20.2.2014 | Von:
Błażej Warkocki

Analyse: Die drei Emanzipationswellen der Schwulen in Polen

Erwähnenswert ist auch der Artikel von Krzysztof Darski (unter diesem Pseudonym trat Dariusz Prorok auf) mit dem charakteristischen Titel Jesteśmy inni (Wir sind anders), ebenfalls in der Polityka abgedruckt (1985), der eigentlich das erste polnische schwule Emanzipationsmanifest war. Hier ein Zitat: "Verlacht und an den Rand der Gesellschaft gedrängt, diskriminiert von ausnahmslos allen Institutionen und gesellschaftlichen Organisationen, verfolgt von Schwulenfeinden, geschlagen und beleidigt von Flegeln, während die Autoritäten dieser Welt schweigend zustimmen, vereinsamt und vom Staat, der Kirche, der Wissenschaft aufgegeben. […] Haben Homosexuelle irgendwelche Rechte in unserem Land? Ist irgendjemand daran interessiert, sie bei ihren so offensichtlichen persönlichen Problemen zu unterstützen? Liegt irgendjemandem daran, dass eine Beziehung zwischen zwei Männern aufrechterhalten wird?" Eines der rätselhaftesten Ereignisse bezüglich homosexueller Männer in der Volksrepublik Polen war die polenweite Aktion unter dem Decknamen "Hyacinthus", die auf das Schwulenmilieu abzielte und Ende 1985 von der Bürgermiliz und dem Sicherheitsdienst durchgeführt (und später mehrmals wiederholt) wurde. Noch immer ist über diese Aktion nur wenig bekannt. Obwohl in Polen die Zeit der Volksrepublik recht intensiv untersucht wird und es selbst über das Auto der Marke "Syrenka" eine eigene Monografie gibt, existiert über die Verfolgung von Homosexuellen noch immer keine gesonderte kompetente historische Arbeit. Im Übrigen ist bekannt, dass fast die gesamte Volksrepublik-Zeit hindurch homosexuelle Männer vom Sicherheitsdienst überwacht (unter anderem Jarosław Iwaszkiewicz, Jerzy Andrzejewski und Michel Foucault) und Verzeichnisse für Homosexuelle angelegt wurden. Die Aktion "Hyacinthus" war womöglich eine Intensivierung dieser Vorgehensweisen, sie mag eine sehr eigen verstandene Prävention vor HIV/AIDS zum Ziel gehabt haben, vielleicht war sie aber auch der Versuch, die ersten Schwuleninitiativen einzudämmen. Wer aber waren die sexuell Andersartigen des achten Jahrzehnts? Wie haben sie sich gesehen, wie haben sie sich definiert?

