Workshop auf der Veranstaltung Mit Gewalt ins Paradies: Teilnehmende sitzen im Kreis

9.10.2018

"Salafismus in Deutschland - Gegenwärtige Herausforderungen für die Prävention"

Vortrag von Dr. Michael Kiefer

In seinem Eröffnungsvortrag zeichnete Dr. Michael Kiefer, Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück und Experte für Radikalisierung, zunächst eine kleine Ideengeschichte der Prävention. Bereits im 18. Jahrhundert entstehe die Vorstellung, dass man gesellschaftliche Strukturen und die menschliche Gesundheit beispielsweise durch Zahnprophylaxe präventiv erhalten könne. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts dehnte sich jedoch die Prävention im Zuge gesellschaftlicher Individualisierung auf neue Bereiche aus: Ulrich Becks Konzept der "Risikogesellschaft" aus dem Jahr 1986 beschreibe ein modernes Sozialwesen, das im Zuge des selbsterklärten Forstschritts immer größere Risiken "managen" müsse, um sich selbst am Leben zu erhalten. Dies gipfele letztlich in einer "Gesellschaft der Angst", wie sie aktuell der Soziologe Heinz Bude beschreibt. Das dadurch gewachsene Spektrum der Prävention bezeichnete Kiefer als "Industrie": Alle Phasen des Lebens seien inzwischen präventiv durchreguliert: von Pränataldiagnostik über Elementarpädagogik bis hin zu Drogen-, Sucht- und Gewaltprävention. Alles folge dem Handlungsprinzip, dass man einer negativen Entwicklung mit Gegenmaßnahmen zuvorkommen müsse. Angesichts der Radikalisierungsprävention stelle sich aber erstmals die Frage, wogegen genau die Prävention gerichtet sei. Hier müsse man Grenzen ziehen, so Kiefer: Wo ist die Religion noch normal? Wo fängt das Problem an? Anschließend stellte Kiefer gegenwärtige Maßnahmen zu Radikalisierungsprävention vor. Diese reichten in Deutschland von Terrorismusabwehr und gezielten Interventionen durch Polizei und Nachrichtendienste bis zu integrativer Community Policy und vertrauensbildenden Maßnahmen der Sozialen Arbeit. Eine Übersicht biete hier die sogenannte Triade der Prävention, die primäre, sekundäre und tertiäre Prävention unterscheidet. Primäre Prävention sei offen und allgemein. Sie setze auf Persönlichkeitsentwicklung, Wissensvermittlung, Kompetenzentwicklung und Empowerment, sei allerdings von normaler pädagogischer Arbeit kaum zu unterscheiden. Sekundäre Prävention kenne bereits die Risikogruppe. Sie bestehe aus der Identifikation von Auffälligkeiten bzw. Anfälligkeiten bei einzelnen Personen und der präventiven Intervention im konkreten Sozialraum. Als Beispiel nannte Kiefer den Dinslakener Stadtteil Lohberg, wo innerhalb kurzer Zeit mehr als zehn Jugendliche nach Syrien ausreisten. Die tertiäre Prävention befasse sich mit bereits radikalen, extremistischen Jugendlichen. Hier gehe es um Distanzierung und eine Intervention zur Vermeidung von Gewalt. Deradikalisierung, Exit-Programme, Rehabilitation und Resozialisierung seien hier die Mittel der Wahl.

Nach der Skizzierung des theoretischen Gerüsts, wandte sich Kiefer der konkreten Situation in Deutschland zu. Aktuell sei in Bund, Ländern und Kommunen vielfach ein Nebeneinander von Präventionsprogrammen zu beobachten. An sich gebe es klare Zuständigkeiten, doch praktisch komme es dadurch oft zu einer Diffusion von Verantwortung, was Kiefer scharf kritisierte. Jugendamt, Polizei und Sozialarbeit würden sich teilweise Verantwortlichkeiten hin- und herschieben, statt zusammenzuarbeiten. Zudem rücke die Lebenswelt der Jugendlichen dadurch in den Hintergrund, bei der aber vor allem sekundäre und primäre Prävention ansetzen müssten. Grund dafür sei auch, dass der Markt zu wenig ausgebildete Beraterinnen und Berater hergebe. Dass inzwischen Islamwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ohne pädagogische Kenntnisse Jugendliche beraten würden, sei ein weiteres Beispiel für die Schwächen in Praxis. Gleichzeitig werde der öffentliche Diskurs immer mehr von Sicherheitsaspekten beherrscht, denn in vielen Bundesländern hätten die Sicherheitsbehörden mittlerweile die Steuerung der Prävention inne. Kiefer empfahl hier einen klaren Schnitt zwischen sicherheitsrelevanten und nicht sicherheitsrelevanten Fragen zu setzen, um die Vertraulichkeit der Beratungen zu gewährleisten. Sonst werde die Prävention durch die Dominanz von Polizei und Verfassungsschutz "versicherheitlicht". Andererseits sei aber ebenso wichtig, dass sich die Akteure der Prävention für die Evaluation durch die Wissenschaft öffneten. Gerade bei kleinen Trägern würde Evaluation oft kritisch gesehen, sie diene aber der inhaltlichen Weiterentwicklung. Als besondere Herausforderungen benannte Kiefer abschließend den Umgang mit Rückkehrerinnen, Rückkehrern und die Einbindung ihrer Familien, transgenerative Radikalisierung von Kindern sowie das Rekrutierungsfeld abgelehnter junger Asylbewerber. Weiterhin sinke das Alter für Radikalisierung immer weiter, als Beispiel nannte Kiefer Attentate in Ludwigshafen, Hannover und Essen. Hier müsse ein neuer Umgang gefunden werden.

In der folgenden Diskussion wurde vor allem der fehlende Transfer von Wissenschaft und Praxis moniert. "Science to action" müsse stärker ins Blickfeld rücken. Die praktische Zusammenarbeit der Präventionsakteure hingegen scheitere hingegen oft an der bestehenden Bürokratie, so ein Teilnehmer. Eine Lehrerin merkte an, dass Schulen als wichtigster Präventionsort mehr Verantwortung übernehmen müssten. Eine Lehrerin eines Bremer Schulzentrums widersprach, an ihrer Schule gebe es eine Steuergruppe und primäre Prävention im Themenfeld. Allerdings werde das Bekenntnis zu Demokratie von Jugendlichen oftmals negativ ausgelegt und als Akt der Unterwerfung interpretiert. Zum Thema der Evaluation berichtete eine Mitarbeiterin der "Bundesarbeitsgemeinschaft religiös begründeter Extremismus", dass es viel Angst vor schlechten Bewertungen gebe und die Evaluation mit einem hohen zeitlichen und unbezahlten Aufwand verbunden sei, den sich kleine Träger schlicht nicht leisten könnten.


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