68er Dossier
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Orgasmen wie Chinaböller

Sexualität zwischen Politik und Kommerz

6.6.2008

Nachwirkungen der sexuellen Revolution



Aber während heterosexuelle Schwierigkeiten und Nachrufe auf die sexuelle Revolution zu medialen Dauerthemen wurden, erlebte die Schwulen- und Lesbenbewegung großen Aufschwung. Im veränderten gesellschaftlichen und politischen Klima seit Mitte der 1960er Jahre – unter dem Einfluss der 'Sexwelle', der sozialdemokratischen Regierungsbeteiligung im Rahmen der Großen Koalition (1966–69), der Studentenbewegung und der in der Bevölkerung um sich greifenden Überzeugung, die Moralvorstellung der christlichen Kirchen sei heuchlerisch – wuchs in allen im Bundestag vertretenen Parteien die Bereitschaft, das Sexualstrafrecht großzügiger zu gestalten. Zwar lehnten CDU-Politiker 'Humanitätsduselei', wie sie es nannten, weiterhin ab, räumten aber ein, dass ihrer Partei 'Modernisierung' und Anpassung "an die gewandelten Anschauungen [...] des 20. Jahrhunderts" zu Sexualfragen gut täte. Dementsprechend hob der Bundestag am 9. Mai 1969 nicht nur den Straftatbestand des Ehebruchs auf (und die anachronistische Kategorie der "Erschleichung des außerehelichen Beischlafs"), sondern auch die Strafbarkeit homosexueller Handlungen zwischen Männern über 21 Jahren.[29] Kurzum: Der rasante Wertewandel hinsichtlich des heterosexuellen Sexualverhaltens hatte auch einem Umdenken gegenüber der Homosexualität den Boden bereitet.

1100 Menschen demonstrieren im Juni 1970 in Hollywood gegen die Diskriminierung Homosexueller. In Deutschland hob der Bundestag im Mai 1969 die Strafbarkeit homosexueller Handlungen zwischen Männern über 21 auf. Foto: AP1100 Menschen demonstrieren im Juni 1970 in Hollywood gegen die Diskriminierung Homosexueller. In Deutschland hob der Bundestag im Mai 1969 die Strafbarkeit homosexueller Handlungen zwischen Männern über 21 auf. (© AP)
Die Aufhebung der Strafbarkeit war die entscheidende Vorbedingung für die Entstehung der Schwulenbewegung. Den eigentlichen Anstoß lieferte der Aufsehen erregende Episodenfilm "Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt". 1971 von dem kompromisslosen schwulen Filmemacher Holger Mischwitzky (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Rosa von Praunheim) unter Mitwirkung von Martin Dannecker gedreht, rüttelte der Film das schwule Publikum mit dem Slogan "Raus aus den Klappen, rein in die Straßen!" auf. Der Film war alles andere als eine Bitte um Toleranz. Vielmehr gingen von Praunheim und Dannecker in ihrem Film von Homosexuellen für Homosexuelle scharf gegen die äußerliche Anpassung und den heimlichen, anonymen Sex vor, die für die damaligen Strategien der homosexuellen Subkultur kennzeichnend waren. Die Bedeutung dieses Films für die Schwulenbewegung in der Bundesrepublik kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Er gab den Anstoß für eine tief greifende Veränderung des Lebens vieler Homosexueller. Trotz feindseliger Ausbrüche, sarkastischer Herablassung seitens der Boulevardblätter, die von Praunheim und Dannecker wegen ihrer linken Überzeugungen angriffen und ihnen vorwarfen, sie seien "intellektuelle Gesäßsexualisten", und des Widerstands konservativer Homosexueller, konstituierte sich schon bald eine bundesweite Homosexuellenbewegung.[30] Als sich 1978 im "Stern" unter der Überschrift "Wir sind schwul" 682 Männer namentlich und zum Teil mit Foto zu ihrer Homosexualität bekannten, war die Trendwende erreicht; von diesem Moment an ließen sich die liberaleren Massenmedien – wenn auch noch mit erheblicher Ambivalenz – mehr auf die Anliegen der Homosexuellen ein.

