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Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

27.1.2017 | Von:
Nina Molter

Evangelikaler Fundamentalismus

Was sind die Merkmale und Ausprägungen des evangelikalen Fundamentalismus? Unter welchen Rahmenbedingungen entsteht er? Und worauf gründet die Resonanz? Diesen Fragen widmete sich Dr. Reinhard Hempelmann, seit 1999 Leiter der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen Berlin.

Als globales "Gegenkonzept" zum Fundamentalismus, nannte Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen die Moderne. Moderiert wurde das Vertiefungsmodul von Cornelius Strobel (bpb).Als globales "Gegenkonzept" zum Fundamentalismus, nannte Reinhard Hempelmann von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen die Moderne. Moderiert wurde das Vertiefungsmodul von Cornelius Strobel (bpb). (© bpb/Tobias Vollmer)

Zur Betrachtung des evangelikalen Spektrums stellte Hempelmann zunächst die Prägungen der Bewegung vor: die pietistische Bewegung im 17. und 18. Jahrhundert, die Gemeinschaftsbewegung (19. Jahrhundert) sowie der Evangelikalismus und der Pentekostalismus (Pfingstbewegung, in der Tradition des Evangelikalismus, bei der das Werk des Heiligen Geistes eine zentrale Bedeutung hat), die ihre Wurzeln im 20. Jahrhundert haben. Auch innerhalb des Evangelikalismus, der sich u.a. durch ein besonderes Maß an Striktheit, die Betonung einer persönlichen Glaubenserfahrung und einen missionarischen Auftrag auszeichne, unterscheide man zwischen unterschiedlichen Ausprägungen. Hempelmann betonte, die Bewegung der Evangelikalen dürfe nicht pauschal mit dem Begriff Fundamentalismus assoziiert werden – dieser beinhalte stets eine wertende Komponente und sei kein Teil der evangelikalen Selbstdefinition.

Der Erfolg Evangelikaler Bewegungen

Im Anschluss widmete sich Hempelmann der Legitimität der evangelikalen Bewegung und deren gesellschaftlichen Mobilisierungspotenzial. Grund für ihren Zulauf seien Individualisierungsprozesse der modernen Gesellschaft – sie weckten bei vielen Menschen den Wunsch nach einer stärkeren Gemeinschafts- und Identitätsbildung. Neben etablierten Strukturen entwickelten sich daher Formen alternativer Frömmigkeit, die ihren Ausdruck in eigenständigen Gemeinden, Glaubensgemeinschaften und Konfessionen fänden und den genannten Individualisierungsprozessen mit einem klaren Profil und konkreten Regeln der Lebensführung entgegenträten.

Fundamentalismus als Antimodernismus

Als Rahmenbedingung für die Entstehung fundamentalistischer Bewegungen nannte Hempelmann die Moderne als globales "Gegenkonzept" zum Fundamentalismus. Fundamentalistische Bewegungen erhielten häufig in Zeiten kultureller und religiöser Unsicherheit Aufwind. Sie lieferten scheinbar einfache Antworten auf komplexe gesellschaftliche und spirituelle Fragen durch die autoritative Anerkennung heiliger Texte. Fundamentalismus sei damit als Berufung auf das göttliche Gesetz und die Reetablierung patriarchalischer Autorität, also als ein Reaktionsphänomen zu sehen. Zentrale Charakteristika seien ein wortwörtliches Bibelverständnis, eine Identitätssuche durch Abgrenzung (antihermeneutisch, d.h. gegen eine Textinterpretation der heiligen Schrift, antipluralistisch, antifeministisch und antievolutionistisch), die Wiederherstellung urchristlichen Lebens, die Unmittelbarkeit göttlichen Handelns sowie die Überzeugung eines "Auserwähltseins".

Die politische Agenda

Zusammenfassend stellte Hempelmann fest, dass es aus historischer wie auch aus phänomenologischer Perspektive nicht zutreffend sei, den evangelikalen Fundamentalismus pauschal mit der evangelikalen Bewegung zu identifizieren, vielmehr sei eine individuelle Einordnung unterschiedlicher Gruppen notwendig. Evangelikaler Fundamentalismus stelle im deutschen und europäischen Kontext keinen politisch einflussreichen Faktor dar. Dennoch würden Parteien vereinzelt Thesen der Evangelikalen aufgreifen und so z.B. "Homeschooling" auf die politische Agenda bringen. Generell sei der Dialog bzw. die lernbereite Kontaktaufnahme mit allen Religionsformen ein wesentliches Instrument, um möglichen fundamentalistischen Tendenzen zu begegnen.

Weltbild und Ausbreitung

In der anschließenden Diskussion ging Hempelmann auf die Wechselwirkungen globaler Migration und der Ausbreitung evangelikaler Gruppen ein. So seien auch Mitglieder evangelikaler Gruppen beispielsweise nach Deutschland eingewandert, die in wesentlichen Teilen eine Selbstorganisation anstrebten und in diesem Raum konservative kulturelle Prägungen bewahrten.

Zu der Frage des Weltbildes evangelikaler Jugendlicher betonte Hempelmann, dass mit dem Grad an fundamentalistischer Einstellung auch die Stärke der Feinbilder und negativer Begriffsgruppen zunähme. Wie bei anderen Formen des Fundamentalismus gäbe es auch hier eine pointierte Abgrenzung von anderen Gruppen sowie die Inanspruchnahme eines "Auserwähltseins" oder elitären Selbstverständnisses. Zwar seien auch in Deutschland bereits Fälle der Radikalisierung hin zum evangelikalen Fundamentalismus bei Jugendlichen beobachtet worden, bei Radikalisierungen hin zur Gewalttätigkeit handele es sich jedoch bislang um Einzelfälle.



Referent: Dr. Reinhard Hempelmann, Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen, Berlin


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