Perzeption – Partizipation – Politische Teilhabe Podium

26.6.2018 | Von:
Yuriy Krotov

Workshop 3: Zwischen Facebook und Odnoklassniki

Soziale Medien bestimmen zunehmend den Alltag aller Menschen. Was sind die Besonderheiten bei den russischen Pendants und ihrer Nutzung in Deutschland?

Panelteilnehmer und- teilnehmerinnen:

  • Jurij Sargelis, Socialmedia BVRE e.V., Köln
  • Tatiana Golova, ZOiS, Berlin
  • Tamina Kutscher, dekoder.org, Hamburg/Berlin
  • Tatjana Schmalz, LmDR, Berlin
Moderation: Felix Riefer, bpb, Bonn
Felix Riefer moderiert den Workshop 3 Zwischen Facebook und Odnoklassniki
Soziale Medien bestimmen zunehmend den Alltag
aller Menschen. Was sind die Besonderheiten bei
den russischen Pendants und ihrer Nutzung in
Deutschland?Felix Riefer moderiert den Workshop 3 Zwischen Facebook und Odnoklassniki Soziale Medien bestimmen zunehmend den Alltag aller Menschen. Was sind die Besonderheiten bei den russischen Pendants und ihrer Nutzung in Deutschland? (© Lars Welding)

Das geflügelte Wort "Ich weiß, dass ich nichts weiß" scheint vielleicht am besten den aktuellen Forschungsstand über die russischen Sozialen Medien zu beschreiben. Schon die Frage nach den Nutzerzahlen wurde im Workshop ganz unterschiedlich beantwortet. Vieles sei "wissenschaftlich sehr schwer zugänglich…" – so die Einschätzung der Referenten/innen des Workshops.

Am Anfang der Diskussion präsentiert Tamina Kutscher von dekoder.org die russischen Sozialen Netzwerke. Die wichtigste Plattform in diesem Bereich sei Vkontakte. Soziale Netzwerke seien generell im russischsprachigen Raum sehr beliebt: 47% der Bevölkerung hat laut einer Statistik von Statista einen aktiven Account auf sozialen Netzwerken. Allgemein liege Youtube ganz vorne, Vkontakte spiele aber eine wichtigere Rolle. Die Seite sei ziemlich ähnlich wie Facebook aufgebaut, und und sei deswegen so erfolgreich, weil es massenhaft illegalen Content gegeben habe: Filme, Musik etc. Dementsprechend gab es ziemlich viele Klagen von der Musikindustrie. Inzwischen sei es ein bisschen anders: es gebe noch illegale Filme, sie werden aber nicht mit ihren Originaltiteln benannt. Ein anderes kontroverses Thema sei der Datenschutz. Die Profile werden durch staatliche Institutionen ausgewertet. Vkontakte werde außerdem oft vorgeworfen, Pornografie, Hassreden und Rassismus zu verbreiten. Die Inhalte werden längst nicht so restriktiv, wie z.B. bei Facebook, geblockt. Vor zwei Jahren habe es vermehrt Berichte darüber gegeben, dass die deutschen Neonazi-Netzwerke von Facebook auf Vkontakte auswanderten, um ihre Inhalte dort leichter zu verbreiten.

Der Gründer von Vkontakte, Pavel Durov, habe Russland verlassen. Die Verflechtung von Politik und digitaler Kommunikation könne man an diesem Netzwerk gut sehen. Jetzt gehöre Vkontakte der Mail.ru-Group, die wiederum dem Kreml-nahen Oligarchen Alischer Usmanow gehöre. Im russischen Strafgesetzbuch gebe es den Extremismus-Paragraphen 280 und 282: Im Vkontakte werden extrem viele User verklagt, die angeblich terroristische Inhalte gepostet haben. Vkontakte sei deutlich weniger politisch als z.B. Facebook, weil es schneller Probleme geben könne. Da gebe es aber die sogenannten Channels, die sehr populär seien. Auf Telegram gebe es populäre Kanäle, die kritisch berichten, wie "НЕЗЫГАРЬ" ("Nesygar") Was die Blockierung angehe: vielen sei es ziemlich egal, weil sie VPN nutzen; sie reagieren schwarzhumorig darauf. Auf Youtube gebe es auch populäre Kanäle, wie beispielsweise der Kanal von Alexey Navalny, der 2 Millionen Abonnenten habe. Der populärste russische Youtube-Kanal sei aber "Get Movies" mit über 17,5 Millionen Abonnenten. Auf diesem Kanal werden hauptsächlich Filme geschaut. Auch in den weltweiten Rankings sei der Kanal innerhalb der Top 50.

