Rolltreppe

8.3.2018

Arbeitsgruppenphase 1

Workshop 1: Politische Bildung als Prävention

Die Politologin Mirjam Gläser leitete den Workshop "Politische Bildung als Prävention" mit der Vorstellung des Berliner Vereins ufuq.de ein. Dort wird ein primärer Präventionsansatz vertreten, der mit Jugendlichen zu Fragen von Religion und Alltag, Identität und Zugehörigkeiten arbeitet. Gleichzeitig gibt es das Angebot für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren, sich zu den Themen Islam, Islamismus und antimuslimischem Rassismus fortzubilden. Ausgangspunkt ist, dass nicht nur die Religion des Islam, sondern auch rassistische Diskurse über Muslime als Themenfelder der politischen Bildung mehr Anerkennung finden müssten – denn gerade Diskriminierungserfahrungen von Jugendlichen haben sich als radikalisierender Faktor erwiesen. Es gelte Jugendliche zu "empowern", an der Gesellschaft teilhaben zu lassen.

Fadl Speck von "Dialog macht Schule" sprach über das Demokratiebildungsprogramm und konstatierte ein grundlegendes Problem politischer Bildung: Während politische Bildnerinnen und Bildner durch den Beutelsbacher Konsens an das Überwältigungsverbot gebunden sind, müssen dennoch grundlegende Werte einer pluralistischen, liberalen Demokratie vertreten werden – ohne dies den Jugendlichen "überzustülpen". Dafür müsse Schülerinnen und Schüler – gerade mit niedrigeren Bildungschancen – demokratische Handlungs- und Urteilsfähigkeit vermittelt und ihre Persönlichkeitsentwicklung gestärkt werden.

Es wurde diskutiert, wie eine Debatte um gemeinsame Normen und Werte gelingen kann, ohne einzelne Schülerinnen und Schülern zu stigmatisieren – auch und gerade wenn menschenverachtende Aussagen fallen. Stattdessen sollten demokratische Werte und deren Grenzen thematisiert werden. Zielführend sei ein lebensweltorientierter Dialog ohne dichotomisierende Diskurse über "wir und ihr". Abschließend wurde der Präventionsbegriff problematisiert.. Hier bestehe die Gefahr, dass sich die Zuschreibung bspw. junger Muslime als Problemkategorie verfestige.

Workshop 2: Prävention und Beratungsstellen

Thyra-Valeska von dem Bussche vom Christlichen Jugenddorfwerk Deutschlands Nord in Neubrandenburg und Andrea Dänzer von der Türkischen Gemeinde in Schleswig-Holstein stellten zu Beginn des Workshops die Präventionsarbeit in ihren Einrichtungen vor. Ute Schmidt von der Landeszentrale für politische Bildung Mecklenburg-Vorpommern erläuterte, dass man die vorhandenen Strukturen im Land der Migrations- und Jugendarbeit sowie der Zivilgesellschaft für die religiös begründete Radikalisierungsprävention nutzen möchte. Dafür sei aber die Erweiterung von spezifischem Wissen notwendig. Zudem sei das landesweite Beratungsnetzwerk Demokratie und Toleranz dafür gut, dass die Akteure untereinander verbunden sind und auch bei schwierigen Fällen Hilfe finden. Der Workshop machte deutlich, dass die flächendeckende Radikalisierungsprävention für religiösen Extremismus in Mecklenburg-Vorpommern sich zurzeit im Aufbau befindet, jedoch von tatkräftigen und motivierten Personal vorangetrieben wird.

Workshop 3: Genderreflektierte Radikalisierungsprävention im Bereich des religiös begründeten Extremismus

Gleich zu Beginn des Workshops wurde deutlich, dass das Phänomen der weiblichen Islamistinnen in der Arbeit der Teilnehmenden einen mehrheitlich blinden Fleck darstellt. Diesen Punkt griff Silke Baer, die pädagogisch-wissenschaftliche Leiterin von "Cultures Interactive e.V." gleich auf und demonstrierte anhand von aktuellen Zahlen die Ausmaße des Phänomens: Von 950 Ausreisenden handle es sich bei 20 Prozent um weibliche Anhänger islamistischer Ideologien. Gerade jene von ihnen, die nach Deutschland zurückkehrten, möglicherweise mit eigenen Familien, stellten eine große Herausforderung für die Präventionsarbeit dar. Auch der Verfassungsschutz warne vor einem "globalen Cyberkalifat", der von geschlechterspezifischen Rekrutierungsmethoden Gebrauch macht.

