Das Brandenburger Tor am Pariser Platz in Berlin.

19.3.2009 | Von:
Rainer Eckert

Das historische Jahr 1990

Der 9. November 1989 gehört zu den glücklichsten Tagen der deutschen Geschichte. Ohne die Ereignisse des Vormonats ist er jedoch nicht denkbar - am 9. Oktober kapitulierte die Staatsmacht in Leipzig angesichts der friedlichen Demonstrationen.

1989 Friedliche Revolution 801989 Friedliche Revolution 80 (© AP )

Einleitung

In der Bundesrepublik scheint vielen im Jahr 2005 die Zukunft bereits verloren. Weder die Bevölkerung noch die politischen Eliten scheinen eine Vorstellung davon zu haben, wie die Gesellschaft in zehn oder in zwanzig Jahren aussehen könnte.[1] Situation und Stimmung seien geprägt von Melancholie, Selbstzweifel und Unzufriedenheit, meint der deutsch-amerikanische Historiker Fritz Stern.[2] Neue soziale Ungleichheit und "flächendeckender Fatalismus" scheinen sich breit zu machen, und vielen scheint ein Rückgriff auf die Vergangenheit zur Vergewisserung von Gegenwart und Gewinnung von Zukunft nahe liegend.




Dabei wäre zu klären, um welche Aspekte des Vergangenen es sich handeln könnte. Nicht wenige Beobachter befürchten, dass die hier gemeinte Vergangenheit der Deutschen der Nationalsozialismus sein könnte: Erinnerung an eine "faszinierende" Zeit, als die Massenarbeitslosigkeit überwunden wurde, Deutschland in der Welt wieder etwas galt und "Blitzkriege" gewann. Hinzu kommen in vielen Familien die Erinnerungen an "Leid, Bedrängnis und Not, um das ausgebombte Haus, die zurückgelassene Habe, den Opa, der damals noch ganz jung war, in Kriegsgefangenschaft",[3] und in Wissenschaft und Publizistik wird der Status der Deutschen als Opfer von Bombenkrieg, Vertreibungen und Vergewaltigungen entdeckt.[4] Solche Erinnerungen sind nicht zu diskreditieren, denn jedes Volk hat das Recht und sogar die Pflicht, an die eigenen Toten zu erinnern. Auch die individuelle Bearbeitung des in der Familie oder persönlich erlittenen Leides ist notwendig und sinnvoll. Doch sollte es nicht aus dem Gesamtzusammenhang deutscher Schuld gerissen werden.

Insgesamt ist die monströse Verbrechenszeit des "Dritten Reiches" so gut erforscht und im öffentlichen Bewusstsein verankert, dass sie als "nationales Faszinosum" unbrauchbar ist. Dessen ungeachtet ist die ständige Beschäftigung mit deutscher Schuld weiter notwendig, und auch wenn der einzelne Deutsche heute nicht persönlich schuldig ist, so besteht doch die Verantwortung der Nation weiter. Auschwitz als Gründungsfundament der Bundesrepublik "ex negativo" wird bleiben. Jedoch ist zu fragen, ob diese Erinnerung für eine Neuformierung nationaler Identität ausreicht. Eine mögliche Antwort ist verbunden mit der Suche nach dem Positiven in der deutschen Geschichte.

Sinnvollerweise fällt der Blick schnell auch auf die deutschen Freiheitstraditionen. Diese lassen sich weit zurückverfolgen. Von entscheidender Bedeutung für die geistig-moralische Stabilisierung der Demokratie der Bundesrepublik sind der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und der gegen die zweite deutsche Diktatur. Hier rückt die friedliche Revolution von 1989/90 und die durch sie ermöglichte Wiedervereinigung ins Blickfeld.

Bei der Frage nach der historischen Bedeutung des Jahres 1990 und des Herbstes des Vorjahres geht es nicht zuerst um den 9. November 1989 und den Fall der Berliner Mauer, sondern vor allem auch um den 9.Oktober 1989 in Leipzig, als die Staatsmacht angesichts der schieren Masse der friedlichen Demonstranten kapitulierte. Das Volk auf der Straße schuf erst die Voraussetzung für den Mauerfall, als Höhepunkt einer friedlichen Revolution. Diese Perspektive verlieren manche Historiker und Politikwissenschaftler oft aus den Augen, wenn sie die externen Bedingungen wie die wirtschaftliche Überlegenheit des Westens, die Informationsrevolution, die Rolle westlicher Politiker oder des sowjetischen Parteiführers Michail Gorbatschow überbetonen.[5] Doch erst nach dem entscheidenden Montag in Leipzig war das politische Handeln zur deutschen Einheit möglich.