Jurij Sargelis aus dem BVRE e.V. hat zusammen mit Alexey Kozlov ein Mapping gemacht, um zu untersuchen, wie die russischen Netzwerke in Deutschland benutzt werden. Die Ergebnisse lassen darauf schließen, dass es in Deutschland 2 Millionen russischsprachige Internetuser gibt. Das populärste Medium sei Odnoklassniki. Russischsprachige User in Deutschland nutzen die Seite zur Kommunikation mit ehemaligen Klassenkameraden, Freunden und Verwandten aus Russland. Sargelis nennt folgende Nutzerzahlen:

Odnoklassniki: über 1 Million.

Vkontakte: 300 bis 400 Tausend

Facebook: 200 bis 300 Tausend (russischsprachige Nutzer in Deutschland)

Es gebe Kanäle und Gruppen, wo politische Themen besprochen werden. Da unterscheide sich das Niveau der Diskussion sehr, denn auf Facebook seien unterschiedliche Meinungen zu finden. Diese seien im Odnoklassniki und im Vkontakte in eine Richtung gerichtet: pro-russische, kremltreue Medien seien da vertreten. Die größte Gruppe, die politische Inhalte verbreitet, sei der "Russen-Treff" – eine Gruppe im Facebook mit über 150 Tausend Follower. Diese Seite biete witzige Videos, Anekdoten und sonstige unterhaltsame Inhalte, die Leute anziehen. Jeder achte - bis zehnte Beitrag sei aber zum politischen Thema und da werde ziemlich harter Stoff angeboten: anti-westliche Propaganda, pro-Putin Propaganda etc. Die Frage, ob das gezielt so eingerichtet und manipuliert wird, oder von unten aus kommt, bleibe offen.

Die andere offene Frage sei: welche Rolle spielen diese Netzwerke bei der Meinungsbildung der russischsprachigen Bürgern in Deutschland? Laut Sargelis, kann ein Medium an sich die Menschen nicht umstimmen: d.h. ein Medium an sich kann keine meinungsbildende Rolle haben. Wenn diese Propaganda-Inhalte aber auf fruchtbaren Boden fallen, dann entwickeln sie ihre Wirkung. Dieser fruchtbare Boden sei bei vielen Einwanderern aus der ehemaligen Sowjetunion gegeben. Trotz des hochgelobten Internationalismus in der Sowjetunion, waren auf der Familien- oder Freundesebene immer fremdenfeindliche Meinungen gang und gäbe. Das seien sie immer noch in Russland. Die Beiträge seien von der Seite selbst kreiert. Man könne nicht nachvollziehen, woher die Seite selbst stammt, weil als Ursprungsseite irgendwelche orthodoxe Seiten angegeben werden.