Dass weibliche Anhänger extremistischer Ideologien aber in den seltensten Fällen als eine derartige Herausforderung wahrgenommen würden, liege daran, dass sie sich in anderen, eher unauffälligeren Räumen der islamistischen Organisationen aufhielten. Sie würden meist als Übersetzerinnen, Autorinnen oder Bloggerinnen in der Rekrutierungsarbeit eingesetzt oder auch als "Religionskriegerinnen im Klassenraum", die sich für den "wahren Islam" einsetzen.

Die Hinwendungsmotive dieser weiblichen Anhänger könnten vielfältig sein und häufig auf die in der Gruppe typischen Geschlechterrollen zurückgeführt werden. Gerade dann, wenn es sich um Frauen und Mädchen aus Familien handle, in denen Religion auf einem strengen Regelwerk mit geringer "spiritueller Unterfütterung" basiert und keine Gleichberechtigung gelebt wird, würden islamistische Organisationen eine Lösung für das "Anspruchs-Dilemma" zwischen Gesellschaft und Familie bieten.: Ordnung und persönliches Empowerment. Um dem entgegenzuwirken seien die Wahrnehmung und die Aufnahme genderspezifischer Motive in der Präventionsarbeit essentiell. Ebenso notwendig sei es, Raum für mehr Angebote zu schaffen, die junge Frauen mit Distanzierungsbedarf sowie Kinder und Jugendliche aus hochideologisierten Familien unterstützen.

Workshop 4 Übertragungsmöglichkeiten Rechtsextremismus- und Salafismusprävention

Dr. Volker Haase ist Berater in einem Ausstiegsangebot. Er berichtete zu Beginn des Workshops über seine Erfahrungen in der praktischen Arbeit und referierte über Einstiegs- und Ausstiegsfaktoren in die bzw. aus der extremen Rechten sowie in den und aus dem Salafismus. Beispielsweise sei das Verhältnis zu den Eltern sehr unterschiedlich: Bei radikalisierten Jugendlichen, die sich dem Salafismus zugewandt hätten, würde man oft feststellen, dass der Kontakt zu den Eltern abgebrochen würde. Das sei bei radikalisierten Jugendlichen in der extremen Rechten nicht der Fall. Ähnlich sei hingegen die Bedeutung des persönlichen Leidensdrucks: Erst wenn dieser sich erhöhe, würden Veränderungen einsetzen. Aus solchen Ähnlichkeiten und Unterschieden ließen sich gemeinsame Präventionsansätze ableiten, erklärte Dr. Haase.

Heike Habeck, Studienleiterin für Demokratiebildung im Regionalzentrum für demokratische Kultur der Evangelischen Akademie der Nordkirche, erinnerte anschließend an die Bedeutung der Sozialisation: "Das machen wir alle, wir geben Normen weiter". Daher sei es von großer Bedeutung die Kinder von radikalisierten Eltern als Gesellschaft zu stützen: Dies könne vor allem dadurch gelingen, Kindern eine positive Selbstwahrnehmung und Konfliktstärke beizubringen und die Fähigkeit zur Selbsterkenntnis zu lehren. Daher seien die Kindertagesstätten als Ort von Prävention so bedeutsam. Diese Kinder zu erreichen sei allerdings sehr schwierig. Familien in der extremen Rechten seien eine hermetisch geschlossene Welt und auch Daten zu Kindern von Salafisten seien nur in geringem Maße vorhanden. Habeck erinnerte in diesem Zusammenhang an die entscheidende Gemeinsamkeit "beider Welten": nämlich die Ablehnung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung.

Die Sozialarbeiterin Mehlike Eren-Wassel vom Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit Bremen stellte schließlich ihre Arbeit und den Ansatz ihres Vereins vor: Akzeptanz sei hier ein konzeptioneller Ansatz, auch Extreme müssten in der Sozial- und Jugendarbeit akzeptiert werden, um das Vertrauen der jeweiligen Personen gewinnen zu können. Das dürfe nicht bedeuten, dass keine Grenzen aufgezeigt würden, aber die Beziehung würde auch bei Fehlverhalten nicht abgebrochen: “Man redet miteinander, begegnet sich auf Augenhöhe und mit Respekt.“


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