicht-Gläubige, Mann - Frau, Islam - Demokratie)
Ein Problem besteht für Seidensticker vor allem im Fehlen eines innerislamischen Diskurses zum Thema 'Gewalt im Islam'. Wenn überhaupt, gebe es nur wenige religiös-intellektuelle Kritiker (islamische Geistliche und Gelehrte), die die aus der Religion legitimierte Gewalt problematisierten; und diese seien nicht nur kaum bis gar nicht vernehmbar, sondern würden sich in ihrer öffentlichen Kritik zum Teil lebensbedrohlichen Gefahren aussetzen. Auf der anderen Seite erreichten Autodidakten, wie Osama bin Laden oder Abu Bakr al-Baghdadi, mit ihren religiösen Interpretationen und Auslegungen weltweit Gehör. Um dieser Schieflage wenigstens etwas entgegen setzten zu können, äußerste Seidensticker seinen entscheidenden Wunsch: Es braucht mehr Kritik am Propheten.



Referent: Prof. Dr. Tilman Seidensticker, Friedrich-Schiller-Universität Jena

Was heißt Islamismus? Was heißt Islamismus? Erklärfilm aus dem Dossier Islamismus – bpb.de/islamismus



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