So ist es zwar richtig, dass der 9. November 1989 zu den glücklichsten Tagen in der Geschichte der Deutschen zählt,[6] doch ist er ohne den 9. Oktober nicht denkbar. Dies gerät immer mehr in Vergessenheit, da Berlin als deutsche Hauptstadt mehr Interesse auf sich zu ziehen vermag als die "ostdeutsche Provinz" und es vom Mauerfall die eindrucksvolleren Bilder gibt. Letzterer war ein deutsch-deutsches Ereignis. Trotzdem sollte der Fall der Berliner Mauer nicht zum Sturm auf die Bastille aufgewertet werden.[7] Erst die Besetzungen der Zentralen der Geheimpolizei der SED ab dem 4. Dezember 1989 entsprechen diesem frühen Höhepunkt der Französischen Revolution.

Forderungen der Bürgerbewegung

Die kommunistische Diktatur war 1989 wirtschaftlich, sozial, moralisch und umweltpolitisch am Ende. Es dominierte ein geducktes, geistig erschöpftes Warten darauf, ob aus Moskau der Befehl zur Freiheit kommen würde. Bei den Herrschenden verfiel die marxistisch-leninistische Ideologie, und der Mut, sich zu den eigenen Idealen zu bekennen, schwand in dramatischer Geschwindigkeit.[8] In dieser Situation war es ein historischer Glücksfall, dass sich die Hoffnungen und Forderungen der Bürgerbewegung kurzfristig mit denen der Mehrheit der Bevölkerung verbanden und revolutionäres politisches Handeln möglich wurde.

Ein Text des Neuen Forums vom 28. Oktober 1989 macht beispielhaft die Forderungen der Bürgerbewegung deutlich.[9] Es ging um Freiheit im Sinne von Presse-, Meinungs-, Verfassungs- und Demonstrationsfreiheit, um Reisefreiheit und um die Freiheit der Wahl des Wohnsitzes. Dazu kam die Vorstellung von einer reformierten DDR ohne omnipräsente (Geheim-)Polizei - mit der Bundesrepublik freundschaftlich verbunden, aber doch mit dem Anspruch auf eine "neue DDR".[10] Das war eine letztlich illusionäre Position.

Zu den Reformhoffnungen der Bürgerrechtsgruppen gehörten ferner eine Medienreform, die Reform des Wahlrechts, grundlegende Veränderungen im Bereich politischer Strafjustiz und im Strafvollzug sowie die Offenlegung und der Abbau aller Vergünstigungen und Sonderversorgungen für Staatsfunktionäre. Der Wehrdienst sollte verkürzt und ein legaler, sozialer Ersatzdienst eingerichtet werden. Polizei- und Sicherheitsorgane sollten parlamentarisch kontrolliert und auf das unbedingt nötige Ausmaß beschränkt werden. Weitere Forderungen bezogen sich auf die Entflechtung von Staat und Gesellschaft, den Abbau der Bürokratie sowie die Selbständigkeit der Kreise und Gemeinden. Es gab auch Hoffnungen auf einen Aufbruch in Erziehung und Ausbildung und eine Stabilisierung des sozialen Netzes.

Die Forderungen, Hoffnungen und Wünsche der Mehrzahl der Ostdeutschen waren unter dem Leitwort "Wir sind das Volk" für einen kurzen, glücklichen historischen Zeitraum fast identisch mit denen der Bürgerbewegung, um sich dann nach dem Fall der Berliner Mauer zu differenzieren und sich unter der Erkenntnis "Wir sind ein Volk" immer schneller in Richtung möglichst rascher und kompletter Wiedervereinigung zu entwickeln. Im Einzelnen kennzeichnete die Situation auf den Demonstrationen des Herbstes 1989, dass allgemeine politische Forderungen mit Wünschen nach Veränderungen im Alltag verbunden waren.[11] Diese ähnelten sich in allen Teilen der DDR. Die Demonstranten forderten "Stasi in die Produktion", die SED-Funktionäre sollten zur Verantwortung gezogen werden, der Führungsanspruch der SED war zu beenden und die Opfer politischer Verfolgung zu rehabilitieren. Das bedeutete freie Wahlen, freie Presse, freie Religionsausübung und die Freiheit der schulischen Bildung, der universitären Lehre sowie der Forschung. Auch die Präsenz sowjetischer Truppen in der DDR wurde kritisiert.

