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Rolltreppe

8.3.2018

Arbeitsgruppenphase 2

Workshop 1: Schulen im Fokus der Prävention

Jens Landt vom Institut für Qualitätsentwicklung Mecklenburg-Vorpommern berichtete über die Aus- und Fortbildung von Lehrkräften in seinem Institut. Unter anderem würden Fortbildungen für Sprachentwicklung und interkulturelle Bildung angeboten, auf regionaler Ebene auch spezifische Bildungsangebote für die Unterrichtsgestaltung über den Islam.

Ada Quade, Leiterin der Abteilung Migration im Bildungsministerium Mecklenburg-Vorpommern erwähnte, dass es in ihrem Land noch keine Vorfälle mit Salafisten an Schulen gegeben habe. Gleichwohl versuche man derzeit ein flächendeckendes Netzwerk zur Beratung an Schulen sowie einen Leitfaden für interkulturelle Bildung aufzubauen. Zudem arbeite das Ministerium mit der Landeszentrale für politische Bildung eng zusammen: Zwei Mitarbeiter würden junge Geflüchtete an beruflichen Schulen zu Werten schulen und grundlegendes Wissen über Staat und Ausbildung vermitteln. Zügig konnten positive Entwicklungen bei den Schülerinnen und Schülern beobachtet werden.

Lisa Kiefer von der Aktion Gemeinwesen und Beratung e.V. stellte am Ende des Workshops das Clearingverfahren ihrer Institution vor: Insgesamt sechs Schulen werden von pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern betreut. Ziel sei es, in den Schulen eine Umgebung zu schaffen, in der schon frühzeitige Anzeichen für rechtsextremistische oder salafistische Radikalisierung von Schülerinnen und Schülern erkannt werden können. Durch ein strukturiertes Verfahren solle dann zuerst erläutert werden, ob sich die Schülerin oder der Schüler überhaupt radikalisiert habe. Wenn ja, würde die betreffende Person durch viele Gespräche und mit Hilfe weiterer präventiver Methoden intensiv betreut. Ein Fallbeispiel verdeutlichte, dass dieses Vorgehen auch voreilige Maßnahmen verhindern kann. Abschließend betonte Kiefer die Notwendigkeit, alle Lehrkräfte in die Präventionsarbeit einzubinden und sie hier fortzubilden.

Workshop 2: Islamistische Propaganda im Netz

Ingrid Hofmann von jugendschutz.net startete den Workshop mit einem Einblick in ihre Arbeit. Sie betonte die zentrale Bedeutung von sozialen Medien, bereits im jüngsten Alter. Islamisten würden sich das zu Nutze machen: die Ersteller und Verbreiter von islamistischer Propaganda im Netz seien zwar oft selber noch sehr jung, technisch aber sehr versiert.

Den Messenger Telegram hob Hoffmann in ihren Ausführungen hervor, er habe Facebook und Youtube als wichtige Plattform islamistischer Propaganda mittlerweile abgelöst und sei vor allem im Umfeld der Rekrutierung sehr beliebt.

Manjana Sold, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Institut Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung Frankfurt am Main, erinnerte daran, dass Radikalisierung heute ein Zusammenspiel von online und offline sei und berichtete über ihre Forschung. Beobachtungsobjekt seien primär Facebook und Telegram. Und ähnlich den Beobachtungen von Ingrid Hofmann beschrieb auch sie die zur Propaganda eingesetzten Inhalte als äußert vielfältig - von auf den ersten Blick unpolitischen "Katzenfotos" über Bilder des Koran, bis hin zu Fotografien von Ermordungen und abgetrennten Köpfen.

Zwei Videos als Beispiele islamistischer Propaganda zeigten die Referentinnen den Teilnehmenden im Anschluss an ihre Vorträge: Das erste Video zeigte einen "Nasheed", also einen mit Bildern unterlegten Sprechgesang, der sowohl inhaltlich als auch in drastischen Bildern den Dschihad, bzw. den Kampf des Islamischen Staates verherrlichte. Das andere Video war gänzlich anderer Art und als Erklärvideo im "Sendung mit der Maus-Stil" aufgemacht, wie ein Teilnehmer es später beschrieb. In diesem Video wurde eine angebliche Verfolgung von Muslimen im Deutschland mit den Anfängen des Holocaust gleichgesetzt. Die Teilnehmenden diskutierten anschließend die unterschiedliche Wirkungsweise der Propaganda und bestätigten den Eindruck, dass das zweite Video das deutlich subtilere und damit auch gefährlichere sei. Ingrid Hofmann erklärte dazu, hierin läge eine der Schwierigkeiten ihrer Arbeit: Als sie das Video zum ersten Mal gesehen habe, hätten bei ihr "alle Alarmglocken geläutet". Die Aussagen im Video seien hochproblematisch, die versuchte Indoktrination offensichtlich. Rechtlich habe sie da aber keine Chance: "Auch beim Jugendschutz müssen wir die Meinungsfreiheit, die Religionsfreiheit und die Berichterstattungsfreiheit in alle Entscheidungen miteinbeziehen."

