30 Jahre Deutsche Einheit Mehr erfahren
Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

27.1.2017 | Von:
Ann-Kristin Schöne

Jüdischer Fundamentalismus

"Sie haben Einfluss auf einen ganzen Staat"

Nach Meinung des Historikers Michael Ingber spielt im Zusammenhang mit jüdischem Fundamentalismus vor allem die nationalreligiöse Siedlerbewegung in Israel eine wichtige Rolle. Denn sie existiert nicht unabhängig von der Mehrheitsgesellschaft – im Gegenteil.

"Wir haben es nicht mit einer Bewegung zu tun, die losgelöst von der Mehrheitsgesellschaft existiert", Michael Ingber, von der Akademie für politische Bildung Tutzing über Fundamentalismus im Judentum."Wir haben es nicht mit einer Bewegung zu tun, die losgelöst von der Mehrheitsgesellschaft existiert", Michael Ingber von der Akademie für politische Bildung Tutzing über Fundamentalismus im Judentum. (© bpb/Tobias Vollmer)

Michael Ingber, der 35 Jahre in Israel gelebt hat und davon 15 Jahre beim Militär war, merkte zunächst an, dass der Begriff "Fundamentalismus" im Zusammenhang mit dem Judentum "problematisch und schwierig" sei – zumindest in seinem ursprünglichen Sinn, als das Wörtlichnehmen einer heiligen Schrift, wie es protestantische Christen in den 1920er-Jahren in den USA postuliert hatten. Im Judentum seien Interpretationen wichtiger Teil der Beschäftigung mit der Bibel. Ingber verwies auf den Talmud, nach dem Alten Testament die wichtigste Schrift im Judentum, der davon zeugt, dass mehrere Interpretationen zulässig sind und es Widersprüche in der Bibel gebe. "Die jüdische Auslegung des biblischen Texts und die fundamentalistische Umgangsweise mit der Heiligen Schrift sind unverträglich". Aus diesem Grund spreche Ingber eher von Radikalismus statt Fundamentalismus. Zu diesem lassen sich seiner Meinung nach zwei Bewegungen in Israel zählen: die Ultraorthodoxen und die nationalreligiöse Bewegung der jüdischen Siedler. Beide stellten vergleichsweise kleine Gruppen dar, doch die "nationalreligiösen Siedler haben Einfluss auf ganz Israel", betonte Ingber.

"Es herrscht eine Kultur der Angst"

Zentral war während dieses Vertiefungsmoduls also die Frage, warum die Nationalreligiösen die israelische Politik und Gesellschaft so stark beeinflussen? Um hierauf eine Antwort finden zu können, sei es zunächst wichtig zu verstehen, was den jüdisch-israelischen Radikalismus charakterisiert. Laut Ingber basiert er auf jüdischem Ethnozentrismus ("ani wi´afsi od"/"nichts außer mir"), der mit einem starken Überlegenheitsgefühl verbunden sei. Zudem nähre er sich aus den Erfahrungen der Verfolgung, einer Kultur der Wachsamkeit und der hundertjährigen Konfliktsituation. Auch der Zionismus und der jüdische Messianismus seien fester Bestandteil des jüdisch-israelischen Radikalismus.

An dieser Stelle wurden erste Erklärungen für den Einfluss des Phänomens auf die gesamte israelische Gesellschaft sichtbar. So wies Ingber darauf hin, dass die politische Kultur Israels insgesamt aufgrund der Vergangenheit durch Angst geprägt sei. Auch der Zionismus sei vor diesem Hintergrund zu sehen. "Der Zionismus, einhergehend mit dem jüdischen Nationalismus und der Verherrlichung der Macht, wird gerade deshalb extrem betont, weil die Juden so viele Jahre machtlos waren", erklärte der Politikwissenschaftler.

"Das ganze Land gehört dem jüdischen Volk"

Der schnelle Sieg der Israelis im Sechs-Tage-Krieg 1967, infolgedessen Israel den von Ägypten verwalteten Gazastreifen und das von Jordanien kontrollierte Westjordanland sowie Ost-Jerusalem besetzte, markierte schließlich einen wichtigen Entwicklungsschritt. Zwar sei von Anfang an das Ziel der zionistischen Kolonisation die Übernahme ganz Palästinas gewesen, mit dem Sieg sei dieses Ziel aber auch deutlich zutage getreten. Selbst säkulare Juden, die keine Siedler waren und auch nicht die politische Meinung der Siedlerbewegung vertraten – teils sogar dagegen waren – seien nach 1967 durch das gemeinsame, übergeordnete Ziel, den israelischen Staat so "jüdisch" wie nur möglich zu formen, zu Verbündeten geworden.

Ingber erklärte: "Die Mehrheit der israelischen Gesellschaft ist davon überzeugt, dass dieses Land von Gott gegeben ist und sie als Juden das Recht haben, sich überall anzusiedeln." Aufgrund gemeinsamer Vergangenheitserfahrungen, einer damit einhergehenden Gefühlslage aus Angst und Macht, finde die Ideologie der nationalreligiösen Siedlerbewegung also Anklang in der Gesellschaft und beeinflusse diese. "Wir haben es nicht mit einer Bewegung zu tun, die losgelöst von der Mehrheitsgesellschaft existiert", betonte Ingber nochmals zum Schluss.



Referent: Dr. Michael Ingber, Akademie für politische Bildung Tutzing


Event series

Mapping Memories

Mapping Memories is an event series focusing on commemorative culture in Eastern Europe and beyond. Current events include conferences, summer schools and practical workshops.

Mehr lesen

Fachkonferenz

Konferenz zur Holocaustforschung

Die Internationalen Konferenzen zur Holocaustforschung dienen dem Austausch zwischen wissenschaftlicher Forschung und der Praxis politischer Bildung. Sie entstehen aus einer Kooperation der Bundeszentrale für politische Bildung/bpb und Partnern aus der Wissenschaft.

Mehr lesen

TiT-Veranstaltungsreihe

Themenzeit im Themenraum

Themenzeiten: Kompakte Informationsmodule und anregende Diskussionen mit männl. und weibl. Experten zu Themen der politischen Bildung.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

Checkpoint bpb – Die Montagsgespräche

Alle zwei Monate montags diskutiert der Checkpoint aktuelle Fragestellungen aus Politik, Gesellschaft und Forschung – anspruchsvoll, unterhaltsam und gerne auch kontrovers.

Mehr lesen

Veranstaltungsreihe

What's up, America? – Perspectives on the United States and Transatlantic Relations

Mehr als die Hälfte der Europäer steht TTIP positiv gegenüber – in Deutschland und zwei weiteren Ländern jedoch ist die Ablehnung innerhalb der Bevölkerung groß. Anhand dieses Fallbeispiels beschäftigt sich die Podiumsdiskussion mit der Frage, wieso wirtschaftliche Fragen auf beiden Seiten des Atlantiks und auch innereuropäisch auf so unterschiedliche Art und Weise diskutiert werden.

Mehr lesen

Blog zur Fachkonferenz

Medienkompetenz 2014

Zielsetzung der Fachkonferenz Medienkompetenz 2014 ist es, theoretische und praktische Konzepte angesichts aktueller digitaler Umbrüche und vor dem Hintergrund bestehender Modelle der Medienkompetenz zu diskutieren und weiterzuentwickeln.

Mehr lesen