Lesben, die zunächst entweder mit schwulen Männern in homosexuellen Gruppen und/oder in der Frauenbewegung für das Recht auf Abtreibung mitgearbeitet hatten, bildeten nun eigene Organisationen, selbst als die vorwiegend heterosexuelle Frauenbewegung trotz anfänglicher homophober Abwehr sich zunehmend auch um die Rechte lesbischer Frauen kümmerte und den Slogan "Schluss mit dem Zwang zur Heterosexualität!" aufgriff. 1974 geriet lesbische Liebe bundesweit ins Blickfeld, als dem lesbischen Paar Marion Ihns und Judy Andersen der Prozess gemacht wurde. Die Anklage lautete, die beiden hätten einen Killer angeheuert, um Ihns gewalttätigen Ehemann, der sie zu vergiften versuchte und wiederholt vergewaltigt hatte, umbringen zu lassen. Die beiden Angeklagten wurden auch für viele heterosexuelle Frauen zu Identifikationsfiguren. Die massiv lesbenfeindlichen Einlassungen im Gerichtssaal und in der Presse wurden als Demütigung aller Frauen verstanden und zogen lautstarke Proteste nach sich: 'Gegen geile Männerpresse, für lesbische Liebe' lautete die Parole. Im Verfahren werde die weibliche Sexualität als solche an den Pranger gestellt.[31] Heterosexuelle Frauen verfolgten auch die Diskussionen unter lesbischen Frauen über sexuelle Praktiken mit großer Aufmerksamkeit. Ihr Wunsch, von lesbischen und bisexuellen Frauen zu lernen und das ihrer Ansicht nach beschädigte Verhältnis zum eigenen Körper zu verbessern und so die Sexualität mit Männern befriedigender zu gestalten, war untrennbar mit der emotionalen und physischen Nähe verbunden, die die Frauen in der Frauenbewegung untereinander aufbauten. Gerade als das Auftreten von HIV/Aids Anlass gab, das Ende der sexuellen Revolution auszurufen, demonstrierten streitbare Schwule und Lesben weiterhin gegen Scham, Heimlichtuerei und Selbsthass, priesen unkonventionelle Formen der Sexualität und zeigten mit ihrem Beispiel, dass Menschen sich tatsächlich rund um die Themen Lust und Vergnügen politisch zusammenschließen konnten.

Paradoxerweise ging auch der deklarierte Zusammenbruch der sexuellen Revolution mit fortschreitender sexueller Liberalisierung einher. Ein Ausdruck dessen ist die 2003 vom Europäischen Parlament bestätigte Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, was man zum einen als Domestizierung eines Phänomens mit ehemals subversivem Potenzial, zum anderen als Sieg nach Jahrzehnten des Kampfes für die Menschenrechte begreifen kann. Aber auch die Entwicklung zu einer geradezu exhibitionistischen Gesellschaft und die Selbstverständlichkeit, mit der jede spezielle Vorliebe, die einst als Perversion galt und nur im Geheimen gepflegt wurde, nun in den Medien als wichtiger Bestandteil der individuellen Identität behandelt wird, zeugt von dieser Liberalisierung. Und dasselbe gilt für den enormen – wenn auch verspäteten – Erfolg der Frauenbewegung, der sich nicht zuletzt darin manifestiert, dass eine Sexualkultur geschätzt wird, in der Werte wie Aushandeln und Konsens und gegenseitige Beglückung einen hohen Stellenwert haben. Etwas endete jedoch tatsächlich in den späteren 1970er und frühen 1980er Jahren und wurde schrittweise durch etwas Neues ersetzt, das noch keinen Namen hat, aber heute, aus der Perspektive der Jahrtausendwende, als "neosexuelle Revolution" (Volkmar Sigusch) bezeichnet werden könnte.