Weitere Hoffnungen richteten sich auf das Vergehen der hypertrophen Bürokratie. Insbesondere die Sachsen begrüßten jubelnd die Vision einer Neugründung ihres Freistaates. SED bzw. Blockparteien und Massenorganisationen sollten die Betriebe verlassen, der Umweltschutz war zu sichern, der Verfall der Städte aufzuhalten und das Gesundheitswesen zu reformieren. Behinderte und Alte sollten besser versorgt und Kinderspielplätze gebaut werden. Demonstranten forderten das Verschwinden des Moderators Karl Eduard von Schnitzler von den Fernsehbildschirmen und eine wahrhaftige Aufarbeitung der Geschichte.

Viele setzten nicht zuletzt auf eine Verbesserung ihrer materiellen Situation, und nicht wenige dachten dabei an die Ersetzung ihres "Trabis" durch ein "richtiges" Auto. Schließlich gewann auch die Hoffnung auf ein einiges Deutschland in einem vereinten Europa an Bedeutung. In der allgemeinen Euphorie und Zukunftserwartung wiesen nur wenige Redner auf den Zusammenbruch der Wirtschaft oder soziale Einbrüche hin oder verbanden dies gar mit der Prophezeiung bevorstehender schwerer Zeiten. Viele Ostdeutsche wollten das damals nicht hören.

Die Forderungen der Revolution von 1989/90 hat der Leipziger Historiker Hartmut Zwahr systematisch untersucht und klassifiziert. Er identifiziert vier Gruppen von Forderungen: 1. nach Demokratisierung ("Demokratie - jetzt oder nie" "Wir sind das Volk"), 2. nach Grundrechten und -freiheiten ("Pressefreiheit", "Zivildienst Menschenrecht", "Reisefreiheit für alle", "Visafrei bis Hawaii", "Streikrecht"), 3. nach Machtwechsel ("Erich geh, uns tut's nicht weh", "Neue Männer braucht das Land" "Regierung zurücktreten! Verantwortliche bestrafen") und 4. nach Zerstörung der staatlichen Machtapparate, zuerst der Staatssicherheit ("Stasi weg, hat kein' Zweck", "Stasi in die Volkswirtschaft", "Stasi, deine Zeit ist um").[12]

Mehr als 90 Prozent der Forderungen des Herbstes 1989 sind realisiert worden. Die Schwierigkeiten der Gegenwart - von der Massenarbeitslosigkeit über die Überalterung der Bevölkerung bis zur Abwanderung aus dem Osten - konnten die Ostdeutschen 1989/1990 kaum erahnen.

Fußnoten

1.
Vgl. Harald Welzer, Nervtötende Erzählungen. Die Bewältigung der Vergangenheit in Deutschland gilt als vorbildlich. Was bewältigt ist? Gar nichts, in: Frankfurter Rundschau, Beilage, vom 7.5. 2005, S. 1.
2.
Fritz Stern, Fünf Deutschlands sind ein bisschen viel. Interview, in: Der Tagesspiegel vom 19.6. 2005.
3.
H. Welzer (Anm. 1).
4.
Vgl. Jörg Friedrich, Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940 - 1945, München 2003; Hubertus Knabe, Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland, Berlin 2005.
5.
Vgl. u.a. Eckhard Jesse, Das Dritte Reich und die DDR - Zwei "deutsche" Diktaturen?, in: Totalitarismus und Demokratie, 2 (2005) 1, S. 49, oder: Dennis L. Bark, Außenpolitische Bedingungen der deutschen Einheit. Die "Supermächte", in: Zeit-Fragen. Der Weg zur Wiedervereinigung, Köln-Bonn 2000, S. 11 - 26.
6.
Vgl. Heinrich August Winkler, Der lange Weg nach Westen. Deutsche Geschichte vom "Dritten Reich" bis zur Wiedervereinigung, Bd. 2, München 2000, S. 513.
7.
So Winkler, vgl. ebd., S. 517.
8.
Vgl. Jens Reich, Rückkehr nach Europa. Zur neuen Lage der deutschen Nation, München-Wien 1991, S. 79, 131. 9 Vgl. ebd., S. 193 f.
9.
Vgl. ebd., S. 193 f.
10.
Vgl. ebd., S. 261.
11.
Etwa am 19. 11. 1989 auf dem Dresdner Theaterplatz, Tonbandmitschnitt.
12.
Vgl. Hartmut Zwahr, Ende einer Selbstzerstörung. Leipzig und die Revolution in der DDR, Göttingen 1993, S. 130 - 131.

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