Agata Fiedotows Arbeit liefert hierzu interessantes Material, wie beispielsweise die Information, dass Aktivisten, die im Verband International Gay Association (IGA) organisiert waren, eine spezielle Abteilung für Kontakte mit den Ländern des kommunistischen Blocks gegründet hatten, den East Europe Information Pool (EEIP), der Informationen über die rechtliche und soziale Situation homosexueller Menschen sammeln und zu ihnen Kontakt aufnehmen sollte. Der EEIP wurde innerhalb der mit der IGA zusammengeschlossenen österreichischen Organisation Homosexuelle Initiative Wien (HOSI) gegründet, Koordinator wurde der in Wien lebende Pole Andrzej Selerowicz. Vielleicht waren deshalb die Kontakte zu Polen am intensivsten. Fiedotow hat etwa 280 Briefe analysiert, die in den 1980er Jahren bei den Vertretern des EEIP und bei den Jugendzeitschriften Razem und Na przełaj eingegangen waren. Aus diesen Briefen geht eine recht traurige kollektive Autobiografie der Homosexuellen hervor. Die Historikerin listet charakteristische Topoi auf: Feindseligkeit und Intoleranz der Umgebung (aber auch die Klage über schwierige Lebensbedingungen – in den Briefen, die an die westlichen Organisationen geschrieben wurden), unaufhörliche Befürchtungen, Unruhe, Ängste (wiederholter Verfolgungswahn), das Gefühl von Vereinsamung, Zusammenbruch (Alkoholismus, Depression, Selbstmord), aber manchmal auch – wesentlich seltener – die Akzeptanz der eigenen Sexualität ("mir geht es damit gut"). Darüber hinaus beschreibt Fiedotow die Strategie des Versteckens – vom Doppelleben in heterosexuellen Ehen (laut Darski war die Mehrheit der Homosexuellen in Polen verheiratet) bis hin zur selbst gewählten Einsamkeit. Besonders interessant war das EEIP-Projekt der gesellschaftlichen Entmarginalisierung – ein Versuch, die Schwulenidentität und die sie begleitende Emanzipationsbewegung in die Wirklichkeit, die am Ende der Volksrepublik herrschte, zu integrieren. Dieser Versuch endete in einem vollkommenen Fiasko, weil er an den Realitäten des Lebens in Polen vorbeiging. Die westlichen Aktivisten wunderten sich über den Widerstand gegen gesellschaftliche Initiativen von unten, nicht nur seitens des Regimes, sondern auch von den Betroffenen selbst, die sich nicht darum rissen, ihre eigenen Aktivitäten zu formalisieren (denn das hätte bedeutet, sich zu outen). Sehr lange wurde in schwulen Gruppen überwiegend der private Charakter gepflegt; hier sprach man über "unsere Themen". Wer Kontaktadressen zum Korrespondieren sammelte, weckte Misstrauen. Der Redakteur des Bulletins EEIP war für die Leser eher eine Art Freund und Berater als ein potenzieller Leader der Schwulenbewegung. Mit Sicherheit ist es nicht gelungen, eine schwule Identität (Öffentlichkeit, Stolz, Beziehungen) und ein gesellschaftliches Bewusstsein als Gegenstück zur "Klappen-Homosexualität" aufzubauen, sprich einer auf Zufalls-Sex begründeten Homosexualität.

Die 1990er Jahre – unter sich: Initiativen, Medien, Selbstbeschreibung

Was jedoch Ende der 1980er Jahre nicht gelungen war, wurde Schritt für Schritt im folgenden Jahrzehnt verwirklicht. Die 1990er Jahre waren nämlich die Zeit, in der Schwulenprojekte ins Leben gerufen wurden und die Schwulenidentität stabilisiert wurde. Beginnen wir am Anfang. Erstens wurde das Vereinsgesetz geändert, wonach die Legalisierung nun den Bezirksgerichten unterlag und nicht wie bisher den Verwaltungsbehörden. Auf diese Weise wurde 1990 der Verein "Lambda" eingetragen. In manchen größeren Städten bildete sich eine halböffentliche Form des gesellschaftlichen Verkehrs heraus. Den meisten Einfluss hatten sicherlich die Zeitschriften, die an Homosexuelle gerichtet waren. Manche waren recht kurzlebig, andere existierten lange, so zum Beispiel das in Posen erscheinende Magazin Inaczej (zwölf Jahre). Ihre Bedeutung kann nicht hoch genug geschätzt werden. Das waren keine pornografischen Zeitschriften, sie durften von dem Pressevertriebsunternehmen Ruch vertrieben werden und waren somit im Grunde in ganz Polen erhältlich. Zwar wurden sie ganz bestimmt nicht auf Dörfern und in Kleinstädten verkauft, aber man kann sagen, dass sie recht gut erhältlich waren. Auf diese Weise spielten sie sicherlich die Rolle eines Lehrbuchs für schwule Identität. Apropos "schwule" Identität: Betrachten wir einmal die Begriffe, die die Betroffenen für sich selbst benutzten, wenn sie ihre Identität beschrieben. In den 1980er Jahren wurde häufig das Wort "inny" (anderer) gebraucht. In manchen Briefen an die Vertreter von EEIP kommt das Wort "Homosexueller" überhaupt nicht vor, und als positive Selbstbezeichnung wurde eben das euphemistische Wort "anderer" benutzt ("Ich bin anders"). Schließlich trug das bereits erwähnte Manifest von Prorok den Titel "Wir sind anders"; das 1990 gegründete Posener Magazin hieß Inaczej (Anders). Die Andersartigkeit scheint also der Schlüssel zur damaligen Identität zu sein, und gleichzeitig ist sie eine positive Selbstdefinition, wobei es an anderen nicht demütigenden Bezeichnungen mangelt. Ende der 1980er Jahre tauchte in Polen das Wort "gay" auf.