Laut Tatjana Schmalz vom LmDR hat man im Internet die Möglichkeit gefunden, sich nicht mehr in einer geschlossenen Öffentlichkeit zu organisieren: jede Interessengruppe kann eine Gruppe gründen, oder sich irgendwem anschließen. Es sei ziemlich leicht sich in einer Seifenblase zu bewegen. Es gebe diverse Gruppen bei Facebook, bei Odnoklassniki die in ihrem Titel Deutsche aus Russland, Russlanddeutsche etc haben, da haben sich Gleichgesinnte zusammengeschlossen. Sie tauschen sich darüber aus, was in der Gruppe Konsens sei. Tatjana Schmalz sei Mitglied bei solchen Gruppen, um sie zu beobachten. Sie poste da aber nichts, sei aber fasziniert, was für krude Informationen da verbreitet werden. Wenn man in den Diskussionen bei diesen Gruppen widerspreche, beginne gleich ein Shitstorm. "Wie geht man denn damit um? – fragt Tatjana Schmalz. "Lässt man diese Trolle, oder vielleicht auch reale Persönlichkeiten, ihren Dampf ablassen?"

Tatjana sieht ein sehr großes Defizit in den Internetauftritten des LmDR: die Inhalte seien nicht aktuell gehalten, es werden keine Debatten generiert. Es werden einfach beliebige Inhalte geteilt, Informationen zugänglich gemacht, Fotos im Nachhinein gepostet. Man sträube sich auch gegen die Zweisprachigkeit, um nicht als ‚russisch’ abgestempelt zu werden.

"Wer sind überhaupt die Gruppen der russischsprachigen Migranten, was wissen wir über sie?" - mit dieser Frage beschäftigte sich Tatiana Golova aus dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien der FU Berlin Erstens, seien die lokalen diasporischen Gruppen bei Odnoklassniki sehr stark vertreten: Menschen, die aus einer kleinen Stadt kommen und weiter Kontakte mit Menschen, die von dort kommen, aber jetzt in Deutschland leben, oder auch mit den Menschen, die dort geblieben sind, pflegen. Das seien lokal gebundene translokale Gemeinschaften. Es gebe auch etliche lokale Gruppen, wie z.B. Gruppe "Hamburg”, oder Gruppe "München”, "Berlin”. Da gehe es um den Austausch von lokalen Informationen.

Politische Gruppen gebe es auch. Der Tagesdurchschnitt der Besucherzahl von Odnoklassniki lag im November 2017 bei circa 750 Tausend. Seitdem sei dieser allerdings sehr stark gefallen – aus bisher unbekannten Gründen – so Frau Golova. Bei Vkontakte seien auch die klassischen deutschen Rechten vertreten. Angefangen von dem Parteienspektrum, bis zu kleinen subkulturellen rechten Musikszene. Laut den Ergebnissen des Forschungsprojektes, sind bei Vkontakte zwei Parteien-Arten am stärksten vertreten: erstens, die Linke und zweitens, die AfD, die Einheit und die NPD. Es seien russische Rechte dabei, Antimaidan, viele alternative Medien: rechte, verschwörungstheoretische, Querfront usw wie z.B. Anonymous - Kollektiv, PI-News, Compact etc. In den postsowjetischen politischen Gruppen geht es thematisch sehr stark um die Ostukraine, um die sogenannte Donezker Volksrepublik, um Antimaidan etc. Außerdem gebe es postsowjetisch deutsche politische Gruppen, deutsche politische Gruppen, sowie verschiedene Brückengruppen.

Laut Tatiana Golova lassen sich die Troll-Accounts nicht wirklich identifizieren. Sie schließe auch nicht aus, dass in den Gruppen Bots unterwegs sind, das sei aber methodisch sehr schwierig zu belegen. Viele Visits können dadurch zustanden kommen, dass die Vkontakte-App durch Smartphone oder durch mobile Geräte mitlaufe und tagtäglich benutzt werde. Es gebe ein mobilisierendes Potenzial, sie sehe aber noch keine systematische politische Mobilisierung in Deutschland, die von den russischen sozialen Medien gesteuert werde.

Am Ende der Diskussion hat man mehr Fragen als vor dem Workshop. Ein Teilnehmer spricht von einer Logik des Chaos. Dennoch werden – wie der Workshop – gezeigt hat, ernsthafte Versuche gemacht, dieses komplexe und wichtige Forschungsgebiet weiter zu erschließen.


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