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Höhere Gewalt - Fundamentalismus und Demokratie

27.1.2017 | Von:
Jana Kärgel

Buddhistischer Fundamentalismus? Buddhistischer Fundamentalismus!

Wer an Buddhismus denkt, denkt an Buddha, an Frieden und Toleranz, an Meditation und Ruhe. Fundamentalismus oder gar Gewalt sind dieser gängigen Vorstellung hingegen meist fremd. Dagmar Hellmann-Rajanayagam zeigte in diesem Vertiefungsmodul, dass fundamentalistische Strömungen und Gewaltanwendung auch zu dieser Weltreligion dazugehörten und noch immer gehören.

Auch im gemeinhin für "durch und durch friedfertig" gehaltenen Buddhismus gibt es fundamentalistisches Denken. Dagmar Hellmann-Rajanayagam von der Ludwig-Maximilians-Universität München über Fundamentalismus im Buddhismus.Auch im gemeinhin für "durch und durch friedfertig" gehaltenen Buddhismus gibt es fundamentalistisches Denken. Dagmar Hellmann-Rajanayagam von der Ludwig-Maximilians-Universität München über Fundamentalismus im Buddhismus. (© bpb/Tobias Vollmer)

Samsara…karma…nirwana?! Für die Teilnehmenden des Vertiefungsmoduls "Buddhistischer Fundamentalismus" galt es zunächst, die Grundprinzipien und zentralen Begriffe des Buddhismus kennenzulernen, bevor gemeinsam über fundamentalistische Strukturen diskutiert werden konnte. Auch die häufig etwas klischeebehafteten Vorstellungen vom "durch und durch friedfertigen Buddhismus" sollten die Teilnehmenden deshalb für einen Moment hintenanstellen.

Die Grundlagen des Buddhismus

Als zentral gilt laut Hellmann-Rajanayagam die Grundannahme, dass im Buddhismus alles mit allem zu tun hat und zu verbunden sein scheint. Begreifbar wird dies anhand der "Vier Edlen Wahrheiten" des Buddhismus: 1. Dukkha – Leben ist Leiden; 2. die Ursache des Leidens ist das Anhaften, also das Verharren in bestimmten Gemütszuständen, sei es Freude, Liebe oder Trauer; 3. dieses Leiden kann beendet werden durch die Lösung von Bindungen (die wiederum ursächlich für das Anhaften sind); der Weg dorthin führt schließlich über die 4. Wahrheit: Meditation und Erkenntnis (buddhi).

Alles Anhaften und Verharren hat stets (negative) Konsequenzen und produziert auf diese Weise karma. Karma erschwert damit den Ausstieg aus dem samsara, dem immerwährenden Zyklus der Existenz (des Werdens und des Vergehens), und verstellt damit den Weg ins nirwana (der endgültige Austritt aus dem samsara durch Erwachen und weg von den falschen Vorstellungen des eigenen Daseins). Das karma muss deshalb soweit wie möglich abgebaut werden.

Für die Teilnehmenden des Vertiefungsmoduls brachte es Hellmann-Rajanayagam auf die griffige Formel: Ziel des Buddhismus sei es, sich von den Bindungen (Anhaften) an das Leben und damit vom Leiden zu befreien und das Individuum zugunsten einer höheren Idee der Erlösung (nirwana) in den Hintergrund treten zu lassen.

Die Frage der Gewalt im Buddhismus

Grundsätzlich gilt, dass die Anwendung von Gewalt und das Führen von Kriegen karma produzieren – selbst wenn sie im Namen einer vermeintlich guten Sache erfolgen. Gleichzeitig gelten Gewalt und Krieg als "natürliche Bestandteile" des Lebens – Buddha ruft deshalb auch nicht zur Gewaltlosigkeit auf, sondern erinnert nur daran, dass jeder mit den Konsequenzen (der Fülle des produzierten karmas) leben muss.

Und dennoch gab es auch im Buddhismus schon früh die Idee "gerechter Kriege", also Kriege zum Schutz der buddhistischen Religion – eine Idee, die sich verstärkt durchsetzte, nachdem der Hinduismus den Buddhismus in Indien verdrängte und Buddhisten zu der Erkenntnis gelangten, dass ihre Religion aussterben würde, wenn sie sich immer wieder gewaltlos ergäben. Die Gewaltlosigkeit, mit der man den Buddhismus im "Westen" oftmals assoziiert, gilt deshalb gerade unter seinen Anhängern weitgehend als Mythos.