Die ersten Ausgaben der Zeitschriften zeigten eine regelrechte sprachliche Aneignung dieses Wortes. Sie benutzten zum Beispiel das Adjektiv "gayowski", das mit der Zeit dann zu "gejowski" wurde. Das war jedoch nicht nur ein Wort, sondern es stand ein ganzes Identitätsprojekt hinter dieser Bezeichnung, das sich durch die gesamten 1990er Jahre hindurch und auch im darauffolgenden Jahrzehnt entwickelte. Auch dieses Identitätsprojekt wartet noch immer auf eine historisch-soziologische Beschreibung und Analyse, obwohl das notwendige Material umfangreich ist: die Zeitschriften, die Diskussionen, die geführt wurden, sowie zahlreiche Briefe an die Redaktionen. Eine solche Analyse wäre mit Sicherheit ein interessanter Beitrag zur Charakteristik Polens in der Zeit der politischen Transformation. Auf ein paar Dinge soll hier noch hingewiesen werden. Erstens erwies sich die amerikanische Emanzipationstradition als bedeutsam, insbesondere der "Stonewall-Mythos", ein Ereignis, das den Wendepunkt bringen sollte. Viele Male wurden diese Ereignisse angeführt und es wurde gemutmaßt, ob in Polen (nicht) etwas Ähnliches passieren könnte. Ein weiteres Thema ist eine Art Separatismus zwischen Schwulen und Lesben. Sie bilden eher getrennte Gruppen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen. Ausdruck dieses Separatismus war die Zeitschrift Inaczej – ein Schwulenmagazin mit ein paar Seiten für Lesben. Dabei kam es in den 1990er Jahren in Polen zu einer immer deutlicheren Stabilisierung der lesbischen Identität. Die Tatsache, dass sich damals diese noch immer vorpolitische lesbische Identität herauskristallisierte, wurde von Joanna Mizielińska registriert.

Doch die "homosexuelle Frage" konnte in den 1990er Jahren nicht als wesentliche gesellschaftliche Frage in den öffentlichen Diskurs durchdringen. Den Journalisten wäre es nicht in den Sinn gekommen, Politiker nach ihrem Verhältnis zur Legalisierung von Lebenspartnerschaften und Ehen zu befragen. Diese Frage wurde eher als gesellschaftlich marginal und unpolitisch wahrgenommen. Das änderte sich jedoch nach dem Jahr 2003. Schauen wir uns einmal die Literatur der 1990er Jahre an. Zu Beginn des Jahrzehnts entstand in Polen eine quasi-emanzipatorische Prosa, die von den Kritikern überhaupt nicht wahrgenommen wurde. Literarisch war sie durchschnittlich (was jedoch besagte Kritiker in keiner Weise entschuldigt). Erinnern wir uns an das umfangreiche Buch Ból istnienia von Marcin Krzeszowiec (1992), an Nieznany świat (Die unbekannte Welt) von Antoni Romanowicz (1992), an Zakazana miłość (Verbotene Liebe) von Tadeusz Gorgol (1990) und Gorące uczynki (Frische Tat) von Witold Jabłoński (1989). Diese Bücher sind meistenteils bedrückend, weil sie die pathologisierte Homosexualität in der Volksrepublik Polen verbildlichen (sie entstanden zu dieser Zeit, doch erst in der Dritten Republik wurde es möglich, dass diese Bücher tatsächlich erschienen, auch wenn sie nicht wahrgenommen wurden). Ihre Protagonisten sagen Folgendes: Ja, wir sind homosexuell, schaut einmal, wie schwer wir es haben (weil sie es wirklich schwer hatten), versteht uns also (dazu ist es wohl nicht gekommen). In diesem Zusammenhang kristallisierte sich ein neuer Identitätstyp heraus – der Schwule (und nicht der Homosexuelle der Moderne). Die polnische lesbische Literatur der 1990er Jahre hatte nicht die gleiche Durchschlagskraft. Die auffallendste Autorin war (und ist weiterhin) Ewa Schillig, deren Buch Lustro (Der Spiegel) 1998 erschienen ist. Das war die erste polnische Sammlung von Erzählungen, deren Protagonistin immer eine Lesbe ist (obwohl der Leser nie von Anfang an weiß, welche es ist, was der Lektüre suspense verleiht).