Perzeption – Partizipation – Politische Teilhabe Podium

26.6.2018 | Von:
Olga Kapustina

Workshop 4: Sowjetmensch? Sozialisiert in der Sowjetunion

Die Diktatur- und Lebenserfahrungen der sogenannten Erlebnisgeneration in den 1960/70/80ern.

Panelteilnehmer und- teilnehmerinnen:

  • Eleonora Hummel, Autorin, Dresden
  • Dr. Robert Kindler, Humboldt-Universität zu Berlin
  • Dr. Dr. h.c. Alfred Eisfeld, Arbeitskreis Göttingen
  • PD. Dr. Hans-Christian Petersen, Bundesinstitut für Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, Oldenburg
Moderation: Andreas Pankratz, bpb, Berlin

Workshop 4PD. Dr. Hans-Christian Petersen diskutiert beim Workshop 4 Sowjetmensch? Sozialisiert in der Sowjetunion Die Diktatur- und Lebenserfahrungen der sogenannten Erlebnisgeneration in den 1960/70/80ern. (© Lars Welding)

"Ich habe mich dem Sowjetmenschsein vom Kindesbein an verweigert. Ich wollte nicht mit dem System mitgehen, mich anpassen. Ich habe mich immer als Außenseiterin gefühlt, als Deutsche und Faschistin stigmatisiert", erzählte Schriftstellerin Eleonora Hummel (geb. 1970 in Kasachstan). Die knapp 30 Workshop-Teilnehmenden hörten gebannt zu. Zwar musste sie persönlich keine Deportation, politische Verfolgung oder Inhaftierung erleben. Aber ihre Familie wurde direkt davon betroffen. So wurde ihr Großvater 1937 mit 27 Jahren hingerichtet. Ihre Vergangenheit in der Sowjetunion ist für Hummel "eine schwere Bürde", die sie 1982 bei ihrer Umsiedlung nach Dresden mitnehmen musste.

Am Beispiel der Familie Hummel konnte man sehen, wie viel Leid den Deutschen in der UdSSR angetan wurde. Alfred Eisfeld zählte die wichtigsten Ereignisse auf: Enteignung, Abschaffung des bestehenden Bildungssystems, Auflösung der kirchlichen Institutionen, Deportationen in den Ural, nach Kasachstan und Westsibirien, Welle des großen Terrors 1937/38 und der anhaltende Druck bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion. Die Unterdrückung führte dazu, dass man "gesellschaftlich und politisch passiv sein musste, um zu überleben". "Natürlich wurden es Sowjetmenschen, es ging nicht anders", resümierte der Historiker.

Doch wer ist ein Sowjetmensch? Moderator Andreas Pankratz führte das folgende Zitat des russischen Soziologen Lev Gudkov an: "Er ist geprägt von den ideologischen Erwartungen, die an ihn herangetragen wurden, und der nahezu schrankenlosen Gewalt der totalen Institutionen des Staates. Auf die omnipräsenten Widersprüche zwischen der Realität und den offiziellen Normen reagierte er mit Anpassung und Doppeldenken." Robert Kindler stimmte der These von Gudkov, dass die Sowjetunion "einen besonderen anthropologischen Typus" hervorbrachte, zwar nicht zu. Jedoch kann man seiner Meinung nach von einer Prägung durch das System sprechen: "Russlanddeutsche in ihrer Mehrheit versuchten sich anzupassen, nicht aufzufallen, ein sowjetisches Leben zu führen. Das war eine rationale Entscheidung."

Hans-Christian Petersen stellte fest: "Neben der Unterdrückung war auch Alltag." Er führt oft Gespräche mit Russlanddeutschen. Eine Studentin erzählte ihm von ihrer russlanddeutschen Großmutter, die in einem usbekischen Dorf einen KGB-Offizier heiratete und "ein ganz normales Leben" führte. In den Büchern hatte sie darüber fast nichts gefunden und es käme ihr vor, als ob diese Menschen kein Leben gehabt hätten.

Petersen bemängelte, dass die Forschung sich bis jetzt kaum mit der Alltagsgeschichte der Russlanddeutschen im Zeitraum zwischen dem Ende des Stalinismus bis hin zu Perestrojka beschäftigte. Auf die Frage des Moderators, wie es zu diesem "blinden Fleck in der Historie der Deutschen in Russland" kommen konnte, hatten die Wissenschaftler mehrere Antworten. "Das Thema entspricht nicht dem gängigen Narrativ einer durchgehenden Unterdrückung", sagte Petersen. Eisfeld meinte, dass die Geschichte der Deportation zunächst viel wichtiger war, weil das ein Tabu-Thema in der Sowjetunion war. "Die Erfahrung der Unterdrückung war auch anschlussfähiger in Deutschland", fügte Kindler hinzu.

Die sowjetische Vergangenheit der Russlanddeutschen zu erklären, sie für die Bundesbürger zu übersetzen, würde seiner Meinung nach zum gegenseitigen Verständnis beitragen. Er appellierte an die Forscher, die Alltagsgeschichte in den Vordergrund zu stellen und die Einzelstudien zu diesem Thema zu systematisieren. Petersen plädierte dafür, dass russlanddeutsche Geschichtsschreibung sich öffnet: "Solange man sich als Sonderfall betrachtet, ist es schwierig, Anknüpfungspunkte zu finden."

"Was heißt die sowjetische Prägung im Hinblick auf die Rückkehr der Russlanddeutschen nach Deutschland?" wollte Pankratz wissen. Petersen formulierte vorsichtig: "Zu sagen, dass die Menschen mit der sowjetischen Erfahrung automatisch zu einem „autoritären angepassten Typus" werden, der die AFD wählt, wird der Vielfalt der Gruppe nicht gerecht." Kindler hielt die Schilderungen von Eleonora Hummel für einen hervorragenden Beleg dafür, dass die Erfahrung, in einer autoritären Gesellschaft gelebt zu haben, unterschiedliche Effekte haben kann.

Ihre Vergangenheit in der Sowjetunion prägte Hummel stark. Auch die kleinen positiven Erlebnisse wurden durch die Unfreiheit überlagert, die sie als Kind empfand. Jedoch sieht sie das inzwischen nicht nur als Last und Trauma, sondern auch als literarischen Stoff, aus dem man etwas erschaffen kann. Ihre Familiengeschichte verarbeitete sie in ihrem Debütroman "Die Fische von Berlin", der von Literaturkritikern sehr gelobt wurde.


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