Diese "neosexuelle Revolution" lässt sich in verschiedenen Erscheinungen diagnostizieren: in der Pharmakologisierung der Sexualität; in einer Tendenz, den 'Ego-Trip' der narzisstischen Selbstdarstellung mindestens ebenso aufregend zu finden wie die körperliche Empfindung des Orgasmus; in dem Bemühen, den Zeitaufwand für sexuelle Begegnungen so zu optimieren, dass sie der Karriere möglichst wenig schaden. Probleme, die man früher eher als psychologisch oder sozial betrachtet hätte, gelten nun als chemisch lösbar. Damit wird nicht nur die Beziehung zwischen Emotionen und Drüsen, sondern auch die zwischen dem Selbst und den anderen neu definiert. Die intensiven Bemühungen verschiedener Firmen, auch weibliche sexuelle Funktionsstörungen als medizinische Kategorie zu erfinden und damit einen Markt für 'Viagra für Frauen' zu schaffen, kann man als zweischneidiges Ergebnis der Neuen Frauenbewegung ansehen. Die Maßstäbe für 'normalen' Sex wurden hinterfragt und Verhaltensweisen und Praktiken in den Vordergrund gestellt.

Wenn kritische Beobachter zu formulieren versuchen, was sie als Entdramatisierung und Banalisierung der Sexualität zu Beginn des 21. Jahrhunderts verstehen, dient ihnen 1968 stets als der entscheidende Bezugspunkt. Ende der 1960er Jahre, darauf hat der Hamburger Sexualwissenschaftler Gunter Schmidt hingewiesen, waren sowohl die neulinken Studenten als auch die alarmierten religiösen Konservativen, die sich über sie empörten, davon überzeugt, dass die Sexualität eine weltbewegende Kraft sei. Die Radikalen wollten sie befreien, die Konservativen sie in ihre Schranken verweisen, aber beide glaubten fest an ihre Macht. Die Sexualwissenschaftler von heute stellen aber fest, dass in den westlichen Gesellschaften seit den 1980er Jahren nicht nur die Begierde zurückgegangen ist, sondern auch die Überzeugung, dass Begierde eine ungebärdige Kraft sei, die im Einzelnen oder zwischen den Einzelnen aufbricht. Stattdessen habe die Konsumgesellschaft einen endlosen Kreislauf aus Reiz und Erregung, Zurschaustellung und Schauen, eine beständige Suche nach immer neuem Kitzel statt nach endgültiger Befriedigung in Gang gesetzt. Stimulierung sei allgegenwärtig, aber die Körper reagieren nicht. Wie Schmidt kurz und bündig formuliert: "Der Begriff 'Leidenschaft' ist heute so obsolet wie der der 'sexuellen Sünde'."[32]

Manche Beobachter meinen, selbst bei direkten körperlichen Kontakten seien die physiologischen Reaktionen mittlerweile so weitgehend von den Gefühlen abgelöst, dass ein Orgasmus mehr der Selbstversicherung diene und als Trophäe im Kampf mit dem anderen Körper zähle, als dass er das lustvolle Ergebnis einer sexuellen Begegnung vor dem Hintergrund einer starken Anziehung durch ein bestimmtes anderes menschliches Wesen sei. Aus einer derart illusionslosen Sicht heraus wird Sexualität nichts anderes als die Betätigung "zweier irgendwie aneinander manipulierender Personen".[33] In diesem Klima von Lustlosigkeit und Unbehagen erscheint das Jahr 1968 als eine Zeit, in der Verbote der Sexualität immerhin noch einen Reiz verliehen hatten.


Fußnoten

29.
Bundestagsdebatte, 9. Mai 1969 (232. Sitzung) in Verhandlungen des deutschen Bundestages, 5. Wahlperiode: Stenographische Berichte, 70, Bonn 1969, S. 12829, 12832. Erster Schriftlicher Bericht des Sonderausschusses für die Strafrechtsreform, in: Verhandlungen... Anlagen, Bonn 1969, S. 3.
30.
Kuhlbrodt 1984.
31.
Pater 2006.
32.
Schmidt 1996.
33.
Kurt Starke zit. in: Mühlberg 1995, S. 21.

 

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