Fundamentalismus im Buddhismus – Beispiele aus Sri Lanka und Myanmar

So war es denn auch nicht verwunderlich, dass die Zeit des Kolonialismus in Sri Lanka und Myanmar dazu führte, dass sich die Anhänger des Buddhismus mit allen Mitteln – auch mit Gewalt – gegen äußere (z.B. koloniale Herrscher und fremde Religionen, bzw. Missionare) und innere nicht-religiöse Einflüsse wehrten, um die Reinheit ihrer Religion zu erhalten. Gleichzeitig bedeutete die Bewahrung des reinen, ursprünglichen Buddhismus (des Fundaments der Religion) und die Ausgrenzung des "Fremden", dass all jene kategorisch ausgeschlossen wurden, die diesem Bild nicht entsprachen. Religion diente dadurch mehr und mehr zur Markierung ethnischer Identität ("wir" gegen die "Fremden") und der Buddhismus nahm zunehmend fundamentalistische Tendenzen an.

Diese Entwicklung setzte sich auch in politischen Aktivitäten fort. Dr. Hellmann Rajanayagam sprach hier von einer zunehmenden Religionisierung der Politik. Erkennbar war diese Tendenz beispielsweise in Sri Lanka, wo 1956 infolge der Unabhängigkeit vom britischen Empire fortan "Sinhala only" (Singhalesisch ist die Sprache der größten Bevölkerungsgruppe Sri Lankas) gesetzlich festgeschrieben wurde. Dieser Schritt führte zur systematischen Diskriminierung der Tamilen in Sri Lanka; heftige Unruhen waren die Folge. Wie auch das damalige Burma, wo der Buddhismus 1960 zur Staatsreligion erklärt wurde, hatte auch Sri Lanka insbesondere in den ersten Jahren seiner Unabhängigkeit große wirtschaftliche Probleme. Für die stagnierende Entwicklung und den ausbleibenden Wohlstand wurden in beiden Ländern unter dem Deckmantel des Buddhismus die Minderheiten verantwortlich gemacht: Christen, Muslime und andere Minderheiten seien auf diese Weise systematisch ausgegrenzt und diskriminiert worden, erklärte die Wissenschaftlerin.

Der Verweis auf den Schutz des Buddhismus war auch ein zentrales Rechtfertigungsnarrativ im Bürgerkrieg gegen die Tamilen und die als terroristisch eingestuften Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) in Sri Lanka, die für einen unabhängigen Tamilenstaat im Norden der Insel kämpften. Deutlich wurde dies beispielsweise in einem Interview, das Dr. Hellmann-Rajanayagam noch vor Ende des Bürgerkrieges 2009 mit einem sri-lankischen Mönch führte: "What can we do? The LTTE will kill us and destroy Buddhism. So we have to kill them first when they are still children. What choice do we have?".

Auch im heutigen Myanmar ist diese Religionisierung der Politik und der Missbrauch des Buddhismus zu politischen Zwecken weiterhin zu beobachten. Als "Gesetze zum Schutz der Ethnie und Religion in Myanmar" deklariert, werden beispielsweise Polygamie und "Mischehen" verboten, die Anzahl der Kinder, die Frauen bekommen dürfen, reguliert oder Konversionen "geregelt" – zwar sind diese Gesetze allgemein für alle Bewohner Myanmars gültig; es ist jedoch offensichtlich, dass damit insbesondere die muslimische Minderheit der Rohingya im Norden des Landes diskriminiert werden soll. In beiden Ländern gibt es überdies explizit buddhistische fundamentalistische Organisationen (z.B. Bodu Bala Sena (BBS) in Sri Lanka und Ma Ba Tha in Myanmar), die den Buddhismus mit einer nationalistischen Agenda verknüpfen. Auch die sri-lankische, von Mönchen gegründete Partei Jathika Hela Urumaya (JHU), die "Partei des nationalen Erbes", von der sich die radikalere BBS später abspaltete, oder die nationalistisch-islamfeindliche 969-Bewegung in Myanmar spiegeln diese Tendenz zur Religionisierung der Politik wider.

Die Entwicklungen in beiden Ländern machen deutlich, dass Religion und damit schlussendlich der Buddhismus mehr und mehr auch zur ethnischen Markierung genutzt wird, dass sich eine Ethnisierung der Religion vollzogen hat und dass die Frage der Religionszugehörigkeit zunehmend mit Identitätsfragen verknüpft wird, um systematisch bestimmte Bevölkerungsgruppen auszugrenzen.



Referentin: Dr. Dagmar Hellmann-Rajanayagam, Ludwig-Maximilians-Universität München


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