Workshop 3: Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge – Radikalisierung als Herausforderung für die Jugendhilfe

Die Teilnehmenden erhielten während des Workshops Einblicke in die Praxisarbeit mit mutmaßlich radikalisierten unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen. Alexey Manevich stellte die "Beratungsstelle Radikalisierung" des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge vor: An diese können sich Bürgerinnen und Bürger wenden, die bei jungen Menschen eine Radikalisierung vermuten. Nach einer Erstberatung würden die Fälle bei Bedarf an zivilgesellschaftliche Kooperationspartner weitervermittelt werden.

Einer dieser Partner ist André Taubert. Er leitet Legato, eine Fach- und Beratungsstelle für religiös begründete Radikalisierung in Hamburg. Taubert erklärte, seiner Arbeit eine besondere Definition von Radikalisierung zugrunde zu legen: "Sie ist immer eine Brücke über eine persönliche Krise." Entsprechend helfe es nicht, nur gegen die Radikalisierung zu arbeiten, sondern es müssten stets andere Auswege aus der Krise gefunden werden. "Wir analysieren systemisch das soziale Umfeld, die Biografie und die Persönlichkeit – dabei suchen wir Schlüsselklienten, die den besten Draht zu ihnen haben." Diese Schlüsselklienten würden dann dahingehend beraten, wie sie mit der radikalisierten Person arbeiten können, um ihr bestmöglich zu helfen.

Manevich und Taubert waren sich einig: Die Radikalisierungsprozesse von unbegleiteten minderjährigen Flüchtlingen liefen viel komplizierter, individueller und vielschichtiger ab, als bei im Inland sozialisierten Jugendlichen. Ihr Vertrauen zu gewinnen sei daher umso wichtiger. Ein Gefühl für die Arbeit konnten die Teilnehmenden im Praxisteil gewinnen: Die Analyse eines fiktiven Fallbeispiels.

Workshop 4: Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden

Zu Beginn des Workshops "Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden" betonte Michael Ebert, Leiter der Polizeiinspektion Rostock, die Bedeutung von Kommunikation und Zusammenarbeit: Das Verständnis von Extremismus und Sicherheit habe sich gewandelt und würde nicht ausschließlich als Domäne der Sicherheitsbehörden wahrgenommen. Stattdessen beschäftigten sich Netzwerke aus Polizei, Verwaltung und Zivilgesellschaft damit. Dies funktioniere in Rostock gut, weil ein vertrauensvoller Dialog gepflegt werde.

Auch Imam-Jonas Dogesch vom Netzwerk der Migrantenorganisationen in Mecklenburg-Vorpommern sagte, dass man vor allem bei gewaltbereiten Personen in Kontakt mit den Sicherheitsbehörden treten müsse. Die Voraussetzung hierfür sei, dass den betreffenden staatlichen Stellen vertraut werden könne. Für jeden Fall neu geklärt werden müsse dabei, wo die Grenzen der Sozialarbeit liegen und ab welchem Punkt die Polizei hinzugezogen werden muss. Thorsten Schörner, Mitarbeiter des Regionalzentrums für demokratische Kultur in Rostock, bestätigte, dass diese Frage auch immer schon in der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus gestellt worden sei.

Problematisiert wurde zudem, dass es vor allem für Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter kein Zeugnisverweigerungsrecht gebe. Dies gefährde im Falle von polizeilichen oder gerichtlichen Vorladungen jegliche Vertrauensvorschüsse von Jugendlichen. Abschließend wurde betont, dass sich in der Auseinandersetzung mit rechtsextremer Radikalisierung die Netzwerke der kommunalen Präventionsräte bewährt hätten: Diese lokalen Strukturen kooperieren sowohl mit der Polizei als eben auch mit Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern und mit der Zivilgesellschaft.


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