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Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

27.1.2017 | Von:
Lars Meierwisch

Hindu Nationalism – Let’s understand it

Im Vertiefungsmodul wurde die Geschichte des Fundamentalismus in Indien besprochen. Hindu-Nationalismus und Hindu-Fundamentalismus sind dabei eng miteinander verwoben – und tief in der indischen Gesellschaft verwurzelt.

Gajendran Ayyathurai führte durch das Modul zu hinduistischem Fundamentalismus.Gajendran Ayyathurai führte durch das Modul zu hinduistischem Fundamentalismus. (© bpb/Tobias Vollmer)

Erst seit Kurzem lebt Gajendran Ayyathurai in Deutschland. In der Zwischenzeit hat er sich aber bereits daran gewöhnt, in erstaunte Gesichter zu blicken, wenn er von "hinduistischem Fundamentalismus" spricht. Für viele scheint das ein Gegensatz zu sein – Hinduismus sei schließlich eine Religion des Friedens. Dass Hinduismus aber durchaus – so wie alle Weltreligionen – instrumentalisiert werden kann und wird, zeigte er in seinem Vertiefungsmodul.

In einem ersten Schritt erarbeitete der Wissenschaftler Arbeitsdefinitionen von Religion und Fundamentalismus. Religion brauche Gott, Rituale und Erlösung. Religiöser Fundamentalismus gehe davon aus, dass nur die in der eigenen Religion vorkommenden Grundsätze wahrhaft und akzeptierbar seien. "‚Meine Götter, meine Rituale sind die einzig richtigen‘ – Aussagen wie diese sind sehr konservativ, vielleicht bereits fundamentalistisch", so Ayyathurai. Besonders auffällig sei jedoch das Schwarz-Weiß-Denken: "‚Unsere ist die beste Religion, Eure ist die schlechteste‘ – dieses binäre Denken ist ein essentieller Part im religiösen Fundamentalismus."

Religiöser Fundamentalismus in Indien

Die Geschichte des religiösen Fundamentalismus in Indien reicht lange zurück. Ayyathurai macht den Beginn bereits am Aufkommen des Buddhismus im sechsten Jahrhundert vor Christus fest: "Noch in der spätvedischen Phase gab es erste Konflikte zwischen Buddhisten und Brahmanen, die durch binäres Denken geprägt waren." Interreligiöse Konflikte wurden mit dem Aufkommen weiterer Religionen häufiger. Bereits seit dem ersten Jahrhundert ist das Christentum in Indien verbreitet; der Islam hielt im 7. Jahrhundert Einzug. "Indien als hinduistisches Land zu verstehen wäre falsch – Indiens Geschichte ist die Geschichte vieler Religionen."

Doch mit derzeit rund 80 Prozent ist der Hinduismus durchaus die einflussreichste Religion des Landes. Und dies zieht eine Besonderheit nach sich: den Einfluss des Kastensystems. "Wenn sich aus der Einteilung der Menschen in Rassen Rassismus ergibt, ergibt sich aus der Einteilung der Menschen in Kasten ‚Kastismus‘", so Ayyathurai. Kastismus bilde einen überaus fruchtbaren Nährboden für fundamentalistisches Denken. "Bereits mit der Geburt steht fest, dass Menschen über oder unter mir stehen. Binäres Denken, Diskriminierung und Überlegenheitsgefühle sind dem System in Indien also inhärent." Dazu kommt die schlechte Stellung der Frauen im traditionell patriarchalisch geprägten Land. Ayyathurai: "Wir können feststellen, dass hinduistischer Fundamentalismus vor allem etwas für hinduistische Männer ist."

Die Geschichte des modernen Hindu-Nationalismus

In der Moderne wurden diese Voraussetzungen bereits häufiger instrumentalisiert und politisiert. 1875 gründete Mula Shankara die Arya Samaj (deutsch: Gemeinde der Arier). Diese gilt als die erste moderne Bewegung des Hindu-Fundamentalismus. Vinayak Damodar Savarkar entwickelte 1923 die Hindutva, nach der Indien allein nach hinduistischen Regeln ausgerichtet werden soll. Hindu-Fundamentalismus wurde so zu Hindu-Nationalismus. Die drei grundlegenden Prinzipien: gemeinsamer heiliger Boden, gemeinsame Abstammung, gemeinsame Kultur.

Auf diesen Prinzipien wurde 1925 der radikal-hinduistische RSS (Rashtriya Swayamsevak Sangh) gegründet. Besonders dessen zweiter Anführer, Madhav Sadashiv Golwalkar, verdeutlichte die politische Ausrichtung: In seinen Werken glorifizierte er wiederholt Adolf Hitler und den Nationalsozialismus. Heute gilt der RSS als der größte Freiwilligenkorps der Welt. Aus ihm entstand 1980 die hindu-nationalistische BJP (Bharatiya Janata Party), die Partei des amtierenden Premierministers Narendra Modis. Sie ist weltweit die mitgliederstärkste politische Partei.

"Leider gilt heute in Indien: Hindu-Fundamentalismus und Hindu-Nationalismus bringen politische Macht", resümmiert Ayyathurai. "Zu seinen ärgsten Gegnern gehören der Islam, das Christentum und der Kommunismus." Alle drei Bewegungen, ob religiös oder politisch, bieten den unteren Kasten etwas an, was der Hinduismus nicht kann: Anerkennung. Über Partei- und Organisationsgrenzen hinweg ist es in den letzten Jahren zu einer Häufung an hindu-fundamentalistisch motivierten Gewalttaten gegen diese Gruppen gekommen.

Hindu-Fundamentalismus im Video

Zum Abschluss präsentierte Gajendran Ayyathurai einen Dokumentarfilm von Mandakini Gahlot. In "People and Power – India’s Hindu Fundamentalists” werden die jüngsten Gewalttaten von hindu-fundamentalistischen Gruppen, die Arbeit des RSS sowie dessen Einfluss auf die Regierungspartei besonders deutlich. Der Film ist bei YouTube abrufbar.



Referent: Dr. Gajendran Ayyathurai, Centre for Modern Indian Studies, Universität Göttingen


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